Der FC Bayern ist überragend in die Saison gestartet. Nun soll ausgerechnet die anstehende Rückkehr eines Superstars den Erfolg gefährden. Dazu ein Kommentar.
Als die Schwere der Verletzung von Jamal Musiala nach der rüden Attacke von PSG-Keeper Gianluigi Donnarumma im Klub-WM-Viertelfinale Anfang Juli festgestanden hatte und die Ausfallsdauer auf bis zu einem halben Jahr einschätzt worden war, war sich die Fußballwelt einig, dass dies eine erhebliche Schwächung des FC Bayern nach sich ziehen würde. Doch erstaunlicherweise ist gerade das Gegenteil eingetreten.
Ähnlich wie Jupp Heynckes´ „Triple-Vize-Bayern“ 2012 scheint die aktuelle Truppe von Vincent Kompany aus den vielen bitteren Ereignissen zum Ende der vergangenen Saison eine besondere Motivation gewonnen zu haben. Zwar konnte man eine souveräne Deutsche Meisterschaft feiern, aber ein fatales Verletzungspech hatte zuvor und auch danach sämtliche internationale Ambitionen nahezu vernichtet.
16 Siege in den ersten 16 Pflichtspielen bedeuten einen neuen überragenden europäischen Saisonstartrekord, nicht zuletzt auch deswegen, weil das Team das Kompany-System noch wesentlich besser verinnerlicht hat und auch noch mehr zusammengewachsen ist. Eine verschworene Truppe. Die sicherlich durch die nun in Kürze erwarteten Rückkehren von Hiroki Ito, Alphonso Davies und Jamal Musiala (wohl in dieser Reihenfolge) noch einmal qualitativ wie quantitativ aufgerüstet wird.
Philipp Lahms Musiala-Aussagen verursachen Aufregung
Aber nun sorgt ausgerechnet die FCB-Legende Philipp Lahm in seiner Kolumne für Die Zeit für Zweifel an dieser positiven Entwicklung. Nach Meinung des 41-Jährigen könnte Musiala sogar zum Problem für die aktuellen „Super-Bayern“ werden: „Interessant wird es, wenn Jamal Musiala genesen zurückkehrt. Die Mannschaft steht, ohne dass er daran beteiligt gewesen wäre, und sie spielt exzellent. Im Augenblick ist alles auf Kane ausgerichtet, er dankt es mit Toren.“
Der Weltmeister von 2014 weiter: „Neben ihm zählt Musiala zu den Spitzenverdienern, sein Vertrag wurde bis 2030 verlängert. Er ist ein großes Talent, ein Spieler mit eigenem Profil. Wird es gelingen, ihn mit Gewinn einzufügen, oder wird dies die Klarheit der Bayern schwächen? Eine Mannschaft ist bekanntlich nur erfolgreich, wenn sie mehr ist als die Summe ihrer einzelnen Teile.“
Lahms Bedenken haben eine öffentliche Diskussion darüber ausgelöst, welche FCB-Spieler von dem Comeback negativ beeinflusst werden könnten. Selbst Harry Kane wäre demnach möglicherweise davon betroffen. Der 32-jährige Engländer ist in dieser Spielzeit bislang überall auf dem Spielfeld anzutreffen. Statt als klassischer Mittelstürmer agierte er auch schon einige Male auf Musialas Zehnerposition, speziell wenn Nicolas Jackson auf dem Platz stand und in der Spitze spielte.
Der vor der Saison von vielen Experten schon abgeschriebene Serge Gnabry macht seine Sache – ebenfalls auf der klassischen Musiala-Position hinter der Spitze – seit Wochen überragend. Bei 14 der 16 Pflichtspielsiege wurde Gnabry von Kompany eingesetzt und glänzte dabei nicht nur wegen der vier Tore und fünf Assists. Auch der bereits überragend integrierte Neuzugang Luis Díaz (10 Tore, 6 Vorlagen) könnte ein „Verlierer“ des Musiala-Comebacks sein.
Positive Aspekte der Musiala-Rückkehr überwiegen
Man kann natürlich alles schwarz malen, aber beim so heiß ersehnten Comeback von Musiala sollten die positiven Aspekte doch eigentlich klar dominieren. Der 22-Jährige ist in Bestform ein absoluter Weltklassespieler, der in jeder Partie den Unterschied ausmachen kann. Dabei ist er – trotz seiner zahlreichen atemberaubenden Dribblings – gewiss kein Egomane oder Einzelkämpfer, sondern ein in der Mannschaft sehr geschätzter Teamplayer.
Chefcoach Vincent Kompany hat es speziell in dieser Saison nahezu perfekt hinbekommen, taktisch flexibel viele schmerzende Spielerausfälle zu kompensieren, hat auch bei der Anpassung seines Systems an spezielle Spielsituationen extrem dazu gelernt – Paradebeispiel: Die zweite Halbzeit in Paris. Warum soll er nun die Rückkehr von Leistungsträgern nicht hinbekommen?
Bekanntlich trägt ein Konkurrenzkampf in allen Wettkampfmannschaften zu Leistungssteigerungen bei, das beginnt schon bei der höheren Qualität in den Trainingseinheiten. Es ist außerdem kaum zu erwarten, dass Musiala sehr bald in der Münchner Startelf stehen wird, stattdessen wird er nach seiner monatelangen Pause schrittweise ins Spielgeschehen zurückgeführt werden. Kompany wird nichts überstürzen.
Erfreulicherweise ist der FC Bayern in dieser Saison bislang von längeren Ausfällen in der Offensive verschont geblieben. Gleichzeitig wurde eine beginnende Überlastung von Harry Kane, Michael Olise und Luis Díaz diskutiert. Letzterer hat zumindest im nächsten Champions-League-Spiel Pause wegen seiner Rotsperre. Könnte Musiala bereits Ende November beim FC Arsenal auflaufen, wäre das sicherlich kein Nachteil für den Rekordmeister. Aber die Partie dürfte für den Supertechniker noch ein paar Wochen zu früh kommen. Danach sollten sich die Bayernfans ausschließlich auf sein Comeback freuen.

Ich denke, wir können auf die Schwarzmalerei von Lahm gut verzichten. Diese Expertise war Unsinn. Weder ist bisher alles auf Kane zugeschnitten, noch wird sich von einem Tag auf den anderen die Spielweise des Teams gravierend verändern, wenn Musiala wieder auf dem Platz ist. Er kann nur sukzessive wieder zum Einsatz kommen.
Das gleiche gilt für Davies und Ito. Es wird eine Freude, wenn unsere drei Langzeitverletzten wieder dabei sind!
Volle Zustimmung, Cornelia.