Kommentar Petersgradmesser
FCB-Management und -Trainer sollen regelmäßig Unmögliches vollbringen: Campus-Spieler integrieren und gleichzeitig die Champions League gewinnen. Eine toxische Situation.
Wir leben in einer hektischen, ungeduldigen Welt, die Situation im Profi-Fußball bildet dabei keineswegs eine Ausnahme, ganz im Gegenteil. Beim FC Bayern ist es besonders schlimm, denn je erfolgreicher der deutsche Rekordmeister in den letzten Jahren aufgespielt hat, desto gnadenloser wurde sein Tun in der Öffentlichkeit be- bzw. abgewertet. Thema FCB-Nachwuchs.
Kein „Raketenstart“ der Klublegenden Lahm und Schweinsteiger
Noch heute schwärmen in diesem Zusammenhang Medien und Fans von der „Generation Lahm / Schweinsteiger“, die aus der eigenen Jugend zu den FCB-Profis kamen, Führungsspieler, Champions League Sieger und Weltmeister wurden. Vieles wurde aber bei ihren großartigen Karrieren vergessen. So zum Beispiel die Umstände ihres gemeinsames Debüts in Ottmar Hitzfelds Startruppe.
Diese wurde zur Saison 2002/03 mit Michael Ballack, Sebastian Deisler und Zé Roberto hochaufgerüstet, scheiterte aber auf blamable Weise in der CL-Gruppenphase ohne einen einzigen Sieg. Nur deswegen kamen am letzten Spieltag beim 3:3 gegen RC Lens der 18-jährige Schweinsteiger (für Mehmet Scholl, 76.) und der 19-jährige Lahm (für Markus Feulner, 90.+2) zu ihren ersten internationalen Einsätzen im gähnend leeren Olympiastadion (22000 Zuschauer). Während Schweinsteiger bis 2015 ununterbrochen für den FCB kickte, wurde sein Kumpel von 2003 bis 2005 sogar noch für zwei Jahre an den VfB Stuttgart ausgeliehen. Damals noch Linksverteidiger sah er gegen Bixente Lizarazu auf seiner Position keine Chance.
Heutige FCB-Nachwuchs-Generation hat es viel schwerer als vor 20 Jahren
Dass der FC Bayern in jenen Jahren außerdem nicht ansatzweise das hohe Niveau der aktuellen Bayern hatte, beweist die Tatsache, dass neben den beiden Vereinslegenden noch zwei andere ehemalige FCB-Nachwuchskicker ihrer Jahrgänge jahrelang für die Profis aufliefen: Lahm-Kumpel Andreas Ottl und Christian Lell. Zwar Eigengewächse aber absolute Mitläufer – nach heutigen Maßstäben definitiv „ohne FCB-Profi-Niveau“.
Danach schafften nur noch ganz wenige FCB-Nachwuchsspieler den direkten und nachhaltigen Weg zu den Profis: Thomas Müller (er war aber schon 20 Jahre alt), Aleksandar Pavlović, dazu David Alaba, Alphonso Davies und Jamal Musiala, nachdem sie als Jugendliche geholt worden waren, Josip Stanišić über den Umweg Leihe. Für viele hoffnungsvolle junge Spieler, wie Renato Sanches, zuletzt Mathys Tel, war das Niveau an der Säbener Straße jedoch zu hoch.
Gigantischer Erfolgsdruck beim FCB ist auch für die Nachwuchsspieler schädlich
Die Trauben hängen beim deutschen Rekordmeister sehr hoch, besonders nach den elf deutschen Meisterschaften in Serie (2013 – 2023), in welchen auch zwei legendäre Triples (2013; 2020) gewonnen wurden. Eine titellose Saison wie 2023/24 wird als Schmach bewertet, eine Spielzeit mit „nur“ einer wenn auch äußerst souveränen Meisterschaft als „gerade so ausreichend“. Wie sollen da junge Spieler behutsam und in aller Ruhe auf- und eingebaut werden?
