Kommentar von Petersgradmesser
Gleich vorweg: Wer sich jetzt bei der Überschrift auf einen Bashing-Text zum aktuellen FCB-Coach Thomas Tuchel eingestellt, gar gefreut hat, der wird hier enttäuscht werden. Nahezu mit Entsetzen habe ich gestern Abend die zum einen reflexartigen, zum anderen teilweise unterirdischen Kommentare zu Tuchel zur Kenntnis genommen. Den Anstoß zu diesem Beitrag hat Thomas Müllers genervter Kommentar zur gestrigen Klatsche in Leverkusen gegeben.
Der 34-Jährige: „Ich bin angefressen. Gratulation an Leverkusen, es ist ein absolut verdienter Sieg. Im Training zeigen wir deutlich bessere Ansätze, weil wir da mutiger sind, frei Fußball spielen. Es fehlt teilweise die Freiheit, wir haben eine Verkopftheit im Spiel. Leverkusen zockt einfach, sie suchen Lösungen. Ich erwarte, dass wir Spieler auf dem Platz zwar den Druck spüren, aber das muss einem Energie geben. Wenn es mal zäh ist, muss man den Ball öfter in die gegnerische Hälfte bringen. Keiner bei uns hat die Freiheit, dass er zu zocken beginnt. Heute waren wir nicht da, wir haben 3:0 verloren. Es hat mit Selbstständigkeit auf dem Platz zu tun, Entscheidungen zu treffen, welche Laufwege ich mache, wie aggressiv gehe ich raus, erkenne ich Situationen….“
Die noch aktive FCB-Legende bestätigt dabei zuletzt getätigte Äußerungen seines Coaches, dass die Spielleistungen nicht ansatzweise den Trainingsleistungen entsprechen würden.
Obwohl Tuchel den ominösen Satz in der Spieltags-PK nicht gebracht hat, ist es seit fast zwei Jahren ein Rätsel, warum die Bayern-Mannschaft regelmäßig so weit unter ihrem tatsächlich vorhandenen und bewiesenen Niveau performt. Schon Julian Nagelsmann soll an diesem Phänomen verzweifelt sein. Gerüchtehalber soll es ihm sogar den Job gekostet haben, weil er mit diesem Problem zu den damaligen Bossen Salihamidzic und Kahn gegangen ist. Nachdem der FCB auch das Gerüst der Nationalmannschaft stellt(e), ist im Grunde genommen auch Hansi Flick an diesem Problem gescheitert.
Nagelsmann, Flick, nun auch Tuchel? Drei der international renommiertesten deutschen Trainer verzweifeln und scheitern am selben Problem? Wo ist es denn eigentlich hauptsächlich anzusiedeln?
Es ist ganz sicherlich hauptsächlich ein mentales Problem. Die meisten FCB-Führungsspieler spielen schon seit vielen Jahren im Klub, das Problem taucht – grundsätzlich untypisch für das Mia san mia Selbstverständnis – regelmäßig auf. Irgendetwas ganz Tiefgründiges läuft in der Psyche (zu) vieler Spieler falsch.
Der Druck beim FC Bayern ist ein gewaltiger. Weltweit sind nur in sehr wenigen Vereinen die Kicker solch einem ausgesetzt. Die Erwartungshaltung, die in München schon immer riesig gewesen war, ist in den letzten elf Jahren mit jeder weiteren Meisterschaft noch einmal angestiegen. Am Saisonende 2021/22 – der FCB stand sehr frühzeitig im April als Meister fest – wurde die Punktzahl von 77(!!) diskutiert und kritisiert. Eigentlich unfassbar.
Zum Druck einer fast schon unmenschlichen Erwartungshaltung kommt eine ebenso unglaubliche Medientreibjagd, -hetze hinzu. Es gibt einige sog. TV-Experten, deren einziger Lebensinhalt es zu sein scheint, dem Rekordmeister und seinen Protagonisten ans Bein zu pinkeln. Falsche Darstellungen und Behauptungen sind dabei eher die Regel als die Ausnahme.
Um in so einem Hexenkessel Woche für Woche bestehen zu können, muss man mental sehr sehr stabil sein. Die aktuellen Bayernspieler scheinen aber eher sehr sensibel zu sein. Eben ganz normale Menschen. Dass ein gewaltiger Gehaltsscheck dieses Übel beheben muss, ist eine der dümmsten Annahmen überhaupt im Profifußball.
Was fordere ich also zum wiederholten Mal seit mehr als anderthalb Jahren? Der FC Bayern braucht zur Bewältigung dieses Schlamassels einen herausragenden Mentalcoach! Und zwar nicht nur für die aktuelle Mannschaft, sondern dauerhaft. Die Belastungen in unserer Gesellschaft werden für Menschen, die wie die Profi-Fußballer des FCB dauerhaft im Brennpunkt der Öffentlichkeit stehen, eher noch wesentlich größer als dass sich diese Situation bessern würde. Und es sind eben nur Menschen.
