Musiala, Donnarumma, Cucurella, Neuer – „Heuchelei kotzt mich an“

Kommentar Petersgradmesser

PSG-Keeper Gianluigi Donnarumma unterbricht die Karriere des talentiertesten deutschen Fußballers Jamal Musiala für ein halbes Jahr. Die nachfolgenden Diskussionen sind etwas verstörend.

Eigentlich sollte es über die Szene kurz vor der Halbzeitpause im Klub-WM-Viertelfinale zwischen Paris Saint-Germain und dem FC Bayern wenig Diskussionsspielraum geben. Die Aktion des italienischen Nationalkeepers gegen den Supertechniker des FCB war schlichtweg rücksichtslos, außerhalb des Fußballplatzes hätte sie definitiv den Tatbestand der fahrlässigen Körperverletzung erfüllt (§ 229 StGB).

Reporter-Legende bringt es auf den Punkt

Aktuell ärgere ich mich in diesem Kontext über zahlreiche – nennen wir sie wenig empathische – Beiträge und Kommentare, die aus meiner Sicht in eine völlig falsche Richtung abdriften. Glücklicherweise gibt es dazu aber auch Artikel, die mir aus dem Herzen sprechen. Dazu gehört derjenige von SPORT BILD-Reporter-Legende Raimund Hinko, von dem ich schon als Kind einige FCB-Bücher in meinem Regel stehen hatte. In seiner Kolumne „Meine Bayern“ ist unter der Headline „Donnarummas Heuchelei kotzt mich an“ folgendes zu lesen:

„Ich will gar nicht drum herumreden, dass mich die Heuchelei des Pariser Torwarts Gianluigi Donnarumma, den ich bei der italienischen Nationalmannschaft als netten Kerl kennengelernt habe, ankotzt. Da mag er jetzt, wie er sagt, noch so viel beten für den schwer verletzten Kollegen – das Verhalten, das rigorose Einsteigen bleibt ohne Folgen, auch wenn es keine pure Absicht war.“

Hinko legt nach: „Da dies nicht genau festzustellen ist, gibt es für mich nur eine gerechte Strafe in diesem Fall: Der Spieler soll so lange gesperrt werden, wie der Gefoulte ausfällt. Diese Strafen wurden u.a. in den 70ern in Spanien verhängt. Paul Breitner und Günter Netzer, damals bei Real Madrid, haben das positiv bewertet, die Brutalo-Fouls gingen zurück.“

Donnarumma: Keine monatelange Sperre, aber noch weniger „Opfer“

Zu hundert Prozent teile ich zwar nicht die Meinung der Reporter-Legende, aber seine Gedankengänge kann ich im Gegensatz zu vielen anderen absolut nachvollziehen. Das mit der Parallel-Sperre habe ich schon mit zahlreichen Fans durchdiskutiert, eine insgesamt charmante Idee, aber für diesen Fall halte ich sie dennoch für zu hart.

Dagegen nerven mich die zahlreichen Donnarumma in Schutz nehmenden Kommentare in zunehmenden Maße. Mittlerweile steht der „Täter“ fast schon wie das „Opfer“ dar. Er hätte doch sogar geweint, die Hände vors Gesicht geschlagen, sein Handy eingeschaltet gehabt, sich irgendwann bei Musiala entschuldigt. Aber eben nicht zum passenden Zeitpunkt, wie FCB-Keeper Manuel Neuer nach der Partie kritisierte. Eine nachvollziehbare Feststellung, für die es nun massive Kritik für den Bayern-Kapitän hagelt – weniger nachvollziehbar.

Wie stark geschockt war Donnarumma tatsächlich?

Was bislang nirgendwo erwähnt wurde: Der angeblich so arg geschockte 1,96-Meter-Hüne agierte zum Ende des Spiels ziemlich aggressiv und weniger geknickt auf dem Spielfeld, speziell im Zeitraum, als Schiedsrichter und VAR einen möglichen Elfmeter für den FC Bayern checkten und ablehnten. Ganz so schlimm konnte die seelische Not bei Donnarumma dann doch nicht gewesen sein.

Taylor, Cucurella, Donnarumma „gegen“ Musiala

Dennoch steht „Fußball-Deutschland“ offenbar mehrheitlich hinter dem Italiener. Es wäre durchaus interessant zu wissen, in welcher Weise sich die öffentliche Meinung anders gestalten würde, wenn Musiala nicht im Bayerntrikot, sondern für die deutsche Nationalmannschaft aufgelaufen wäre. Der Spanier Marc Cucurella hatte exakt ein Jahr zuvor die geballte Wut der deutschen Fußballnation mit seinem nicht geahndeten Handspiel auf sich gezogen. Unglaublicherweise hieß auch damals der Schiedsrichter Anthony Taylor und das „Opfer“ Musiala.

Noch eine frappierende Parallele gibt es zwischen den „5.-Juli-Tätern“: Sowohl Cucurella als auch jetzt Donnarumma zeigen sich komplett unfähig, ein versöhnliches Statement zum Geschehenen abzugeben. Dass die deutschen Stadionfans noch heute den Chelsea-Verteidiger bei jeder Ballberührung auspfeifen, hat nämlich überhaupt nichts mit seinem Handspiel zu tun, welches SR Taylor hätte ahnden müssen.

