Die zwei simplen Gründe für das CL-Ausscheiden des FC Bayern

In unserer Schwarz-Weiß-Welt führt das CL-Ausscheiden der Bayern dazu, dass viele die großartige Saison vergessen und Konsequenzen fordern. Hierzu ein Kommentar.

Auch wenn der FC Bayern im Halbfinale der Champions League auf bittere Weise im „Duell der beiden aktuell wohl weltbesten Teams“ – darauf hatte man sich zumindest nach dem spektakulären Hinspiel geeinigt – an Titelverteidiger PSG scheiterte, spielt er insgesamt immer noch eine hervorragende Saison. Nach der souveränen Meisterschaft ist zwar das so heiß ersehnte Triple nicht mehr möglich, das Double im Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart aber sehr wohl. Dennoch hagelt es derzeit erstaunlich viel Kritik, Konsequenzen und Verbesserungen werden gefordert. Die Pariser hätten Vincent Kompanys Mannschaft gar die Grenzen aufgezeigt.

Dies sind die gnadenlosen Mechanismen nicht nur im Profi-Fußball. Getreu dem Motto „the winner takes it all“ gibt es zum Saisonfinale hin immer mehr Verlierer – mit mehr oder weniger dringendem Verbesserungsbedarf. Aber gehört der FC Bayern tatsächlich auch in diese „Kategorie der Loser“? Kompany und Sportdirektor Christoph Freund haben diese Frage auf der Pressekonferenz vor dem Bundesligaspiel in Wolfsburg bereits klar mit einem Nein beantwortet. Und sie haben natürlich recht.

Ganz speziell in der Königsklasse sind es häufig Nuancen, die über das Weiterkommen und letztendlich über den Triumph im Wettbewerb entscheiden. Nicht immer handelt es sich dabei um die Qualitäten der Kontrahenten, sondern auch um Glück und Pech – und „Schlimmeres“. Am Ende ist es jedoch fast ausschließlich so, dass der Sieger gefeiert wird, der Verlierer kritisiert: PSG hat gegen Bayern gefühlt alles richtig gemacht, die Münchner fast nichts mehr. Auf dieser Welle schwebt seit gestern Abend auch der Europa-League-Finalist SC Freiburg, dem nun die Sympathien von ganz Fußball-Deutschland zufliegen.

Paris und Freiburg werden als verdiente Endspielteilnehmer gefeiert. Betrachtet man aber jeweils die Hin- und Rückspiele, hätten es die Bayern und Sporting Braga unter Einbeziehung aller Kriterien genauso schaffen können und damit verdient gehabt. So liegen zum Beispiele beide im Semifinale ausgeschiedenen Vereine bei den xGoals (expected Goals), also der statistischen Kennzahl im Fußball, die die Wahrscheinlichkeiten angibt, mit der Torschüsse zu Toren führen, nach den Duellen insgesamt klar vorne: Braga gegen die Breisgauer mit 4,23 zu 3,14, die Bayern gegen Paris gar mit 4,47 zu 2,96 (Datenbasis kicker).

Ineffektive Superoffensive der Bayern im Rückspiel gegen PSG

Die Münchner Defensive wurde speziell nach dem spektakulären 4:5 im Hinspiel in Paris kritisiert, aber auch aufgrund des frühen 0:1 (3.) im Rückspiel. Beides hängt jedoch eng mit dem aggressiven Spielstil unter Kompany zusammen. Alle Mannschaftsteile pressen offensiv, verteidigen und stürmen kollektiv. Häufig ist dadurch ein Torspektakel garantiert.

Die Bayern sind in der laufenden Spielzeit dafür gefürchtet, auch größere Rückstände – auch ziemlich kurzzeitig – umdrehen zu können. Freiburg musste das beispielsweise sogar zweimal nach jeweiliger 2:0-Führung leidvoll erfahren (2:6 und 2:3). Selbst PSG konnte sich nicht ansatzweise sicher sein, dass der Gesamtscore von 6:4 zu Beginn des Rückspiels reichen würde. Zwischen den beiden Partien war PSG-Coach Luis Enrique gefragt worden, wie viele Treffer sein Team nach 180 oder 210 Minuten gegen Bayern benötigen würde, um „sicher“ weiterzukommen. Er nannte die Zahl „8“ – ein Ausdruck größten Respekts vor dem überragenden FCB-Sturm.

Ausgerechnet im wichtigsten Spiel der Saison klappte es jedoch beim „Trio Infernale“ des FCB mit Harry Kane, Luis Díaz und vor allem Michael Olise nicht so wie gewünscht und gewohnt. Es gab Saisonspiele, in welchen sie aus den verfügbaren Einschussmöglichkeiten gegen PSG mit ihrer Extraklasse drei oder vier Treffer erzielt haben. Aber im Halbfinal-Rückspiel wollte das einfach nicht so funktionieren: Es wurde zu hoch, auch zu zentral gezielt, andere Schüsse hatten nicht die richtige Power, manche blieben aus bester Position in der vielbeinigen PSG-Abwehr hängen. So erging es auch Jamal Musiala und dem spät eingewechselten Lennart Karl. Abgesehen von Kanes prächtigem Ausgleichstreffer (90.+4) blieben eigentlich alle Abschlüsse unter dem gewohnten Niveau.

