Eine Woche nach der unvergesslichen Wembley-Nacht mit dem fünften CL-Triumph durch das 2:1 über Borussia Dortmund konnte der FC Bayern im Pokalfinale eine perfekte Saison abrunden.
Am 1. Juni 2013 hatten die Bayern die Chance, mit dem Pokalsieg über den VfB Stuttgart im Berliner Olympiastadion das erste Triple der Vereinsgeschichte zu holen. Das größte Problem der Münchner vor dieser Partie lag darin, nach dem absoluten Saisonhöhepunkt in London die Konzentration weiter hochzuhalten. Die Mannschaft hätte sicherlich nach dem Triumph über Borussia Dortmund lieber die ganze Woche durchgefeiert als sich auf ein weiteres, wenn auch äußerst bedeutendes, Spiel vorzubereiten.
Dennoch schien der damalige Tabellen-Zwölfte der Bundesliga-Saison 2012/13 ein für diese Aufgabe und die Konstellation passender Gegner zu sein. Die Schwaben sind seit dem Bundesligaaufstieg 1965 der „Lieblingsgegner“ der Bayern: Nach dem zweiten Double der FCB-Historie im Pokalfinale 1986 (5:2) konnten sie gegen den VfB auch das erste Triple gewinnen.

Die Startformation von Heynckes
Jupp Heynckes ließ in seinem vermeintlich letzten Spiel als Bayern-Chefcoach folgende Mannschaft auflaufen: Manuel Neuer – Philipp Lahm; Daniel van Buyten; Jérôme Boateng; David Alaba – Javi Martinez; Bastian Schweinsteiger; Thomas Müller – Franck Ribéry; Arjen Robben; Mario Gómez.
Im Vergleich zum 2:1-CL-Finalsieg gegen den BVB gab es zwei Veränderungen in der FCB-Startelf: Der Belgier van Buyten spielte für Dante, welcher unverständlicherweise vom brasilianischen Fußballverband für dieses Pokalendspiel nicht freigestellt wurde und darüber untröstlich schien. Und dann gab es noch eine spezielle Geste.
Mario für Mario
Gómez für Mandžukić. Der empathische Heynckes dankte damit Gómez für seine Loyalität während der gesamten Saison und ließ ihn gegen seinen Ex-Verein beginnen. Dieser war von 2009 bis 2012 der Topscorer der Bayern gewesen, in der Saison 2010/11 trotz Schwierigkeiten mit Louis van Gaal Bundesliga-Torschützenkönig mit 28 Toren.
Auch 2011/12 hatte der deutsche Nationalspieler beachtliche 26 BL-Tore auf seinem Konto gehabt und seine Treffer in der Champions League waren mitentscheidend gewesen, dass das „Finale dahoam“ überhaupt erreicht worden war. Mit der Verpflichtung von Mandžukić zur Saison 2012/13 war ihm trotzdem ein neuer (Stamm-)Mittelstürmer vor die Nase gesetzt worden.
In fast allen wichtigen Saisonspielen war der kroatische Nationalspieler in Heynckes´ Startelf gestanden. Dennoch hatte Gómez nie – zumindest nicht öffentlich vernehmbar – gemurrt. Als fairer Mannschaftssportler hatte er sich untergeordnet und trotzdem in 21 BL-Spielen (meist nur als Einwechselspieler) starke elf Tore gemacht. Als Mandžukić im Champions-League-Halbfinal-Hinspiel in München beim legendären 4:0-Sieg über Barcelona gelb-gesperrt gefehlt hatte, war Gomez ein gleichwertiger Ersatz gewesen und hatte das wichtige 2:0 erzielt.
Im CL-Finale war Gómez in der Nachspielzeit für Mandžukić gekommen und im Pokal-Halbfinale hatte er beim 6:1 über den VfL Wolfsburg nach seiner Einwechslung in der 77. Minute noch drei Tore erzielt. Heynckes hatte allen Grund, ihn mit einem Startelf-Einsatz im Finale zu belohnen, und der Ex-VfBler dankte es ihm auf seine typische Art und Weise: mit Toren.
Gómez sorgt im Finale für die vermeintliche Entscheidung
Insgesamt merkte man den Bayern jedoch an jenem Samstagabend in Berlin an, dass sie in der vorangegangenen Woche wohl nicht so konzentriert trainiert hatten wie in den Wochen und Monaten zuvor. Die erste Halbzeit war zäh, man benötigte einen Elfmeter, um in der 37. Minute durch Thomas Müller trotzdem durchaus verdient in Führung zu gehen.
Als Mario Gómez in der 48. und 61. Minute ein Doppelpack gelang, schien das Spiel dennoch entschieden, obwohl Manuel Neuer sein nicht hundertprozentig konzentriertes Team schon in dieser Spielphase immer wieder vor einem Gegentreffer bewahrte.

Unter dem tosenden Applaus der Bayernfans wechselte Heynckes Gómez unmittelbar nach seinem zweiten Tor aus, Mandžukić kam für ihn ins Spiel. Und wer erstaunlicherweise noch besser ins Spiel kam, waren die Schwaben, die trotz eines 0:3-Rückstandes nie aufgaben.
Trotz 3:0-Führung: Partie droht komplett zu kippen
Den immer unkonzentrierter agierenden Bayern, die den VfB wenige Wochen zuvor in der Bundesliga mit 6:1 abgefertigt hatten, merkte man dagegen immer mehr die Feierwoche nach dem CL-Triumph an. Hätte das Spiel ein paar Wochen vorher in der Bundesliga stattgefunden, wäre die Packung für den VfB wohl mindestens genauso hoch wie bei der Schlappe in München ausgefallen.
So verkürzte der Österreicher Martin Harnik mit seinen Treffern in der 72. und 80. Minute auf 2:3. Die Bayern, die sprichwörtlich auf dem „Zahnfleisch daher kamen“, rissen sich dann aber noch einmal zusammen, hatten sogar noch Konterchancen zum 4:2 – aber die letzte Konsequenz, Konzentration fehlte.
Als der Schlusspfiff ertönte, war die Erleichterung bei Mannschaft und Fans riesengroß. Beinahe wäre die Mission Triple auf der Zielgeraden auf eine für die Bayern in jener überragenden Saison untypische Weise noch schiefgegangen.
Heynckes und Gómez verabschieden sich mit großem Applaus aus München
Die große Jubelfeier konnte beginnen, bei welcher Jupp Heynckes im Mittelpunkt stand. Der eigentliche Held des Abends war aber Mario Gómez. In seinem letzten Spiel für den FCB erzielte er noch einmal einen Doppelpack und er verabschiedete sich nach vier Jahren und 75 Toren in 115 BL-Spielen aus München. Er passte nicht in das Spielkonzept des neuen Trainers Pep Guardiola, er – und wohl auch Jupp Heynckes vor dem Pokalendspiel – wussten bzw. ahnten das an jenem Abend schon.


Titelbild: Übernächtigte aber glückliche Bayern feiern am Sonntagnachmittag das Triple auf dem Marienplatz. Das Wetter spielte leider gar nicht mit – es schüttete den ganzen Tag lang.

Sehr schöner Beitrag – an dieses Spiel denke ich und werde ich wohl immer denken, wenn ich den Namen Mario Gomez höre. In dieser Saison ist er mir zweimal über dem Weg gelaufen: einmal in Paris in Stadionnähe, machte einen sehr freundlichen Eindruck,und einmal im Gedränge im Münchner Stadion hinter der Südkurve mit seinem Kind auf dem Arm, wohl auf dem Weg zur Haupttribüne 🙂