Für mich persönlich eine kurzfristig wesentlich sinnvollere Maßnahme als die erneute Entlassung eines mittlerweile in München regelmäßig bedauernswerten sportlichen Übungsleiters …
Wenn man dann zur neuen Saison den für mich aktuell weltbesten Fußball-Trainer, der von 2014 bis 2017 im Verein gespielt hat, bekommen kann, ist dies sicherlich aus derzeitiger Sicht auch kein falscher Schritt …
Update 12. Februar 2024:
Der Beitrag hat sehr viel Feedback bekommen. Sehr viele fanden die Idee bzw. den Denkanstoß mit dem (Weltklasse-)Mentaltrainer interessant bis sehr gut. Nicht wenige waren davon überrascht, dass der Rekordmeister offensichtlich derzeit keinen besitzt. Anderen (glücklicherweise waren das eher wenige) gefiel der Ansatz nicht: Der Chefcoach selbst müsste auch diese Aufgabe ausfüllen … naja, dann hätte er bei so einem komplexen Gebilde wie dem FCB & Umfeld wohl einen 20-Stunden-Tag und er würde sich die wenigste Zeit auf seine Kernaufgabe konzentrieren können …
Selbst – immer noch fassungslos ob der Nichtleistung – habe ich mir die Schlüsselszenen des Spiels wiederholt angeschaut und meine Meinung hat sich immer mehr verfestigt. Nicht eine möglicherweise falsche taktische Marschroute von Tuchel war der Grund für diese Fehlleistung, es waren Konzentrationsfehler, mentale Blackouts am laufenden Band.
Beim 1:0 durch die FCB-Leihgabe Stanisic waren die Bayern in einer 8:3-Überzahl, haben aber beim Einwurf von Leverkusen kollektiv geistig völlig abgeschaltet. Unfassbar, dass bei dieser bayerischen Menschenmauer der Ball bis zu Stani durchrutschen konnte. Pech war noch, dass der Querpass Upa durch die Hosenträger rutschte und er auch noch leicht abfälschte. Dass jetzt einige – wie der Salihamidzic-Sprössling Nick – den Neuzugang Boey dafür hauptverantwortlich machen, ist unfair bis abenteuerlich. Der Ball darf vorher gar nicht durchkommen! Diese Schlafmützigkeit fast der gesamten Mannschaft leitete nicht nur die Niederlage ein, sondern war symptomatisch für die Teamleistung.
Das 0:3 war im Grunde genommen auch einem mentalen Blackout von Manuel Neuer geschuldet. Bei einer verbleibenden Nachspielzeit von maximal einer Minute und einem Spielstand von 0:2 macht es überhaupt keinen Sinn, bei einer eigenen Ecke im gegnerischen Strafraum aufzutauchen. Der Anschlusstreffer zum 1:2 hätte nichts mehr genützt, aber ein 0:3 sieht viel dramatischer wie ein 0:2 aus. Bei einer Niederlage mit zwei Toren spricht niemand von Debakel, Klatsche, Blamage …
Also: Wer kennt einen top top Mentaltrainer?

Danke für diesen Beitrag, der sich so extrem wohltuend vom Boulevard unterscheidet, der jetzt nur noch drauf haut.
Das mit dem Mentaltrainer ist eine sehr gute Idee, die umgesetzt werden sollte, eigentlich muss.
Und glücklicherweise gibt es diese Kommentarfunktion hier, die „Diskussionen“ auf FB sind schlichtweg nicht zu ertragen. Die tue ich mir nicht an. Hier ist leider wenig Diskussion, aber wenn, dann mit Anstand.
Danke, für den tollen Kommentar. Die Frage ist doch, wieso im Training frei aufgespielt wird und das im Spiel nicht umgesetzt werden kann. Es scheint, als wollten Spieler im Spiel keine Verantwortung übernehmen, auch mal den riskanten Pass zu spielen. Keine Verantwortung übernehmen zu wollen, ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Aber was haben die Spieler zu befürchten? Außerdem sind die Abstände zwischen den Reihen zu groß. Der Wille, auch den „Weg umsonst“zu gehen (teils mehrfach), ist ebenfalls nicht erkennbar. Geschlossene Reihen und ein gemeinsames Verschieben, wie z. B. unter van Gaal, bedürfen eines hohen Laufpensums, auch wenn der ein oder andere mal ins Leere laufen muss, dafür aber den Raum für einen anderen schafft. Risikofreudigkeit und Aufopferung allein mit einem Mentaltrainer herbeizuführen sehe ich nicht. Es reicht nicht, nur gute Spieler zu holen. Die Spieler müssen auch die Bayern-Tugenden verinnerlichen können. Da hege ich große Hoffnungen in das neue Personal.
Simple Antwort auf deine Frage ganz zu Beginn: Das sind Versagensängste. Hat dann auch viel weniger mit „wollen“ als mit „können“ zu tun …. Ein MENTALES Problem.