Warum eine erweiterte Sperre für Kimmich und Olise absoluter Nonsens wäre

Seit fast einem halben Jahrhundert gibt es im Profi-Fußball Gelbsperren – aber wahrscheinlich noch nie haben zwei Verwarnungen so viel Staub aufgewirbelt wie die in Bergamo.

Das Champions-League-Achtelfinal-Hinspiel zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Bayern war von der ersten bis zur letzten Minute eine klare Angelegenheit: Der deutsche Rekordmeister beherrschte den Topverein der Serie A fast nach Belieben und das Ergebnis von 6:1 war am Ende sogar noch gnädig. Nach 67 Minuten stand es bereits 6:0. Im Nachlauf der Partie scheinen aber weniger die hervorragende Leistung des FCB oder die drei bitteren Verletzungen von Alphonso Davies, Jamal Musiala und Jonas Urbig im Vordergrund zu stehen. Vielmehr tun dies die beiden Gelben Karten für Michael Olise und Joshua Kimmich.

Eigentlich wären die späten Verwarnungen gegen den „Player of the Match“ Olise (77.) und Joshua Kimmich (84.) Grund zum Ärgern gewesen. Die Bayern-Profis erhielten sie jeweils wegen Zeitspiels. Franck Ribéry war für ein vergleichbares Vergehen im Gruppenspiel 2012/13 gegen OSC Lille bestraft worden, weil er sich zwanzig Minuten vor Spielende unter dem tosenden Applaus der FCB-Fans aus Sicht des Schiedsrichters zu lange Zeit für seine Auswechslung genommen hatte. Beim Stand von 6:1 (auch Endergebnis) hatte er damals dafür die Gelbe Karte gesehen.

Ramos-Fall 2019 die Ausnahme – FCB-Spieler „cleverer“

Was im November 2012 mit einem gellenden Pfeifkonzert der Anhänger bedacht worden war, wurde in Bergamo (zunächst) als clever erachtet. Hintergrund: Es war im neunten Wettbewerbsspiel jeweils die dritte Verwarnung für beide Bayernspieler. Dem Reglement entsprechend bedeutet dies eine Sperre von einer Partie – nun abzusitzen im Rückspiel gegen Atalanta in der heimischen Arena. Bei der höchstwahrscheinlichen Qualifikation für das Viertelfinale gegen den Sieger aus Manchester City gegen Real Madrid wären die Sperren erloschen, erst nach zwei weiteren Gelben droht wieder eine Spielsperre.

Es ist keineswegs von der Hand zu weisen, dass dieses Szenario tatsächlich die Intention der FCB-Stars war. Anders als beim nun häufig zitierten Fall von Sergio Ramos, der dies 2019 als Real-Spieler nach einer bewussten CL-Sperre zugegeben hatte, kam jedoch weder von Kimmich noch von Olise ein entsprechendes „Geständnis“. Der deutsche Nationalspieler gab seine ganz andere Erklärung für das Zustandekommen der Verwarnung ab, der französische äußerte sich überhaupt nicht vor den Kameras. Dennoch kochte medial sehr schnell eine Debatte „clever“ oder „unfair“ hoch und es wurde der UEFA – zum lautstarken Ärger von Millionen Bayernfans – mehr oder weniger nahe gelegt, den Fall zu überprüfen und über eine erweiterte Spielsperre wie einst bei Ramos nachzudenken.

„Abholen“ von Gelben Karten regelmäßige Praxis im Fußball

Dazu ein kurzer geschichtlicher Rückblick: Die Gelben Karten zur Verwarnung eines Spielers wurden zur WM 1970 in Mexiko eingeführt. Ein knappes Jahrzehnt später soll die inflationäre Anzahl an Verwarnungen von Walter Frosch zur Einführung der Gelbsperren im deutschen Profi-Fußball geführt haben. Ab der Spielzeit 1979/80 mussten die Bundesliga-Spieler nach vier Gelben für ein Spiel aussetzen, seit 1993/94 nach fünf.

International war die WM 1986 – wieder – in Mexiko das erste Turnier, bei dem man nach zwei Verwarnungskarten für eine Partie gesperrt wurde, ebenso fast zugleich im Europapokal. Tragisch in Erinnerung bleibt den deutschen Fußballfans, wie sich der beste DFB-Kicker der WM 2002, Michael Ballack, mit einem „taktischen Foul“ im Halbfinale gegen Gastgeber Südkorea um die Finalteilnahme gegen Brasilien brachte, weil er dafür mit seiner zweiten Gelben bestraft wurde.

Es ist aber auch eine Tatsache, dass sich in den Jahrzehnten seit Einführung nicht nur unzählige Spieler bittere Gelbsperren „zur Unzeit“ eingehandelt haben, sondern sich auch massenweise Profis die Spielsperre zu einem „günstigen Zeitpunkt abgeholt“ haben. Zu allen Zeiten, in allen nationalen wie internationalen Wettbewerben. Gelang dies, wurde es in der Regel mit dem Attribut „clever“ versehen – quasi überall und immer.

Beispiele gefällig? Bei Weltmeisterschaften holten sich Spieler von Topteams, die im ersten Match verwarnt wurden, mit Vorliebe bereits im zweiten Gruppenspiel die Sperre für das oft für das Weiterkommen bedeutungslose dritte ab, um unbelastet in die K.-o-Phase zu gehen. In der Bundesliga ist seit Jahren festzustellen, dass vorbelastete Spieler von Abstiegskandidaten die Partien in München gerne – gesperrt – auslassen, weil man sich beim Rekordmeister weniger Siegchancen als gegen die direkte Konkurrenz ausmalt. Das Verhalten wurde und wird jeweils registriert und dann schnell abgehakt.

Die „Cleverness“ von Kimmich und Olise kann kein Fall für ein UEFA-Verfahren sein

Warum sollte das nun ausgerechnet bei Kimmich und Olise anders sein? Verbände, die wegen (angeblich) „provozierten Spielsperren“ ermitteln, würden sich in ein sehr schwieriges Gewässer begeben. Denn dann müssten sie nicht mehr nur beurteilen, ob Karten berechtigt vergeben wurden, sondern auch über die Motivationen der Spieler spekulieren, eine noch wesentlich schwierigere Disziplin. In Konsequenz müsste auch über „unberechtigte“ Karten verhandelt werden, die zu Sperren führen.

War es denn überhaupt notwendig, dass der norwegische SR Espen Eskås den beiden FCB-Spielern beim Stand von 6:0(!) diese Karten aufgebrummt hat? Will die UEFA mit einem Verfahren gegen Kimmich und Olise wirklich ein weiteres vollkommen unnötiges Fass aufmachen? Viele Tausende Fußballer sind mit dieser „Cleverness“ durchgekommen, Ramos dagegen war ziemlich naiv und dient vom Sachverhalt nicht als Beispiel.

Es wäre daher wünschenswert, wenn sich der europäische Kontinentalverband nicht mit einem spekulativen Verfahren weiter ins Abseits der Fans schießen und den „Fall Kimmich/Olise“ rasch im Keim ersticken würde.

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