Depression oder Motivation für die neue Saison: Wie kommt der FC Bayern aus der WM?

Obwohl einige von ihnen zwischenzeitlich gefeiert wurden, verlief die WM 2026 für die Spieler des FC Bayern insgesamt ziemlich enttäuschend. Welche Auswirkungen könnte das für den Verein haben? Ein Kommentar.

Verantwortliche und Spieler des FC Bayern werden derzeit mit Schrecken auf die Folgen der für viele Profis des Rekordmeisters so bitteren Winter-WM 2022 in Katar zurückblicken. In den Spielen vor dem Turnier hatten Nagelsmanns Bayern die Bundesliga in Angst und Schrecken versetzt und Kantersiege in Serie erzielt. Nach der Wüsten-WM stolperte eine ziemlich verunsicherte Mannschaft durch die restliche Spielzeit und konnte am Saisonende nur die damals elfte Meisterschaft in Folge erzielen, weil Konkurrent Borussia Dortmund, der vor Katar noch neun Punkte Rückstand gehabt hatte, am letzten Spieltag zu Hause gegen Mainz strauchelte.

Wie bei der aktuellen WM konnte die mit zahlreichen FCB-Spielern besetzte DFB-Elf sich damals nicht für das Achtelfinale qualifizieren. Der in München in Hochform auftrumpfende Matthijs de Ligt wurde vom niederländischen Bondscoach Louis van Gaal ab der K.-o.-Phase vollkommen ignoriert. Sportlich lief es zwar für Noussair Mazraoui mit Marokko glänzend: Als erstes afrikanisches Land zogen sie in ein WM-Halbfinale ein. Die Euphorie konnte der heutige United-Profi aber nicht mit nach München bringen, stattdessen eine Herzmuskelentzündung aufgrund einer Corona-Erkrankung während des Turniers, die ihn monatelang außer Gefecht setzte.

Frankreich wurde nach der bitteren Niederlage im Elfmeterschießen gegen Argentinien Vizeweltmeister. Danach fühlt man sich wohl auch einige Wochen als Verlierer, im speziellen Maß traf das auf drei der vier FCB-Spieler zu: Lucas Hernandez erlitt bereits bei der ersten WM-Partie einen Kreuzbandriss, Benjamin Pavard zerstritt sich mit Coach Didier Deschamps und wurde ab der Gruppenphase nicht mehr von ihm berücksichtigt. Kingsley Coman brachte im Endspiel nach seiner Einwechslung zwar frischen Schwung in das zuvor lahmende französische Angriffsspiel, gehörte aber zu den Fehlschützen der Lotterie aus elf Metern. Der in der Anfangsphase beim FCB durchaus überzeugende Sadio Mane schob dagegen Frust, weil er das Turnier verletzt verpasste.

Wiederholt sich das 2022/23-Szenario der WM-Frustrierten?

Speziell die deutschen Nationalspieler fielen nach der Katar-WM in ein tiefes mentales Loch, aus dem viele bis zum Saisonende nicht mehr herausfanden. Zusätzlich zog sich ein frustrierter Manuel Neuer unmittelbar nach dem Turnier bei einer waghalsigen Skitour einen komplizierten Unterschenkelbruch zu. Was droht den 18 (inklusive Jonas Urbig) WM-Rückkehrern des FC Bayern in diesem Sommer, in dem die Basis für die kommende Spielzeit erarbeitet wird? Viele von ihnen werden sich – wie vor dreieinhalb Jahren – wieder als Verlierer sehen. Die Situation erinnert tatsächlich frappierend an diejenige im Januar 2023.

Endspielteilnahmen von Michael Olise und Dayot Upamecano mit Frankreich und von Harry Kane mit England hätten der Stimmung an der Säbener Straße noch etwas Aufwind geben können. Alle drei sind mit ihren Nationalmannschaften als zumindest leichte Favoriten in die Halbfinalpartien gegangen. Doch diese verliefen und endeten für sie extrem bitter und enttäuschend. Die drei Halbfinalisten des FC Bayern werden als letzte wieder ins Training beim Rekordmeister einsteigen. Welche Stimmung werden sie dort vorfinden?

