Der alten Fußball-„Weisheit“ folgend, dass „die Abwehr Meisterschaften gewinnt“, wird der FC Bayern aktuell scharf für die zuletzt wieder zahlreichen Gegentore kritisiert.
Es soll auch schon einmal Fußballzeiten gegeben haben, in welchen spektakuläre Spiele gefeiert wurden. Diese wurden weniger durch beeindruckende Defensivleistungen wie dem unsäglichen italienischen Catenaccio, sondern viel eher durch hemmungslosen Offensivfußball – im besten Fall von beiden Teams – begünstigt. Diese Zeiten scheinen in Vergessenheit geraten zu sein oder Dank einer öffentlichen Meckerkultur (nicht nur im Fußball) schlichtweg nicht mehr „in“ zu sein.
Der Fußball des neuen FCB-Cheftrainers Vincent Kompany mit seinem riskanten hohen Pressing-System wäre eine Gelegenheit, sich wieder mit Spektakel-Fußball anzufreunden. Die Zeit scheint aber noch nicht reif dafür zu sein. Denn anstelle die Torflut, die regelmäßig über die gegnerischen Mannschaft hereinbricht, gebührend zu feiern, konzentriert man sich lieber als Erbsenzähler auf die vergleichsweise wesentlich geringer ausfallende Anzahl an Gegentoren. In der Bundesliga lautet die Bilanz des Tabellenführers aus München nach 20 Spieltagen: 62:19 Tore.
FCB-Ikone Thomas Müller hat schon zu Beginn der laufenden Spielzeit voller Vorfreude verkündet, dass das neue Bayern-System unter Kompany viel Spaß mache, man sich auf diese Weise eine Vielzahl an Torchancen erarbeiten würde, aber es entsprechend auch ein gewisses Risiko beinhalten würde, hinten große Räume für die Konter der teilweise pfeilschnellen Gegner anzubieten. So ist es in dieser Saison definitiv auch gekommen. In der Aufarbeitung des neuen Systems kommt aber der von Müller angesprochene Spaßfaktor viel zu kurz, es hagelt bevorzugt Kritik: „Gegentorhagel„.
Lassen wir einmal die Aufarbeitung der zum Teil natürlich durchaus berechtigten Kritik außen vor und begnügen uns dabei mit der Begründung, dass Neues auch immer erst einer ausreichenden Eingewöhnungszeit bedarf und konzentrieren wir uns stattdessen – gegen den Mainstream – auf das Positive, den Spaßfaktor.
Denn in 62 Jahren Bundesliga gab es noch nie eine Mannschaft, die nach 20 Spieltagen die sensationelle Anzahl von 62 Toren erzielt hat – und ja, es hätten schon viel mehr sein können, aber wir wollen jetzt positiv gestimmt bleiben.
In der Spielzeit 1971/72, in welcher der FC Bayern vor allem dank der grandiosen 40 Treffer von Gerd Müller den bisherigen BL-Torrekord von 101 (bei 38 Gegentoren) aufgestellt hat, standen Gerd, Franz, Uli & Co. nach 20 Spieltagen bei gerade einmal 50(:19!) Torerfolgen. In den überragenden Triple-Spielzeiten 2012/13 und 2019/20 waren es bei dieser Anzahl an Partien 51 und 58 Tore (zum Saisonende 98 und 100).
Rechnet man den aktuellen Torschnitt von 3,1 auf 34 Spiele hoch, würde am Ende ein neuer fantastischer Bundesligarekord von 105 Toren herauskommen.
Kommen wir auf die eingangs erwähnte Fußballweisheit zurück. Komplett heißt sie: „Der Angriff gewinnt Spiele, die Abwehr Meisterschaften.“ Diese Weisheit wurde in der erfolgreichsten Saison in der Geschichte des FC Bayern bzw. seiner Spieler und von Fußball-Deutschland 1973/74 nahezu ad absurdum geführt.
Der FC Bayern war damals die erste Mannschaft in der deutschen Fußballgeschichte, der ein Titel-Hattrick gelang, als erster deutscher Verein setzt man sich als Landesmeistercupsieger die europäische Fußball-Vereinskrone auf, gekrönt wurde das Ganze durch den zweiten deutschen WM-Titel mit sechs FCB-Spielern im Finale gegen die Niederlande (2:1).
Soweit zur bekannten Fußballhistorie. Wer aber kennt noch das Torverhältnis von Sepp, Franz, Katsche & Co zum Ende der damaligen BL-Spielzeit? Es lautete 95:53! Den Europapokal gewann man übrigens mit 25:15 Toren in zehn Spielen. Vor dem Halbfinalrückspiel und den beiden Endspielen lautete damals das magere Torverhältnis sogar nur 17:14.
Spektakulär, spannend, alle FCB-Fans waren damals glücklich. Bis dahin ist es aber für Kompanys Bayern tatsächlich noch ein sehr weiter Weg…
Titelbild: Noch nie in der BL-Geschichte konnte eine Mannschaft nach 20 Spielen so oft jubeln wie Kompanys aktuelle Bayern.