Ganz bitter, dass diese überragende Offensive im wichtigsten Match der Spielzeit schlichtweg Ladehemmung hatte. Mit aktuell 175 Toren in 52 Pflichtspielen ist sie drauf und dran, den Europarekord des FC Barcelona aus der Saison 2011/12 mit 180 Toren (bei allerdings 61 Spielen) zu brechen und dann dies. Das Ausscheiden gegen Paris lag nicht an der Defensive, den sechs Gegentoren, die quasi „systembedingt“ waren: es lag ganz klar an der Ineffektivität einer der ansonsten besten Offensiven der Fußballweltgeschichte zur Unzeit. Ein Wahnsinn.

Entscheidende Schiedsrichterfehler

Für das ungewohnte „Versagen vor dem Tor“ sind die Bayern selbstverständlich einzig und allein selbst verantwortlich. Nicht gilt das für die Schiedsrichterentscheidungen in beiden PSG-Partien. Fünf ganz wichtige wurden einseitig gegen sie ausgelegt: Die Ecke vor dem 1:2 in Paris war eine Fehlentscheidung, der Elfmeter zum 2:3 höchst umstritten. Beim Rückspiel wurde Kane voreilig wegen einer angeblichen Abseitsposition zurückgepfiffen. In einer mit der Handelfmetersituation in Paris vergleichbaren Szene wurde dem FCB der Strafstoß versagt. „Fair“ wäre es gewesen, beide Elfmeter entweder zu geben oder zu versagen.

Die „negative Krönung“ war jedoch die Entscheidung des SR-Teams um João Pinheiro, die glasklare Ampelkarte gegen den portugiesischen Landsmann Nuno Mendes nach knapp einer halben Stunde nicht auszusprechen. Dies war in der Nachbetrachtung beider Partien wohl die alles entscheidende Situation bzw. Fehlentscheidung. Das Pariser Abwehrbollwerk hätte einem fast 70-minütigen Ansturm der Bayern kaum standhalten können. Es hätte einer der großartigen PSG-Offensivspieler zugunsten eines Defensivspielers geopfert werden müssen. Die Nadelstiche wären wesentlich seltener geworden, die Verdichtung der Räume in der Abwehr im Laufe des Spiels noch schwieriger geworden.

Wieder die Parallele mit Freiburg: Dort gab es in der 6. Spielminute die berechtigte Rote Karte für den Braga-Spieler Mario Dorgeles, welche die Aufgabe für die Breisgauer viel einfacher gemacht hatte: Nach dem 1:2 im Hinspiel gingen sie mit 3:0 (72.) in Führung, mussten dann in der Schlussphase nach dem 1:3 der Portugiesen trotz Überzahl noch gewaltig zittern. Keine allzu gewagte Prognose: Spielen die Bayern 70 Minuten gegen PSG in Überzahl, ziehen sie selbst ins Finale ein. Erhalten die Freiburger nicht den frühen numerischen Vorteil, wäre der Endspieleinzug für sie extrem schwierig geworden. Es soll aber auch „Fußballexperten“ geben, die den fälligen Mendes-Platzverweis als keine große Hilfe für den FCB gesehen hätten.

Fazit zum bitteren FCB-Ausscheiden

Es gibt zwei Hauptgründe, warum sich der deutsche Rekordmeister und seine Fans jetzt nicht auf das Finale in Budapest gegen Arsenal freuen können: Die unerklärliche Torflaute ihres Supersturms im Rückspiel und der eine entscheidende unter vielen SR-Fehlern. Wäre nur einer der beiden Gründe weggefallen, hätte sich der FC Bayern mit größter Wahrscheinlichkeit für das Finale qualifiziert. Und wäre es „normal“ gelaufen („normale“ Treffersicherheit und korrekte SR-Leistung), dann hätte es in München sogar ein Debakel geben können – und zwar für exakt diejenige Mannschaft, die nun gerade als die weltbeste gefeiert wird.

Fußball ist jedoch nicht kalkulierbar. Dennoch sollte dies ein Hinweis an diejenigen sein, die nicht nur bei einem knappen Gesamtscore von 5:6 von einem „krachenden Ausscheiden“ sprechen, sondern die fehlende Tiefe des aktuellen Kaders monieren, welche dringend korrigiert werden muss. Vincent Kompany wird zwar – auch als Trainer – immer weiter dazulernen, wie das bei jedem intelligenten Menschen auf seinem Lebensweg der Fall ist. Aber es muss ihm jetzt keiner mit einem fehlenden Plan B in seinem Matchplan kommen.

Die Bayern müssen sich nach der großen Enttäuschung sammeln, hoffen, dass sie auch in der kommenden Spielzeit wieder zu dieser großartigen Form finden werden. Und es wird – wie immer – die punktuellen Kaderkorrekturen bzw. -verbesserungen geben. Der häufig geforderte Umbruch wird dagegen erneut nicht stattfinden. Warum auch.


Titelbild: Kompany blickt nach dem PSG-Spiel schon wieder voller Tatendrang nach vorn.

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