Donnarummas Unfähigkeit erinnert an Cucurella

Nein, es waren Cucurellas unsägliche Erklärungen in den Interviews nach dem EM-Viertelfinale 2024. Dabei hatte jeder einzelne Fußballfan nach dem Handspiel anhand des Gesichtsausdrucks des Spaniers dessen eindeutiges Schuldgefühl erkennen können. Hätte er diese Gedankengänge nur ein einziges Mal zugegeben, wäre alles gut.

Donnarumma dagegen setzt nun darauf, dass er „unschuldig“ gesprochen wird. Die Masche scheint ja auch aufzugehen. Wesentlich reifer, „männlicher“ wäre es dagegen, wenn er sich bei Musiala in einer würdigen Form entschuldigen würde. Dass es nicht seine Absicht gewesen war, den Knöchel und Unterschenkel des FCB-Spieler zu zertrümmern, nimmt ihm wohl jeder ab. Aber wie wäre es mit einem Eingeständnis, dass seine Aktion übermotiviert, zu „rigoros“ (Hinko) gewesen war. Die korrekte Vokabel „rücksichtslos“ ist ihm wohl nicht zuzumuten. Aber die PSG-Medien-Abteilung würde sicherlich die passenden Worte finden können.

Wie Cucurella wird der italienische Keeper diese Größe wohl nicht finden, in dieser verkehrten (Fußball-)Welt scheinbar auch nicht nötig. Denn wie 2024 die Spanier den Spieß mit dem „schlechten Verlierer Deutschland“ umgedreht haben, wird nun ein anderer zum Sündenbock gemacht: Der FCB-Kapitän Manuel Neuer, der es doch tatsächlich gewagt hatte, Donnarumma zu kritisieren.

Nicht Donnarumma, sondern Neuer steht in der Kritik

Der Weltmeister von 2014 wird nun an seine eigene Vergangenheit erinnert: Das WM-Finale in Rio gegen Argentinien. Nach dem Turnier wurde er noch von ganz Fußball-Deutschland gefeiert und empört zur Kenntnis genommen, dass nicht er, sondern Lionel Messi zum besten Spieler der WM gekürt worden war. Nun, elf Jahre später, wird er nicht nur von den italienischen Donnarumma-Anhängern und dessen Management, sondern auch von zahlreichen Deutschen an seine Aktion gegen Gonzalo Higuaín erinnert.

Der fünfmalige Welttorhüter klärte damals in einer waghalsigen Aktion gegen den argentinischen Offensivmann, nach welcher dieser zunächst benommen am Boden liegen blieb. Neuer, der sogar selbst den Freistoß zugesprochen bekam, kümmerte sich damals unmittelbar um den Napoli-Stürmer. Ein Geste, deren Versäumnis er nun Donnarumma vorwirft.

Higuaín konnte damals im Endspiel übrigens weiterspielen und verpasste wegen der Aktion anschließend auch kein einziges Spiel – ein gewaltiger Unterschied zur bedauerlichen Situation von Musiala. Bei der Aktion des Weltmeisters bestand zudem akute Torgefahr vor dem deutschen Tor, während Donnarumma lediglich den Ball in einer bereits geklärten Situation komplett absichern wollte. Da stimmte auch die „Verhältnismäßigkeit“ überhaupt nicht.

Großer Unterschied zwischen waghalsig und rücksichtslos

Manuel Neuer wird nun auch vorgeworfen, dass seine Aktionen immer schon risikoreich, waghalsig waren. Und ja, das ist tatsächlich die Arbeitsbeschreibung eines Weltklassekeepers. Deshalb wurde er auch fünfmal zum besten Torwart des Planeten gewählt. Dass er lediglich „Glück“ hatte, dabei keinen seiner Gegenspieler ernsthaft zu verletzten, ist dagegen eine böswillige Unterstellung. Ganz im Gegenteil: Dass der 39-Jährige in heiklen Situationen – zu Gunsten der Gesundheit des Gegners – zurückzieht, bewies er ausgerechnet in einer der bittersten Szenen seiner Karriere.

Im Pokal-Achtelfinale gegen Leverkusen im Dezember 2024 zögerte der FCB-Torwart zunächst mit dem Rauslaufen, unterlag dann im Laufduell mit dem pfeilschnellen Jeremie Frimpong, zog deswegen – soweit das in Sekundenbruchteilen möglich ist – zurück und sich aufgrund der dadurch verlorenen Körperspannung eine Rippenfraktur zu.

Neuer und Musiala – zwei großartige faire Sportler

Manuel Neuer – ein großer und fairer Sportsmann – was leider beileibe nicht von allen verstanden wird. Davon sind Spieler wie Cucurella und Donnarumma meilenweit entfernt, nicht nur, was ihre rein sportlichen Leistungen betrifft. Jamal Musiala befindet sich dagegen glücklicherweise in beiden „Teildisziplinen“ auf dem Weg zum Topniveau seines Kapitäns.

So zeigt der 22-Jährige auch in seiner misslichen Situation seinen großartigen Charakter und nimmt den italienischen Keeper in Schutz: „Ich möchte betonen, dass dafür niemandem die Schuld zu geben ist. Solche Situationen passieren.“ Aber wahrscheinlich werden jetzt auch diese versöhnlichen Worte „argumentativ missbraucht“.

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