Seit dem Schlusspfiff des denkwürdigen 4:5 im CL-Halbfinale in Paris fiebern die Bayern und ihre Fans auf das Rückspiel in München hin. Die Partie hat Endspielcharakter.
Selbst für die ruhmreiche Historie des FC Bayern ist die laufende Spielzeit eine absolut außergewöhnliche. Obwohl es wegen der Klub-WM zahlreiche Unkenrufe gegeben hatte, die einen katastrophalen Saisonstart prognostiziert hatten, startete Vincent Kompanys Mannschaft furios in die Spielzeit. Von Mitte Oktober bis Mitte November gab es wettbewerbsübergreifend vor und nach jedem Spiel Beiträge zum deutschen und europäischen Startrekord. Mit 16 Pflichtspielsiegen stellte der deutsche Rekordmeister national wie international neue Bestwerte auf.
Früh in der Saison prophezeiten dann die nächsten Skeptiker, dass der mit 19 Feldspielern dünn besetzte FCB-Profikader die Intensität seiner Spielweise nicht bis zum Ende durchziehen könne. Für die entscheidenden Wochen in den Pokalwettbewerben wurden Einbrüche vorhergesagt. Dies ist nicht eingetroffen. Auch wenn in der Champions League noch gewaltige Hürden zu überwinden sind, ist das dritte Triple der Vereinsgeschichte nach 2013 und 2020 absolut im Bereich des Möglichen.
Kompany-Bayern begeistern die Fußballwelt
Dabei bietet der FC Bayern seit dem ersten Pflichtspiel der Saison, dem Sieg im Franz-Beckenbauer-Supercup beim VfB Stuttgart (2:1), fast ohne Ausnahme einen faszinierenden Angriffsfußball. In der Bundesliga stehen nach 32 Spieltagen schier unglaubliche 116 Tore zu Buche, der legendäre Rekord aus der Saison 1971/72 (101) wurde nicht nur gebrochen, sondern torpediert. Insgesamt wurden in 51 Pflichtspielen bislang 174 Treffer erzielt. Der Europarekord des FC Barcelona aus der Spielzeit 2011/12 mit 180 Pflichtspieltoren in 61(!) Partien wackelt gewaltig.
Die Mannschaft glänzt aber nicht nur auf dem Spielfeld, sondern begeistert die Fußballwelt auch außerhalb mit für Münchner Verhältnisse extrem hohen Sympathiewerten, welche sie nicht nur ihrem charismatischen Chefcoach zu verdanken hat. Und nun steht das bisher größte, wichtigste Saisonspiel mit einer außergewöhnlichen Ausgangslage, dem 4:5 im Hinspiel des Champions-League-Halbfinals beim Titelverteidiger PSG, an. Beide Seiten fiebern dieser Partie bereits seit dem Schlusspfiff des ersten Spektakels entgegen.
Zuletzt voller Fokus auf Pokal und CL
Die Anspannung ist überall bei den Anhängern des Rekordmeisters zu spüren. Es gibt seit Tagen fast keinen unter ihnen, der nicht zugeben würde, mit Blick auf den PSG-Kracher bereits (ziemlich) nervös zu sein. Trotzdem herrscht auch großer Optimismus: Das Team ist in großartiger Form, die Torquoten überragend. Man traut ihm „alles“ zu, auch einen Sieg mit zwei Toren Unterschied über den Titelverteidiger.
Die jüngste Gegentorflut mag zwar beunruhigend wirken, ist aber auch ein Resultat dessen, dass die Bayern seit sechs Wochen in der Bundesliga nicht mehr ansatzweise in Bestaufstellung aufgelaufen sind. Voller Fokus auf die Pokalwettbewerbe: im DFB-Pokal steht man bereits gegen den VfB Stuttgart im Berliner Finale (23. Mai), das CL-Endspiel in Budapest (30. Mai) soll auch noch klar gemacht werden.
Hoffnung macht die bislang ausgezeichnete CL-Saison: Tabellenzweiter nach der Ligaphase, obwohl die Gegner außerordentlich kompliziert waren. Im Achtelfinale den Europa-League-Gewinner 2024, Atalanta Bergamo, „pulverisiert“ (6:1; 4:1), im Viertelfinale wurde Real Madrid erstmals seit 14 Jahren eliminiert (2:1; 4:3) – gefühlt bereits die ersten Königsklassen-Endspiele der laufenden Saison. Und vor dem Rückspiel gegen PSG in der Allianz Arena herrscht bereits längst so etwas wie Endspielstimmung.
Außergewöhnlicher Fansupport
Selten, vielleicht nie, wurde eine FCB-Mannschaft so bedingungslos unterstützt wie die aktuelle. Der 3:3-Ausgleich gegen den Tabellenletzten Heidenheim durch Michael Olise tief in der Nachspielzeit – sportlich für die Münchner bedeutungslos – wurde von den Fans so frenetisch wie ein wichtiger Siegtreffer in einem Pokalspiel bejubelt. Das ist eine moralische Unterstützung, die bei den Spielern sehr wohl ankommt. Diese gehen in das PSG-Spiel mit der Gewissheit, dort denselben überragenden Support von den Rängen zu bekommen wie gegen Madrid.
Und selbst wenn das Match gegen Paris – wie schon gegen Madrid – wenig verheißungsvoll starten sollte: Alle, auch die Gegner, wissen, mit welcher Moral und Willensstärke die Bayern auch zu großen Comebacks fähig sind. Kein Wunder, dass sich Vereinslegende Arjen Robben „zu hundert Prozent“ sicher ist, dass seine Nachfolger zum zwölften Mal in ein Königsklassenendspiel einziehen werden. Lothar Matthäus glaubt ebenfalls daran, nicht zuletzt wegen der physischen Überlegenheit von Kompanys Truppe.
Wenn alles gut geht, ziehen die Bayern zum ersten Mal seit 2001 (damals nach einem 2:1-Sieg über Real) in einem Heimspiel ins Finale der Champions League ein. Sollte das passieren, werden die Szenarien nach dem Schlusspfiff denjenigen eines Endspielsieges ähneln. 1999 (1:0 gegen Kiew) und 2001 gab es so etwas im Olympiastadion – für die Arena in Fröttmaning wäre es eine heißersehnte Premiere. Das Halbfinal-Rückspiel könnte – sportlich wie emotional – zu einem der größten Spiele der Klubgeschichte werden.
