Das wichtigste Tor der FCB-Geschichte: Als der Katsche zum Helden wurde

Hans-Georg Schwarzenbeck, den alle nur „Katsche“ oder bayerisch „Schorsch“ nennen, war völlig überraschend der erste ganz große Held der FCB-Europapokalgeschichte.

Am 15. Mai 1974 konnte sich der FC Bayern zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte die europäische Fußballkrone aufsetzen. Nach dem 3:0 über Ujpest Dosza Budapest stand er im Endspiel um den Europapokal der Landesmeister im Brüsseler Heyselstadion gegen den spanischen Meister Atlético Madrid.

In der damals erst 19-jährigen Europapokalgeschichte war es bis zu dem Zeitpunkt noch keiner deutschen Mannschaft gelungen, den Henkelpott zu gewinnen. Einzig Eintracht Frankfurt war 1960 im Finale gestanden, war aber Real Madrid in einem spektakulären Spiel mit 3:7 unterlegen. Udo Latteks Bayern mit den Superstars Franz Beckenbauer, Gerd Müller & Sepp Maier gingen als Favorit ins Finalspiel – am Ende gab es aber einen überraschenden Helden.

Im Bewusstsein, nur vier Tage zuvor den ersten Titel-Hattrick der deutschen Fußballgeschichte geschafft zu haben und sich zudem im Europapokal von Runde zu Runde gesteigert zu haben, konnten die Bayern im Finale mit breiter Brust gegen „Atleti“ antreten, obwohl die spanischen Hauptstädter kurz zuvor den neuen spanischen Meister Barcelona mit Johan Cruyff souverän mit 2:0 besiegt hatten.

FC Bayern im Endspiel mit allen Stars

Lattek schickte folgende Elf auf den Rasen, seine Bestaufstellung: Sepp Maier – Johnny Hansen; Hans-Georg Schwarzenbeck; Franz Beckenbauer; Paul Breitner – Franz Roth; Rainer Zobel; Jupp Kapellmann – Conny Torstensson; Uli Hoeneß; Gerd Müller.

Ausgerechnet Gerd Müllers Einsatz war nach einem Trainingsunfall mit Ersatztorhüter Hugo Robl lange Zeit fraglich, der „Bomber“ ließ sich aber – wie so häufig in seiner Karriere – fit spritzen.

Das Heyselstadion war mit 55.000 Zuschauern ausverkauft und sollte eigentlich als gutes Omen für die Bayern dienen: Knapp zwei Jahre zuvor war dort Deutschland mit den sechs FCB-Spielern Beckenbauer, Müller, Maier, Hoeneß, Breitner und Schwarzenbeck durch ein 3:0 über die UdSSR Europameister geworden. Jene Mannschaft von 1972 gilt noch heute bei vielen Fußballhistorikern als die beste deutsche Mannschaft aller Zeiten. Unter den 55.000 Zuschauern waren die 15.000 FCB-Fans in der Unterzahl: Atlético wurde von 25.000 spanischen Fans unterstützt, die meisten davon Gastarbeiter in Belgien.

Ausgeglichene Partie in Brüssel

Auch wenn die Bayern im bis dato wichtigsten Spiel der Vereinsgeschichte nicht ihre beste Leistung abrufen konnten, waren sie in der ersten Halbzeit trotzdem die überlegene Mannschaft mit den besseren Torchancen. Aber es ging mit einem 0:0 in die Pause.

Nach dieser veränderten sich jedoch die Kräfteverhältnisse: Atlético wurde selbstbewusster und zielstrebiger. Dabei hatten die Spanier aber auch bei zwei FCB-Angriffen großes Glück bzw. den Schiedsrichter auf ihrer Seite: Einmal rettete ihr Schlussmann Miguel Reina, der Vater des späteren FCB-Ersatzkeepers Pepe Reina, außerhalb des Strafraums mit der Hand – nach heutiger Regelauslegung ein Feldverweis.

In der 72. Minute wurde zudem einem Treffer von Gerd Müller wegen eines angeblichen Foulspiels die Anerkennung verweigert. Tatsächlich wurde Reina aber von einem eigenen Abwehrspieler behindert, der Bomber wäre dabei lediglich der „lachende Dritte“ gewesen. Heute sprechen noch viele Fußballfans über den angeblichen „Dusel“ der Bayern in den Endspielen von 1974 bis 1976. Tatsache ist, dass sie in diesen Spielen zahlreiche Fehlentscheidungen gegen sich ertragen mussten.

Es ging mit einem insgesamt leistungsgerechten 0:0 in die Verlängerung. Atlético überraschte die Bayern mit seiner ausgezeichneten Leistung, aber auch Konditionsstärke.

