Klasse Bundestrainer: Nagelsmann „glaubt extrem“ an sein Team

Anders als der Titelfavorit England, der zuhause Island mit 0:1 unterlag, konnte die deutsche Mannschaft beim 2:1-Erfolg im letzten EM-Test gegen Griechenland eine verpatzte Generalprobe noch abwenden. Dennoch hinterließ die Vorstellung der Elf von Julian Nagelsmann natürlich ein paar Fragezeichen. Dennoch gab sich der Bundestrainer betont gelassen – und sprach auf der PK nach der Partie nicht nur Torwart Manuel Neuer das Vertrauen aus.

Auf dieser wollten die Medienvertreter vom 36-Jährigen wissen, wie groß der Druck sei, den er vor dem Turnierstart gegen Schottland verspüre. Nagelsmann bezog sich in seiner Antwort nicht auf sich und seine Gefühle, sondern verschob den Fokus auf seine Mannschaft: „Ich will, dass die Mannschaft sich belohnt für das, was sie kann. Das ist mein Hauptantrieb. Wir haben tolle Charaktere dabei, alle sind auch gute Spieler, die gut zusammenpassen. Ich will nicht, dass wir zurückblicken und sagen, wir hätten etwas verschenkt. Ich glaube extrem an die Mannschaft. Und ich will auch, dass die Mannschaft an sich glaubt.

Der Aufbau von Glauben und Selbstvertrauen ist ein zentrales psychologisches Element des Bundestrainers vor der Heim-EM. Nach den schwachen Turnieren 2018, 2021 und 2022 und desolaten Testspiel-Niederlagen im vergangenen November hat er es im März geschafft, die Stimmungslage im Land durch geschickte personelle Schachzüge und zwei erfolgreiche Tests in Frankreich (2:0) und gegen die Niederlande (2:1) zu drehen. Doch der Test gegen Griechenland am Freitag zeigte wieder auf, dass das Gebilde noch sehr instabil ist. Und wie nötig weitere vertrauensbildende Maßnahmen.

So hat er den Kreis der Startelfkandidaten stark eingegrenzt: 13 Feldspieler und ein Torwart – Manuel Neuer – umfasst der Inner Circle seines Kaders. Alle anderen sind Rollenspieler und Spezialkräfte für gewisse Momente. Schon vor dem Test gegen Griechenland hatte er seinen Spielern signalisiert, ihnen Fehler zuzugestehen – und daran hielt er auch nach einer Leistung fest, die vor allem in der ersten Hälfte einige Fragen aufgeworfen hatte.

Der Patzer von Manuel Neuer vor der griechischen Führung durch Giorgos Masouras befeuerte im mittlerweile hysterischen Fußball-Deutschland sogleich eine Debatte um die Besetzung des deutschen Tores. Auch gaben die schwache Konterabsicherung und das ungenaue Passspiel in der eigenen Hälfte Rätsel auf, weil sich das Team in diesen Bereichen zuletzt noch klar verbessert gezeigt hatte.

Nagelsmann ging auf der PK überhaupt nicht auf Debatten über das Leistungsniveau seiner Elf ein. Schon gar nicht in der Torwartfrage. „Ich nehme bei Manu keine Selbstzweifel wahr und lasse auch keine Diskussion aufkommen. Er hat mein Vertrauen„, sagte der Bundestrainer und erklärte die Diskussion um Neuer und seinen Herausforderer Marc-André ter Stegen zu einem „Medienspiel„: „Mir ist bewusst, dass das Thema in den Medien diskutiert wird. Aber ich kann das nicht nachvollziehen. Jeder Deutsche sollte das Interesse haben, dass die Spieler gefestigt sind. Wir werden an der Torwartfrage nicht herumdoktern.

Wichtiger als die Leistung in der ersten Hälfte, als dem deutschen Team Tempo, Fokus und der letzte Wille fehlten, wertete Nagelsmann die Steigerung nach der Halbzeit, durch die die DFB-Elf das Spiel noch drehen konnte. Die Impulse kamen hauptsächlich von eingewechselten Spielern: Durch Leroy Sané, der mit der Vorarbeit des 1:1 durch Kai Havertz ebenso punktete wie mit guten Rückwärtsbewegungen. Durch Pascal Groß, den Schützen des herrlichen 2:1-Siegtreffers. Aber auch durch die belebenden Außenbahnspieler David Raum und Benjamin Henrichs oder den resolut verteidigenden Nico Schlotterbeck.

Dass genau diese Stärke von der Bank den Unterschied ausmachen kann, ist Nagelsmann absolut bewusst. Seine Kaderzusammenstellung ist darauf ausgelegt, reagieren zu können mit Spielern, die für diese Rolle brennen. „Wenn du draußen sitzt und unzufrieden bist, dann ist es manchmal schwer eine Topleistung zu bringen. Aber die Jungs akzeptieren es und erfüllen ihren Job, weil sie erfolgreich sein wollen„, sagte Nagelsmann und gab sich mit Blick auf die schwache erste Hälfte gelassen: „Wenn ich eine Lösung habe – und ich hatte zwei -, dann bin ich trotzdem relativ gefestigt.

Dieser Ansatz von Nagelsmann hat wohl auch die EM-Teilnahmen von Mats Hummels und Leon Goretzka verhindert, welchen er die Annahme dieser Rolle wohl nicht zugetraut hat.

Dieses Selbstverständnis des Bundestrainers soll sich nun auf sein Team übertragen. Notfalls auch durch drei knappe 2:1-Siege in der Vorrunde, wie er in Mönchengladbach erklärte und dabei auf das Beispiel Leverkusen verwies. Der Doublesieger der abgelaufenen Saison gewann viele Spieler erst in den letzten Minuten – und wuchs daran von Mal zu Mal mehr. Der Druck, der von außen an die deutsche Mannschaft herangetragen wird, soll dabei nicht im Weg stehen: „Wir wissen, dass wir viele lächelnde Gesichter in Deutschland haben, wenn wir gewinnen. Aber wir sind nicht dafür verantwortlich, dass es in Deutschland in die richtige Richtung läuft. Wir können einen kleinen Teil dazu in sportlicher Natur beitragen. Das werden wir, glaube ich, auch machen.

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

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