Ganz sicher nicht bei einer prestigeträchtigen Klub-Weltmeisterschaft, bei welcher der Sieger zusätzlich noch über 100 Millionen Euro an Prämien einstreichen kann. So ein Turnier findet auf Weltklasseniveau statt und wenn zwei Nachwuchsspieler wie der 17-jährige Lennart Karl (eine Halbzeit) und der 19-jährige Adam Aznou (10 Minuten) Spielzeit – wenn auch „nur“ gegen den Ozeanienmeister Auckland City – bekommen, ist das eine feine Sache und sicher kein Grund einen Aufstand gegen den „jugendfeindlichen“ Chefcoach Vincent Kompany zu starten.
FCB-Nachwuchsspieler lassen sich offenbar „anstecken“
Der mediale Aufschrei ging offensichtlich an den jungen und talentierten Spielern nicht ganz spurlos vorüber und bereits eine Woche später ist über beide zu lesen, dass sie „mit den Einsatzzeiten unzufrieden“ wären (Aznou) bzw. gerne „regelmäßige Einsatzzeiten garantiert bekommen“ möchten (Karl). Wenn nicht, wird mit einem Abschied aus München gedroht, was in beiden Fällen sicherlich ein Verlust für den FC Bayern darstellen würde.
Trotzdem haben beide „Jungstars“ noch überhaupt keine Meriten im Profifußball auf Topniveau und definitiv nicht das Level für einen Stammplatz beim Rekordmeister. Aznou ist zwar bereits dreifacher Nationalspieler beim WM-Vierten Marokko, aber bei seinen BL-Kurzeinsätzen für den FCB musste er ziemliches Lehrgeld zahlen. Seine 13 LaLiga-Einsätze für das krachend abgestiegene Valladolid bei seiner Leihe in der Rückrunde sind auch keineswegs ein herausragendes Bewerbungsschreiben.
Lennart Karl kommt gerade aus der U17 des Rekordmeisters, hat auch in der U19 gespielt und ist mit beiden Teams im Halbfinale um die deutsche Meisterschaft gescheitert. Dass Michael Ballack, der vor wenigen Monaten noch als sein „Mentor“ bezeichnet wurde, nun plötzlich sein „Berater“ sein soll, sich schon nach „Alternativen“ für ihn umschauen soll, ist eher kontraproduktiv, muss aber in dieser Form nicht stimmen.
Seriöse Chancen beim FC Bayern
Beide Talente sollten jetzt nicht den Kopf verlieren: Es gibt beim FC Bayern zwei sinnvolle Alternativen für sie. Entweder sie lassen sich im kommenden Sommer verleihen (bei Karl müsste dann der in 2026 auslaufende Kontrakt verlängert werden) oder sie hoffen auf ihre Chance in Kompanys Kader zum Start der neuen Saison.
Sollte tatsächlich Nick Woltemade und kein Außenstürmer à la Williams, Barcola etc. den Weg an die Säbener Straße finden, so wäre nach Leroy Sanés Abschied Richtung Istanbul ein Platz auf den FCB-Außenpositionen für Karl frei. Auch für Aznou ergeben sich auf der linken defensiven Außenbahn durch die langfristigen Ausfälle von Davies und Hiroki Ito Chancen. Dass Kompany jetzt bei der Klub-WM lieber auf den portugiesischen Nationalspieler Raphaël Guerreiro und den kroatischen Nationalspieler Stanišić setzt, ist nachvollziehbar und kein Grund für Aznou, dauerhaft die Flinte ins Korn zu werfen.
Nun gilt es beim FC Bayern – auf Spieler- wie Vereinsseite – die Ruhe zu bewahren. Unrealistische – von außen hereingetragene – Forderungen sollten den Nachwuchstalenten nicht den Kopf verdrehen (können). Aber auch die sportlich Verantwortlichen, Coach wie Sportvorstand Max Eberl und in diesem Fall wohl speziell der zuständige Sportdirektor Christoph Freund müssen den Spielern attraktive Möglichkeiten – nicht mehr am Campus, sondern an der Säbener Straße – skizzieren.
Titelbild: Adam Aznou