FCB-„Happy End“ nach dramatischer Verlängerung

Und in der 114. Minute schien die Partie für den spanischen Meister entschieden zu sein: Aus bester halblinker Freistoßposition zwirbelte der 34-jährige Luis einen raffinierten Freistoß über die bayerische Sechs-Mann-Mauer. Sepp Maier meinte nach der Partie, dass er den Ball erst gesehen hätte, nachdem dieser bereits im kurzen Eck eingeschlagen war. 

Wenig überraschend waren die Bayern nach diesem 0:1 konsterniert, schienen zu resignieren, von einem Aufbäumen konnte nicht die Rede sein. Die 120. Spielminute war bereits angebrochen und dann kam der „Katsche“…

Die Spanier spielten einen Fehlpass und der FCB-Vorstopper bekam den Ball einige Meter hinter der Mittellinie „von Beckenbauer oder Roth, ich weiß es nicht…“ (O-Ton Schwarzenbeck, tatsächlich war es der „Kaiser“) zugespielt. Der „Katsche“ marschierte noch einige Meter mit dem Ball und zog dann aus ungefähr 30 Metern Entfernung flach ab. Eigentlich ein Verzweiflungsschuss – aber zur Überraschung aller ging dieser Flachschuss an Freund und Feind vorbei und schlug aus der Perspektive des Schützen links unten im Tor ein.

Schwarzenbeck selbst schien fast geschockt von seinem erfolgreichen Schuss zu sein, eher schüchtern als euphorisch hob er die Arme zum Torjubel in die Höhe. Seine Mannschaftskameraden, allen voran Franz Beckenbauer, feierten und umarmten ihn. Kurz darauf der Abpfiff – Wiederholungsspiel – unfassbar!

Tatsächlich gibt es offensichtlich kein Foto, welches den Katsche beim Torschuss zum legendären 1:1 zeigt.
Katsches fulminanter Weitschuss schlägt im Atlético-Tor ein – 1:1!!!!!!

Der bescheidene Fußballheld

Es war tatsächlich das erste Tor vom Katsche in seinem 35. Europapokalspiel – und dann noch so ein wichtiges. Wahrscheinlich bis heute das wichtigste Tor in der Geschichte des FC Bayern. Eigentlich war der sympathische, zurückhaltende gebürtige Münchner der Adjutant des Kaisers. Wenn dieser zu seinen eleganten Vorstößen in die gegnerische Spielhälfte aufbrach, dann musste der Katsche eigentlich hinten bleiben und absichern. Hans-Georg „Schorsch“ Schwarzenbeck war auf dem Spielfeld (und wohl auch darüber hinaus) die Zuverlässigkeit in Person.

Sein knapper Kommentar zu seinem 1:1: „Ich wusste, dass das Spiel in wenigen Sekunden zu Ende sein würde. Deshalb habe ich einfach draufgehauen. Ich habe Glück gehabt und voll getroffen.“  Als der Rummel nach diesem Tor immer größer wurde, haderte er durchaus mit seiner neuen Heldenrolle, und er hätte es sich gewünscht, dass Gerd Müller dieses Tor gemacht hätte. Typisch Katsche!

Bei einer Sache wurde er jedoch Jahrzehnte nach jenem legendären Tor im Heyselstadion fuchsteufelswild: Es war ein Treffen mit seinen Ex-Mannschaftskollegen, man scherzte über das Tor. Sepp Maier & Co. meinten dabei, dass es wahrscheinlich sein einziges Saisontor gewesen wäre. Das konnte der Katsche aber nicht auf sich sitzen lassen und er widersprach: „In der Saison 1973/74 habe ich viele Tore gemacht!“ Ein Grinsen in der Runde – aber zuverlässig wie er war und ist, hatte der Katsche natürlich recht: Er erzielte in jener Spielzeit für einen Vorstopper mehr als beachtliche neun Tore: sieben in der Bundesliga – einmal im Pokal und das legendäre in Heysel.

Hans-Georg Schwarzenbeck – kurz „Katsche“ – war ein ehrlicher, aufrichtiger, ein wahrer Fußballheld, welchen man sich vor allem wegen seiner Bescheidenheit auch heute noch in jeder Mannschaft wünschen würde.


Titelbild: Kapellmann bedankt sich innigst beim Katsche 🙂

4 Kommentare zu „Das wichtigste Tor der FCB-Geschichte: Als der Katsche zum Helden wurde

  1. Das Spiel habe ich Fernsehübertragung gesehen, das Spiel war sehr gut, aber das 1:1 vom Katsche Schwarzenbeck war Weltklasse. Da träumt mancher heute noch davon.

  2. Ich hab mir mit meiner Frau einem Freund und dessen Frau zu Hause in Haag in Oberbayern auf dem Sofa angesehen und wir haben beschlossen zum Wiederholungsspiel nach Brüssel zu fahren ! Der 4 : 0 Sieg im Heyselstadion wird für uns unvergesslich bleiben ! Danke Katsche daß du das ermöglicht hast !!! Hart 7 f 83533 Edling

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