Es war am Donnerstagabend eigentlich eher eine Randnotiz: Basierend auf kicker-Informationen hat FC Bayern Total berichtet, dass der fünfmalige Welttorhüter Manuel Neuer sich noch so gut und fit fühlen würde, dass er einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft noch verschiebt. Als Fernziel wurde die Teilnahme an der WM 2026 ausgegeben, dann als 40-Jähriger. Während eine riesige Mehrheit der Bayernfans dies mit Applaus quittiert hat – einige wenige Skeptiker gab es auch unter den Roten – haben zahlreiche Nicht-FCB-Fans, ob der Wortwahl wohl meist bekennende FCB-Hasser, diese Entscheidung mit Unverständnis, Spott, Beleidigungen und wüsten Beschimpfungen kommentiert.
Um gleich zu Beginn mit einem ziemlich daneben geratenen Kommentar zu demonstrieren, um welche Dimensionen es sich dabei handelt:
„Ich glaube, dieses primitive FCB Heiligengedudel ist eine Wichsvorlage für alle, die so aussehen wie Uli-vorbestraft-Hoeneß. Dürft ihr gern löschen, weil es nicht in eure Bayern Religion passt.“
Der Hass sitzt tief, das Niveau nach unten ist völlig offen. Dass derartige Auswüchse gelöscht und die Verursacher gesperrt werden, dürfte mehr als verständlich sein. Dieses Recht auf Respekt, Anstand und Niveau auf der eigenen Seite wird von den Verbündeten der Hassprediger mit „Zensur“ tituliert. Dieser Begriff ist bei uns anders belegt.
Es gibt in den Kommentaren auch die Gruppe der Torwart-Experten und (ehemaligen) Torwart-Trainer, die Neuer zum einen schon immer als „überschätzt“ sehen, ihm zum anderen eine maximal mäßige EURO 2024 bescheinigen. Die wirklichen Fußball- und Torwart-Experten sehen das glücklicherweise ganz anders.
Ausgiebig wird die Nummer 2 im deutschen Tor, Marc-André ter Stegen sowohl gelobt als auch bedauert. Ihm wird nahe gelegt, doch (beleidigt) selbst seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft zu erklären. Leute, ein ehrgeiziger Sportler wird so einen kindischen Weg nie gehen!
Mit Vorliebe gewählte Argumente sind natürlich auch beleidigende Vergleiche: Etwa mit dem gebrechlichen US-Präsidenten Biden. Der mittlerweile 80-jährige Sepp Maier (übrigens ein ausgesprochener Manuel Neuer Fan!) wäre die bessere Alternative für Bundestrainer Nagelsmann. Neuer wäre sowieso ein besserer Skifahrer als Torhüter.
Aus der braunen Ecke kommt dann auch schon einmal ein: „Das Regenbogentheater von Neuer ab 2014 geht lustig weiter – wann kommt der nächste Ausrutscher von Neuer?“ Ganz ehrlich: Was läuft in so einem Hirn alles falsch?
Ein offensichtlicher Erdogan-Fan meint zum FCB-Torwart: „Manuel Neuer ist wie Angela Merkel.“ Na Gott-sei-Dank, ein Demokrat und kein Despot. Und wie sehr sehnen sich viele Deutsche die Angie im Kanzleramt zurück! Besonders pikant dabei: Der türkische Diktator hat sich – im Gegensatz zur ehemaligen Bundeskanzlerin – an seinem Präsidentensessel festgeklebt.
Ein Versuch, ein sportliches Argument anzuführen: Neuer wäre Schuld am Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft, weil er beim spanischen 1:2 nicht reagiert hätte … Naja, viel unhaltbarer als der Kopfball von Mikel Merino kann ein Ball nicht sein. Da haben schon einige Vorderleute gepennt …
Sehr beliebt sind bei den Argumenten auch:
„Seine Zeit ist vorbei!“ Punkt, isso. Und weil es so ist, braucht man auch nicht zu argumentieren.
„Er überschätzt sich (wie) immer.“
„Er war bei der EM nur wegen des Vitamin-B als Bayernspieler dabei.“ Diesbezüglich könnte man sich einmal bei Leon Goretzka erkundigen …
Höchst interessant sind auch die Schlussfolgerungen aus dem Nicht-Rücktritt, dass er wohl künftig selbst über seinen Einsatz in der N11 entscheiden könne. Julian Nagelsmann wird damit Inkompetenz und Führungsschwäche unterstellt.
FC Bayern Total:
Fußball ist und bleibt eine emotionale Angelegenheit. Damit ist leider in unserer heutigen Gesellschaft eine heftige Beleidigungs-Kultur verbunden, vor allem in Social Media. Jeder kann, jeder darf – bis er überdreht und gesperrt wird.
Zur Situation in der Nationalmannschaft: Julian Nagelsmann ist ein exzellenter ehrgeiziger junger Trainer, welcher alles versucht, damit seine Mannschaft(en) Erfolg haben. Aus Führungsschwäche oder falscher Verbundenheit einen nicht qualifizierten Spieler in einer derart wichtigen Position wie die des Torwarts zu nominieren, wäre fatal amateurhaft. Viele der eingegangenen Kommentare sind dies, Nagelsmann definitiv nicht.
Nach seiner schweren Unterschenkelverletzung in Folge eines Skiunfalls im Dezember 2022 ist Neuer nach fast einem Jahr Pause auf bemerkenswerte Weise zurückgekommen. Alle die ihn dabei gesehen und begleitet haben, waren voller Bewunderung und Respekt. Mitspieler, Torwartkonkurrenten, Trainer – alles faire kompetente Sportler.
Beim FC Bayern hat der fünfmalige Welttorhüter ein bemerkenswertes Comeback gegeben, mit vielen starken Leistungen und Weltklasseparaden – wie zu seiner besten Zeit. Ein kleines Beispiel: Die 3-fach-Parade beim 0:0 gegen den FC Kopenhagen. Beim CL-Halbfinale in Madrid hat er bis zur 89. Minute eine Weltklasseleistung gezeigt – bis ihm der fatale Lapsus, der zum 1:1 führte, unterlaufen ist. Diese Fußball-Tragödie erinnerte an den überragenden Oliver Kahn im WM-Finale 2002 gegen Brasilien.
Danach ist Neuer (Hoffenheim!) in ein mentales Loch gefallen, in welchem sich seine FCB-Mitspieler schon lange befanden. Bei der Heim-EM war er jedoch wieder der Alte. Ein beeindruckendes viel beachtetes Comeback. Bei Sportlern, Experten. Hasser sehen es anders.
Zu Neuers Zukunft in der Nationalmannschaft: Zeigt ter Stegen oder ein anderer deutscher Torwart tatsächlich bessere Leistungen als Neuer, wird derjenige ganz sicher den Vorzug bekommen. Vollkommen zurecht. Und zwar altersunabhängig. Otto Rehhagel hat einmal den klugen Ausspruch gebracht, der im Fußball immer gelten wird: „Es gibt keine alten und jungen Spieler, sondern nur gute und schlechte.“
Titelbild: Weltklasseparade von Neuer im EM-Testspiel gegen Griechenland.

Die Welt ist leider ziemlich krank, toxisch … Nicht nur im Fußball.