Lange Zeit zählte FCB-Superstar Michael Olise zu den heißen Anwärtern für die Wahl zum besten Spieler der WM 2026. Nach Frankreichs Scheitern schlägt die Stimmung radikal um. Ein Kommentar.
Fast scheint es so, als gäbe es in unserer Gesellschaft nur noch Schwarz und Weiß. Auf den Fußball trifft dies ganz besonders zu. Starke Leistungen werden rasch in völlig übertriebenem Maße in den Olymp transferiert. Enttäuscht der Spieler jedoch nur ein einziges Mal, wird er öffentlich auf fast schon widerliche Weise an den Pranger gestellt, verspottet, verhöhnt und gedemütigt. Dem 24-jährigen französischen Nationalspieler Michael Olise, der eine herausragende Saison beim FC Bayern gespielt hat und in den ersten Wochen auch zu den besten WM-Spielern zählte, ergeht es gerade so.
Der Supertechniker war mit wettbewerbsübergreifend 35 Assists der mit Abstand beste Vorlagengeber im europäischen Top-Vereinsfußball. Laut Medienmeldungen soll angeblich der europäische Fußballhochadel, speziell Real Madrid und CL-Sieger Paris Saint-Germain, ihn zum ganz großen Transferziel in diesem Sommer ausgerufen haben. Ablösesummen in Weltrekordhöhe – bislang Neymar Jr. mit 222 Millionen bei seinem Wechsel von Barcelona zu PSG 2017 – machen die Runde. Bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko egalisierte er sehr frühzeitig den WM-Rekord der brasilianischen Legende Pele von 1970 mit sechs Vorlagen.
Kylian Mbappe profitierte beim aktuellen Turnier genauso wie Harry Kane in den letzten beiden Spielzeiten beim FC Bayern von Olises genialen Ideen und Vorlagen. Es wurde sogar spekuliert, ob der Münchner 2026 im Falle eines französischen WM-Triumphs den Ballon d’Or gewinnen könne. All diese Ziele und Möglichkeiten wurden bei der 0:2-Pleite von WM-Favorit Frankreich gegen Europameister Spanien auf nahezu brutale Weise vernichtet: Olise befindet sich nicht mehr auf dem Weg zum Olymp, sondern ist rasend schnell in der Fußballhölle angekommen. So muss es sich anfühlen, wenn man von Medien und Fans gleichermaßen „gegrillt“ wird.
Gesamtes französisches Team unerklärlich schwach, Olise der Sündenbock
Tatsächlich erwischte Olise gegen die Iberer einen rabenschwarzen Tag, aber dies galt für fast das gesamte französische Team inklusive des völlig ratlosen Didier Deschamps. Eine der ganz wenigen Ausnahmen bildete übrigens sein FCB-Teamkollege Dayot Upamecano, der solche Situationen aus der Vergangenheit dennoch leidvoll in Erinnerung haben dürfte. Bei der Equipe Tricolore ging fast vom Anpfiff an so ziemlich alles schief, was schief gehen kann: Mittelfeldspieler Adrien Rabiot sehr früh rotgefährdet, Linksverteidiger Lucas Dignes unfassbares Elfmetergeschenk zur spanischen Führung (22.), das frühe verletzungsbedingte Ausscheiden von Innenverteidiger William Saliba.
Die Franzosen verkrampften in zunehmenden Maße, die Spanier wurden immer selbstsicherer. Keiner der zahlreichen französischen Individualisten erreichte nur ansatzweise Normalniveau. Die anschließende Kritik erwischte dann aber einen ganz besonders hart: Michael Olise. Sieht man einmal von den üblichen unzähligen Entgleisungen auf Social Media von maßlos enttäuschten Fans auf der einen Seite und hämischen „Gewinnern“ auf der anderen Seite ab, bekam der 24-Jährige auch von den Medien eine heftige Breitseite ab.
Olises Vertreibung aus dem Fußballparadies mit spanischem Spott
Olises Name stand nach dem bitteren WM-Ausscheiden für viele stellvertretend für die gesamten französischen „Versager“. Der offenbar extrem frustrierte RMC-Moderator Daniel Riolo stellte nach dem Debakel fest, dass in Fußball-Frankreich „alle besoffen“ vom bisherigen tadellosen Turnierverlauf gewesen wären. Dann greift er sich speziell Olise heraus und poltert: „Olise wurde an einen Tisch mit Zidane und Platini gesetzt, während er jetzt gerade noch nicht mal in der Küche ist“. Ousmane Dembele, der amtierende Sieger des Ballon d’Or, war gegen Spanien übrigens keinen Deut besser. Auch nicht die anderen CL-Sieger Bradley Barcola und Desire Doue, der für Olise in der 72. Minute eingewechselte Rayan Cherki, und selbst Mbappe war allenfalls „stets bemüht“.
Es gibt auch Medienvertreter, die berichten, dass (mehrere) spanische Stars den Bayernspieler nach der Partie noch auf dem Platz verspottet hätten. Auch sie beziehen sich dabei auf den französischen TV-Sender RMC Sport: Dieser will unmittelbar nach dem Schlusspfiff eine Szene zwischen den spanischen Nationalspielern Fabian Ruiz und Marc Cucurella beobachtet haben. Demnach meinte der PSG-Mittelfeldstratege zum Neu-Madrilen mit Blick auf Olise: „Du hast ihn aufgefressen. Hol ihn aus deiner Tasche.“
Ob Ruiz tatsächlich diese Worte gewählt hat, ist ungewiss. Tat er es, zeugt dies jedoch viel eher von einem riesigen Lob für seinen exzellent agierenden Teamkollegen als von Spott in Richtung des Münchners. So wird ein (mögliches) Lob eines einzelnen Spielers zur Verhöhnung durch mehrere Spanier aufgebauscht. Das Sprichwort „Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen“ gilt in dieser Gesellschaft jedenfalls immer. Derartiges Mobbing hat aber auch kein millionenschwerer Superstar verdient. Es schmerzt ihn in gleichem Maße wie jedes andere Opfer.
Übrigens kann Olise im Spiel um den dritten Platz gegen den Verlierer aus England gegen Argentinien Pele im Ranking des erfolgreichsten Vorlagengebers der WM-Geschichte immer noch übertrumpfen. Das wäre dann keineswegs die WM-Bilanz eines „Totalversagers“. Und sollten Ruiz und Cucurella tatsächlich die Intention gehabt haben, Olise zu verhöhnen: In welchen beiden Vereinen spielen sie – und welche Klubs wollen ihn angeblich verpflichten? In München ist dagegen Vincent Kompany als äußerst einfühlsamer Trainer bekannt…

Dahin hat es sich leider entwickelt, besonders im Fußball. Es gibt nur noch schwarz oder weiß. Gestern noch hoch gelobt und frenetisch gefeiert, morgen schon der größte Loser.
Das gab es schon immer, aber nicht in dem heutigen Maße. Das spiegelt leider eine sehr unschöne gesellschaftliche Tendenz wieder.
Das ist brutal für Betroffene und gar nichts für zarte Gemüter.
Natürlich hat sich Michael Olise weder Spott noch Häme verdient. Deine Einschätzung ist absolut richtig. Ich bin zuversichtlich, dass Olise damit klar kommt und sich spätestens wieder wohlfühlt, wenn er in München ist…
Vielleicht ist es gar nicht so verkehrt, etwas introvertiert zu sein.
Perfekte Analyse 🙂