Kommentar von Petersgradmesser
Der FC Bayern, zuletzt elf Mal in Serie Deutscher Meister und in diesem Zeitraum auch zweimaliger Triple-Sieger, steckt in einer Krise, wie sie die jüngeren Fans des Rekordmeisters noch nicht erlebt haben. Vergleiche mit den Magath-Bayern 2006/07 und den Klinsmann-Bayern 2008/09 sind erlaubt.)* Dass die Medien und die Fans der anderen deutschen Vereine auf die Gelegenheit gewartet haben, es den Bayern für ihre jahrelange Dominanz so richtig heimzuzahlen, war zu erwarten und ist in unserer heutigen Gesellschaft als ganz normal zu sehen. Schade. Aber wirklich bitter wird es erst, wenn sich massenhaft eigene Anhänger an Häme, Hetze, (rassistischen) Beleidigungen etc. beteiligen. Das Deckmäntelchen, dass ein aufrichtiger Fan auch einmal Kritik äußern darf, ist bei dieser (zu) häufig anzutreffenden Weise ein fürchterlich schlechter Witz.
Selbst bin ich der Meinung, dass diese Spielergeneration – Kimmich, Goretzka, Musiala, Sané, Gnabry, auch viele andere – schon seit knapp zwei Jahren einen – bestenfalls überragenden – Mentalcoach benötigt, um regelmäßig ihr nachweislich vorhandenes riesiges Potenzial abzurufen. Mein jüngster diesbezüglicher Appell:
Der FC Bayern braucht dringend (noch) einen anderen Coach! – FC Bayern Total
Vom Verein (noch) nicht erhört, von vielen FCB-Fans dagegen durchaus. Allerdings wird die Idee auch von nicht wenigen Fans als absurd eingestuft, verlacht und verspottet. Grundtenor: „Die Millionäre sollen gefälligst laufen„, natürlich zählt auch ein zum Teil widerliches Mobbing und Bashing gegen den Bayern-Coach Thomas Tuchel zu den ganz häufigen Reaktionen. Empathielos. Zum Teil geradezu menschenverachtend.
Das ganze Szenario erinnert ein bisschen an Gepflogenheiten des Mittelalters: Wenn es dem Volk besonders schlecht ging, es besonders wütend war und geknechtet wurde, reagierten die Herrscher zur Beruhigung des Pöbels mit besonders grausamen Ideen: Öffentliche Folterungen, Hinrichtungen, Verbrennungen fanden immer eine riesige Resonanz. Das Volk johlte vergnügt und vergaß seine eigenen Sorgen, seine eigene Wut.
Die Zeiten von öffentlichen Abschlachtungen haben wir glücklicherweise hinter uns, eine stellvertretende Lynchjustiz existiert aber definitiv noch. Keine körperliche, sondern eine seelische. Die grausamen Herrscher des Mittelalters werden heutzutage von den Medien ersetzt, das unzufriedene Volk durch die Fans. Gemeinsam schlachten sie Menschen – verbal. Die einen erzielen damit Clicks, um sich zu finanzieren, die anderen scheinen dabei eine große Genugtuung zu spüren. Hunderttausende, Millionen beteiligen sich daran. Wie jetzt im Kontext des FC Bayern vor allem bei Tuchel, häufig aber auch bei Spielern wie Dayot Upamecano, Leroy Sané. Die Anzahl der Opfer steigt permanent.
So werden selbst klare Statements des eigenen Vereins von zahlreichen Fans für nicht mehr glaubwürdig als widerliche Gerüchte der Boulevardmedien erachtet. Wie nach der Veröffentlichung dieses Beitrags geschehen:
Angeblicher Tuchel-Kabinen-Satz: FCB-Pressesprecher kritisiert die Medien scharf – FC Bayern Total
Obwohl es für den eigenen Verein eine Katastrophe wäre, wünscht man sich insgeheim, dass die Sky-Story der Wahrheit entspricht … das Tuchel-Schlachten findet damit eine Rechtfertigung, eine Legitimation.
)* Eigentlich waren die Bayern in der zweiten van-Gaal-Saison 2010/11 auch nicht besser. Ein Jahr vor dem Finale dahoam kursierte an der Säbener Straße das Schreckensszenario, dass man sich nicht für den Wettbewerb qualifizieren könnte. Am Ende konnte man – mit Müh und Not – Hannover 96(!) doch noch hinter sich lassen.