Es gibt auch ein paar kleine FCB-Gewinner beim WM-Turnier – allerdings mit Einschränkungen: Neuzugang Nathaniel Brown erlebte in den USA seinen Durchbruch, war einer der wenigen Deutschen, die zu überzeugen wussten. Der Marokkaner Ismael Saibari spielte bis zum Achtelfinale ein überragendes Turnier, verletzte sich aber beim 3:0 über Kanada im Sechzehntelfinale sehr früh und konnte anschließend nicht mehr eingesetzt werden. Der unermüdlich kämpfende Konrad Laimer zog mit limitierten Österreichern immerhin in die K.-o.-Runde ein.

Luis Diaz scheiterte dagegen mit Kolumbien, weil seine Teamkollegen in der Offensive insgesamt viel zu harmlos waren (5 Tore in 5 WM-Spielen). Der kanadische Kapitän Alphonso Davies konnte nach seiner gegen PSG erlittenen Oberschenkelverletzung nicht (entscheidend) ins Turnier eingreifen. Minjae Kim, Hiroki Ito und vor allem Josip Stanisic überzeugten persönlich mit guten Leistungen, standen aber mit ihren Nationalmannschaften auf verlorenem Posten.

Ist Coach Kompany erneut der große FCB-Trumpf?

Kann, muss der FC Bayern im Umgang mit all diesen Negativerfahrungen aus 2022/23 lernen? Eine schwierige Frage. Mit wenigen Ausnahmen schaut der Kader jedoch ganz anders als damals aus. Die Mannschaft wirkt insgesamt mental gefestigter als das damalige Team. Und: Mit Cheftrainer Vincent Kompany scheint der FC Bayern einen Trumpf zu haben, der mit solch heiklen Aufgaben bestens umzugehen weiß. Er besitzt die nötige Empathie und auch Erfahrung aus seiner eigenen Karriere als Weltklasseprofi.

Außer dem Weltmeister und einigen Turnieraußenseitern, für die die WM-Qualifikation schon ein riesiger Erfolg war, und die dann sogar wie Kap Verde sensationell in das Sechzehntelfinale einziehen konnten, scheint es bei WM-Turnieren ohnehin fast ausschließlich (große) Verlierer zu geben. Der FC Bayern ist mit seinem Problem der WM-Nachwehen also keineswegs allein – auch wenn 17 „Geschädigte“ schon eine Hausnummer sind.

Die meisten Spieler der Endspielteilnehmer stellt übrigens der Champions-League-Halbfinalist Atletico Madrid: Während keiner der 17 FCB-Spieler ins Finale gekommen ist, qualifizierten sich zehn(!) der elf Atleti-Profis für dieses. Vier Spanier und sechs Argentinier! Wird es ein hitziges Finale, könnte Diego Simeone demnächst in der spanischen Hauptstadt ein ganz anderes Problem als die meisten seiner Trainerkollegen haben. Der Argentinier ist allerdings extrem kampferprobt, sonst könnte er gar nicht in seine bereits 16. Saison beim Lokalrivalen von Real Madrid gehen.

PS: Als Spätfolge der WM 2022 war es beim FC Bayern Ende März 2023 zum Trainerwechsel von Julian Nagelsmann auf Thomas Tuchel gekommen. Beide zählen nach der noch laufenden WM sicherlich auch zu den großen Verlierern: Nagelsmann musste beim DFB gehen. Ob Tuchel dieses Schicksal in England erspart bleibt, wird sich noch zeigen.


Titelbild: Harry Kane scheiterte als letzter FCB-Spieler mit England im Halbfinale gegen Argentinien (1:2).

Ein Kommentar zu “Depression oder Motivation für die neue Saison: Wie kommt der FC Bayern aus der WM?

  1. Ich vertraue voll auf die Führungsqualitäten von Vincent Kompany und bin überzeugt davon, dass er seine Truppe wieder in die Spur bringt.

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