FCB-Innenverteidiger Minjae Kim wird nach dem CL-Aus gegen Inter Mailand zum Sündenbock abgestempelt. Trainer Vincent Kompany reagiert darauf auf der PK nach dem Spiel.
Es ist nicht nur im Fußball so: Immer wenn etwas nicht funktioniert, wenn hochgesteckte Ziele nicht erreicht werden können, und seien die Gründe hierfür noch so plausibel, die Gesellschaft, die Fans benötigen „Schuldige“, an welchen man den Frust abarbeiten kann.
Der Traum des FC Bayern vom „Finale dahoam“, dem nach dem Scheitern von 2012 sogar der „Titel dahoam“ folgen sollte, war ein durchaus realistischer, für welchen aber im Topfußball sehr viele positive Komponenten eintreffen müssen. Nach der Demontage von Bayer Leverkusen im CL-Achtelfinale (Gesamtscore 5:0) in der ersten März-Hälfte hatte sich für den deutschen Rekordmeister so ein Szenario freudig angekündigt. Nur zwei Wochen später wurde es durch eine nahezu grausame Serie an ernsthaften Verletzungen torpediert.
Alphonso Davies (Kreuzbandriss), Dayot Upamecano (freie Gelenkkörper im Knie), Hiroki Ito (Mittelfußbruch), Jamal Musiala (Muskelbündelriss im Oberschenkel). Gerade die gegen die Werkself noch so überragend funktionierende Defensive wurde in sämtliche Stücke gerissen.
Dabei hätte gerade im Defensivverbund einer der großen Dauerbrenner in Vincent Kompanys Team dringend eine Pause benötigt: Minjae Kim, der sich nach verlässlichen Meldungen bereits seit September mit Achillessehnenbeschwerden herumplagt. Diese konnte er aber nie richtig auskurieren, weil schon vor dem Bundesligastart mit Ito und Josip Stanišić zwei fest eingeplante Innenverteidiger über ein halbes Jahr ausgefallen waren.
Inter Mailand hat in den zehn CL-Spielen vor den Aufeinandertreffen gegen den FC Bayern ganze zwei Gegentore bekommen, was einem überragenden Schnitt von 0,2 Gegentoren pro Partie entspricht. In den beiden Viertelfinalpartien haben den Norditalienern die Münchner Thomas Müller, Harry Kane und Eric Dier vergleichsweise inflationäre drei Treffer eingeschenkt. Weil die FCB-Defensive aber im selben Zeitraum sogar noch einen Gegentreffer mehr zuließ, reichte es trotzdem nicht für die Halbfinal-Spiele gegen den FC Barcelona.
Und schon befinden wir uns auf der Suche nach den Schuldigen. Waren es nach der 1:2-Hinspielpleite noch vorwiegend der spät eingewechselte Sacha Boey und Vincent Kompany, weil er die FCB-Ikone Müller nicht von Spielbeginn an auflaufen ließ, steht nun ausgerechnet Minjae im Zentrum der Kritik, obwohl er seit langer Zeit seine Gesundheit für den Teamerfolg opfert.
Auf der Pressekonferenz nach dem Match wurde Trainer Vincent Kompany zu seinem südkoreanischen Innenverteidiger von einem italienischen Reporter befragt: „ Minjae Kim war Italiens bester Verteidiger und gewann mit Neapel den Titel. Seit seinem Wechsel zu Bayern sind seine Leistungen jedoch enttäuschend. Wie erklären Sie sich das?“
Kompany, dem das Ausscheiden seines Teams sowieso sichtbar die Laune verhagelt hatte, missfiel die Fragestellung ganz offensichtlich und er hatte eine klare Antwort dazu parat: „Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung – ich stimme dem nicht zu. Minjae muss und wird uns helfen, dieses Jahr den Titel zu holen. Darauf müssen wir uns jetzt konzentrieren. Er hat den Titel in Italien gewonnen und muss jetzt auch in Deutschland den Titel holen“, so der FCB-Coach.
Dann erklärte er dem italienischen Medienvertreter die Regeln an der Säbener Straße: „Wir haben echten Zusammenhalt gezeigt, und das wird bis zum Saisonende so bleiben. Ich werde mich auf gar keinen Fall gegen jemanden wenden oder diese Diskussion überhaupt ansprechen. Aber wenn wir im Verein, in unserer Familie, diskutieren, dann sagen wir alles, was gesagt werden muss. Denn nur so kommen wir weiter.“
Indirekt richtete der Belgier diese Botschaft auch an die zahlreichen eigenen Anhänger, die Minjaes derzeitige missliche Lage eigentlich wesentlich besser kennen müssten als der Italiener, den eigenen Spieler dennoch scharf kritisieren, in den Social Media gar zum Teil wüst beleidigen.
