Nachdem es aktuell eine viel beachtete Fehde zwischen FCB-Coach Thomas Tuchel und seinen beiden Hauptkritikern Didi Hamann und Lothar Matthäus von Sky gibt, bei der sich die FCB-Bosse und auch größte Teile der Fans demonstrativ hinter Tuchel stellen, die Medien dagegen größtenteils den FCB-Übungsleiter attackieren, scheint – typisch Boulevard – eine Schlammschlacht auch in anderen FCB-Themen auszubrechen. So wird gerade medial ein Interview von Lucas Hernández mit Le Parisien inhaltlich sehr merkwürdig ausgeschlachtet.
Im Sommer wechselte der französische Nationalspieler nach vier Jahren beim deutschen Rekordmeister zu Paris Saint-Germain. In dem Interview blickt der 27-Jährige nun auf seine Zeit bei den Bayern zurück. Die Medien konzentrieren sich dabei – vor allem in ihren Überschriften – auf einen oberflächlich betrachtet negativ zu interpretierenden Teil des Interviews: „Fehlender Zusammenhalt? Hernández lässt mit Aussagen über seine Bayerzeit aufhorchen!“
Bis zur Verpflichtung von Harry Kane war Hernández der teuerste Transfer der FCB-Geschichte. Er wurde 2019 von Atlético Madrid für kolportierte 80 Millionen Euro nach München geholt. Die folgenden vier Jahre waren von überzeugenden Leistungen aber noch mehr von zahlreichen schweren Verletzungen geprägt.
Nun erzählt der flexible Abwehrspieler in einem Interview mit Le Parisien, dass er sich in München angeblich nicht immer wohl gefühlt hat. „In Deutschland konnte ich bei meiner Ankunft die Sprache nicht sprechen, es gab nicht diesen Zusammenhalt. Die Spieler konnten mir nicht helfen, weil wir uns nicht wirklich verstanden. Es war eine etwas kühlere Beziehung.„
Hernandez weiter: „Ich hatte tolle Kapitäne: Manuel Neuer als Kapitän zu haben, ist schon beeindruckend, weil er älter und erfahrener ist, aber außerhalb des Spielfelds lebt jeder sein eigenes Leben. Wenn du etwas brauchst, sind sie natürlich da, aber es ist weniger spontan.„
Im Sommer zog es Hernández in sein Geburtsland Frankreich. Ein Jahr vor Ablauf seines FCB-Vertrages wechselte er für 45 Millionen Euro zum französischen Primus PSG. Eine Entscheidung, die Hernández während seiner Kreuzbandverletzung, erlitten bei der WM 2022 in Katar, getroffen hat:
„Als ich wieder anfing zu laufen, auf den Platz zurückzukehren und mit meinen Mannschaftskameraden zu trainieren, fühlte ich mich, als käme ich aus diesem langen Tunnel heraus. Das war der Moment, in dem ich mich fragte: Fühle ich mich hier wohl? Kann ich mir vorstellen, noch vier Jahre zu bleiben? Oder versuche ich eine neue Herausforderung in einem Land, in dem ich noch nie gespielt habe, das ich aber gut kenne? Ich habe über all das nachgedacht…. Ich habe auch an die Bayern gedacht, denn trotz der schweren Verletzung haben sie mir vertraut und mir einen neuen Vertrag angeboten. Ich habe alles auf den Tisch gelegt, und da ich jemand bin, der spontan ist und Herausforderungen liebt, habe ich mir gesagt, dass es an der Zeit ist, zu wechseln und nach Paris zu gehen, einem sehr ehrgeizigen Verein.„
Eigentlich ist das die Kernaussage des Interviews. Aber die deutschen Medien, die wieder per Clickbaiting zu Lasten des FC Bayern profitieren wollen, haben das Drehbuch umgeschrieben: Die einen freuen sich, dass man dem FCB wieder eine reinwürgen kann, die anderen (die Bayernfans) ärgern sich noch mehr über Hernández, dem man schon bei seinem Abgang im Sommer maximale Undankbarkeit vorgeworfen hat: Denn der Verein stand immer zu ihm während seiner langen Verletzungsphasen.
Übrigens sind die für das Clickbaiting verarbeiteten Aussagen von Lucas sowieso stark zu hinterfragen und anzuzweifeln. Er wurde zwar 1996 in Marseille geboren, verbrachte jedoch seine gesamte Fußballkarriere vor dem Wechsel zu Bayern in und um Madrid (2005-2019). Er ist also zweisprachig: Französisch und spanisch.
Als Hernández 2019 zum FCB kam, spielten die Franzosen Benjamin Pavard, Coco Tolisso, Kingsley Coman und Michael Cuisance, ebenso die Spanier Javi Martinez, Thiago und ab dem Winter Àlvaro Odriozola in München. Nimmt man noch den Portugiesen Philippe Coutinho dazu, sprach damals zusammen mit Hernández fast die Hälfte des FCB-Teams eine Sprache, die er bestens verstehen konnte.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Hat Hernández das wirklich so gesagt und gemeint oder wurde schon diese Clickbaiting-Aussage verfälscht? Oder hat der Weltmeister von 2018 ein extrem schlechtes Gedächtnis? Ein gut informierter Interviewer hätte ihn zudem auf die tatsächliche Situation in München 2019 aufmerksam machen müssen. Denn insgesamt ist das Interview mit Le Parisien keineswegs in die Kategorie Abrechnung mit meinem Ex-Verein einzuordnen. Warum sollte Hernández das auch tun?
Titelbild: Lucas Hernández 2020 mit dem Henkelpott.
