FC Bayern: Der Medien-konstruierte „große Kaderumbruch“ – die Gründe

Kommentar von Petersgradmesser

Beim FC Bayern ist in der abgelaufenen Saison außergewöhnlich viel schief gelaufen, zum Leidwesen des kompletten Vereins und seiner Anhängerschaft, aber auch zur großen Freude der Gegner – und nicht zuletzt der profitierenden Medien: Je mehr Unruhe und Zoff umso mehr Clicks und Leser, funktioniert hundertmal besser als „schöne Artikel in harmonischen Zeiten.“ Wie kann man folglich in unserer heutigen Hire&Fire- bzw. Wegwerfgesellschaft in diesem Kontext am besten die Hörer und Leser ködern? Man tauscht schlichtweg alles aus, was nicht funktioniert. Dass es sich dabei um Menschen handelt, scheint völlig egal zu sein.

So wird quasi von allen Sportmedien, nicht nur dem eigentlichen Boulevard, seit Monaten der große Kaderumbruch beim schwächelnden Rekordmeister an der Säbener Straße lanciert. Mit Ausnahme von Harry Kane, Jamal Musiala und vielleicht noch (nicht ganz sicher!) der Vereinslegenden Thomas Müller und Manuel Neuer kann sich laut dieser Medien seit Februar kein einziger FCB-Spieler mehr sicher sein, dass er in der kommenden Saison auch noch im Trikot des FCB auflaufen wird. Das gibt unzählige Storys – und natürlich ein Vielfaches davon an Breaking News, wer diese Abgänge ersetzen soll.

Ein bisschen ärgerlich für die Medien ist in diesem Zusammenhang, dass sich bislang kein einziger Vereinsverantwortlicher in diese Richtung geäußert hat: Weder Sportvorstand Max Eberl, noch Sportdirektor Christoph Freund und auch nicht der neue Coach Vincent Kompany. Ganz im Gegenteil: Bei der Präsentations-PK von Kompany am Donnerstag vergangener Woche hat dieser glaubhaft versichert, dass es keine angezählten Spieler bei ihm geben würde, alle haben eine Chance, sich bei ihm zu beweisen. (Erfolgs-)Hungrig müssen seine Kicker sein, für den FCB brennen. Eberl hat in dasselbe Horn geblasen: Es gäbe definitiv keine Streichlisten für Kaderspieler, auch wenn sich einige Spieler noch mehr als andere anstrengen müssen. So eine Aussage könnte man auch als Motivationsspritze interpretieren. Die FCB-Verantwortlichen werden jedoch sicherlich keine Spieler zum Verkauf anbieten, die Kompany für hungrig genug für seinen Kader hält.

Die Medien ignorieren aus oben genannten Gründen bei ihren derzeitigen Sensationsmeldungen zum FCB bewusst diesen tatsächlichen Status Quo an der Säbener Straße.

Natürlich wird es in diesem Sommer auch – vielleicht sogar überraschende – Abgänge beim FCB geben. Jeder Abgang wird eine Story haben und noch viele mehr an Click-trächtigen Geschichten hergeben. Aber so dreist wie der Transfer-Insider von Sky, Florian Plettenberg, gestern Abend seine gesicherte Liste der potentiellen Abgangskandidaten mit Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Serge Gnabry, Kingsley Coman, Noussair Mazraoui und sogar Matthijs de Ligt präsentiert hat, funktioniert nur ansatzweise seriöser Journalismus nicht.

Dass Eberl, Kompany & Co den FCB-Kader in diesem Sommer für die anstehenden anspruchsvollen Aufgaben aufrüsten müssen und werden, sollte klar sein. Aber bei Aufrüsten sprechen wir zunächst einmal von Zugängen und nicht von Abgängen.

Was in diesem Kontext Medien-einheitlich immer falsch dargestellt wird, ist, dass der Rekordmeister – nicht zuletzt aufgrund der angeblich hohen Transferausgaben in der vergangenen Saison – die gewünschten Spielerverpflichtungen durch Verkäufe vorfinanzieren müsse.

Dabei werden die Transfers der letzten Saison (bewusst?) falsch eingeordnet: Der FCB-Aufsichtsrat hatte im Juni 2023 ein Rekord-Transfer-Budget von 150 Millionen Euro netto(!) frei gegeben. Trotz der Verpflichtung von Harry Kane für die Vereinsrekordablösesumme von 95 Millionen Euro hat der FCB am Ende der Sommmertransferperiode jedoch sogar ein Transfer-Plus von (mindestens))* 23,25 Millionen Euro erzielt! Die Gründe sind bestens bekannt und haben dem damaligen Trainer Thomas Tuchel das Erreichen der hoch gesteckten Saisonziele von Beginn an immens erschwert.

Die Medien führen auch die relativ hohen Wintertransferausgaben für Sasha Boey, Bryan Zaragoza und Eric Dier in Höhe von 37,5 Millionen Euro an. Dabei haben diese Deals lediglich ein bisschen den desaströsen Deadline Day aus dem Vorjahr korrigiert. Und auch diese Kosten wurden bzw. werden nun durch die Transfereinnahmen der Ex-Campus-Spieler Malik Tillman (PSV Eindhoven) und Joshua Zirkzee (wahrscheinlich Milan) nahezu kompensiert.

Wer sich trotzdem Sorgen um die Finanzen des Rekordmeisters macht: Der FCB erzielt Jahr für Jahr Rekordumsätze mit jeweils saftigen Gewinnen – trotz der medial ausgeschlachteten zu hohen Gehaltsstruktur. Der FC Bayern boomt: Jüngst hat der Verein eine Explosion der Mitgliederzahlen seit der letzten Information auf der JHV im November 2023 von 316.000 auf 360.000 verkündet.

Es wird in diesem Transfersommer sicherlich noch viele Aufreger für die FCB-Anhänger geben. Wahrscheinlich sogar mit weiteren Höhepunkten wie Plettenberg gestern mit der Nominierung des höchst beliebten de Ligt. Passt jetzt eben auch ganz gut zu den Jonathan-Tah-Verpflichtungsgeschichten: Eine Abgabe von Minjae Kim oder Dayot Upamecano würden viele Fans in diesem Kontext akzeptieren, aber sicherlich nicht von Matthijs – aber: das bringt Quote!


)* Über die erhaltenen Leihgebühren für Josip Stanisic (Leverkusen), Arijon Ibrahimovic (Frosinone) und Paul Wanner (Elversberg) ist nichts bekannt.

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

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