Eine jahrzehntelang gültige Fußballbundesliga-Regel scheint in dieser Saison verschwunden zu sein. Das Absurde: Eigentlich können sich alle beteiligten Vereine darüber freuen.
Für sämtliche Bundesliga-Vereine gelten neben den wenigen Lokalderbys die Duelle gegen den FC Bayern als Saison-Höhepunkte. Den Rekordmeister zu besiegen, bringt nicht nur drei Punkte in der Tabelle, sondern auch ein bundesweites Lob von Fußball-Deutschland – natürlich mit Ausnahme der FCB-Fans. Die Nachwirkungen waren jedoch in den letzten Jahrzehnten häufig erstaunlich heftig – und zwar im negativen Sinne. Je überraschender, sensationeller der Triumph über die scheinbar Übermächtigen ausgefallen ist, umso krasser war danach bei vielen Teams der Absturz.
Niederlagenserien, Abstiege – zuletzt für den VfL Bochum – folgten einem umjubelten Sieg über den FC Bayern so regelmäßig, dass im deutschen Fußball dieses „Phänomen“ schon lange als „Bayern-Fluch“ tituliert wird. Die Gründe für diesen nachfolgenden Einbruch sind teilweise rätselhaft. Am greifbarsten ist noch die Erklärung mit einer anschließenden Selbstüberschätzung bzw. -Fehleinschätzung: Schlage ich den Champion, kann mir der Rest nicht mehr gefährlich werden.
Keine FCB-Niederlage – kein „Bayern-Fluch“ möglich
In der laufenden Bundesliga-Saison ist bislang alles ganz anders: Zum einen ist der FCB unter Coach Vincent Kompany laufend auf Rekordkurs: Nie gab es in den 62 BL-Spielzeiten zuvor einen besseren Start als die elf Siege bei einem Unentschieden und 44:9 Toren, so dass der klassische „Bayern-Fluch“ noch gar nicht zuschlagen konnte. Wesentlich erstaunlicher ist aber zum anderen ein „Phänomen“ bei den bisherigen Gegnern der Münchner, welches in dieser Form noch nicht vorgekommen ist.
Konnten die „Opfer des Bayern-Fluches“ in der Regel keinen Nutzen aus ihren (Sensations-)Siegen ziehen, scheinen in der Hinserie 2025/26 die unterlegenen Bundesligisten anschließend Kraft aus ihren FCB-Pleiten zu schöpfen. Das ging schon nach dem 1. Spieltag los: Wer hätte gedacht, dass RB Leipzig nach der 0:6-Demontage in der Allianz Arena eine Siegesserie starten und nach zwölf Spielen Tabellen-Zweiter sein würde? In den nachfolgenden 13 Pflichtspielen (inkl. Pokal, international ist man nicht vertreten) gab es zehn Siege, zwei Remis und nur eine Niederlage bei 29:9 Toren.
Am 3. Spieltag ging BL-Rückkehrer Hamburger SV mit 0:5 in München unter, war anschließend mit nur einem Punkt und ohne eigenes Tor Tabellen-17.. Danach folgten zwei Siege und ein Unentschieden: 2:1 gegen Heidenheim, 0:0 bei Union Berlin und 4:0 gegen Mainz 05.
Auf Niederlagen gegen den FC Bayern folgen Siegesserien
Eine Runde später gewannen die Bayern mit 4:1 in Hoffenheim. Die Kraichgauer fanden sich nach der Heimpleite auf Platz 9 wieder. Nachfolgend gab es nur noch eine einzige BL-Niederlage, aber fünf Siege und zwei Remis. Derzeit ist die TSG Tabellen-Fünfter, nur drei Punkte hinter Leipzig.
Nach dem 0:4 in München am 5. Spieltag lag der frühere Meisterschaftskonkurrent Werder Bremen in der Abstiegsregion auf dem 15. Tabellenplatz. Diese wurde nach folgenden drei Siegen, 3 Unentschieden und nur einer Niederlage bald wieder verlassen: Aktuell Rang 9.
„Angstgegner“ Eintracht Frankfurt war bei der 0:3-Heim-Klatsche das nächste Bayern-„Opfer“, danach gab es für die Hessen keine BL-Niederlage mehr (3 Siege – 3 Remis). Auch Borussia Dortmund blieb nach dem 1:2 in München in der Liga unbesiegt (3 Siege – 2 Unentschieden).
Nach dem 0:3 im Borussia-Park war der große Konkurrent der 1970er Jahre Mönchengladbach gar das BL-Schlusslicht. Der FCB-Pleite folgten wettbewerbsübergreifend vier Siege, in der Ligatabelle ist man nun Zwölfter.
Bayer Leverkusen, der Hauptkonkurrent der letzten beiden Spielzeiten, verlor in München gegen Kompanys „B-Elf“ sang- und klanglos mit 0:3. Danach war man allerdings viermal in Folge siegreich, darunter zweimal auswärts in der Champions League: 1:0 bei Mourinhos Benfica, 2:0 bei Guardiolas Manchester City.
Der SC Freiburg steckte die jüngste 2:6-Klatsche in München mit viel Optimismus weg und rehabilitierte sich eine Woche später in der Bundesliga mit einem 4:0-Kantersieg über Mainz 05. Und selbst der FC St. Pauli, der am Wochenende in der Allianz Arena nach 1:0-Führung beim 1:3 die neunte(!) BL-Pleite in Serie erlitten hatte, gewann nun anschließend in Gladbach im Pokal und ist damit ins Viertelfinale eingezogen.
Wurde in vergangenen Jahren oft (zu) ausgiebig ein Erfolg über den deutschen Rekordmeister gefeiert, zeigt man sich derzeit bei den unterlegenen Gegnern nach den Partien generell zufrieden mit Einstellung und Performance im Kräftemessen mit dem FCB. Diese positiven Erkenntnisse sollen dann immer in die nächsten Spiele transportiert werden – es scheint zu gelingen.
Titelbild: FCB-Jubel beim 6:0 über RB Leipzig
