Die geplante viertägige Hospitanz der FCB-Legende Jérôme Boateng wird nicht stattfinden. Gegner und Befürworter unter den Fans zeigen sich gleichermaßen enttäuscht. Ein Kommentar.
Auf einer Spieltags-PK Ende September darauf angesprochen, ob sein früherer Fußball-Kumpel Boateng bei ihm die Gelegenheit zur Hospitanz bekommen würde, bejahte FCB-Chefcoach Vincent Kompany diese Anfrage mit einem „Natürlich“. Der Weltmeister von 2014 meldete sich daraufhin kurze Zeit später beim FC Bayern, ein viertägiger Aufenthalt an der Säbener Straße zum „Über-die-Schulter-schauen“ wurde vereinbart, nur der Zeitpunkt stand noch nicht fest.
Diese Vereinbarung rief – wie schon vor zwei Jahren, als es sogar um einen Spielervertrag für Boateng gegangen war – die „aktive FCB-Fanszene“ auf den Plan, die den dominierenden Kern des Stimmungs-machenden Unterrangs der Südkurve in der Allianz Arena darstellt. Bei den Heimspielen gegen Borussia Dortmund und Club Brügge attackierte diese sowohl den Ex-Spieler wie auch den Verein mit mehreren großflächigen Bannern heftig: „Wer dem Täter Raum gibt, trägt seine Schuld mit – Boateng, verpiss dich!“ wie auch „Kein Platz für Charakterschweine in unserem Verein – kein Platz mehr für Boateng!“
Erneut wurde damit auf die Vorwürfe gegen Boateng wegen „häuslicher Gewalt“ hingewiesen, welche allerdings nach zahlreichen Prozessen in dieser Form letztinstanzlich von Richterin Susanne Hemmerich am Landgericht München I nicht bestätigt wurden: „Von dem Vorwurf des notorischen Frauenschlägers ist nichts übrig geblieben“, so Hemmerich bei der Urteilsverkündung. Diese sprach dagegen „von einer langjährigen „toxischen Beziehung“ mit wechselseitigen körperlichen Übergriffen und Beleidigungen“.
Anschließend brach speziell in den Sozialen Medien eine verbale Schlammschlacht unter den Anhängern des Rekordmeisters aus, die nicht zuletzt von Unkenntnis der Sachlage geprägt war. Eine ganz offensichtlich breite Mehrheit stellte sich hinter die Vereinslegende (zweifacher Triplesieger), die „Boateng-ist-ein-Frauenschläger“-Fraktion hielt fast schon fanatisch dagegen, nicht selten mit dem Grundtenor: „Männer, die Boateng verteidigen, sind selbst ´Charakterschweine`“.
Entscheidung des FC Bayern wird von beiden Seiten kritisiert
Eine Woche vor der Jahreshauptversammlung des FC Bayern München e.V. am 2. November 2025, 10:30 Uhr, im BMW Park (früher Audi Dome, davor Rudi-Sedlmayer-Halle) veröffentlichte der Verein dann auf seiner Homepage (unmittelbar nach dem 3:0-Sieg in Mönchengladbach) folgte Mitteilung:
„In einem konstruktiven Austausch, den der FC Bayern und Jérôme Boateng in dieser Woche hatten, wurde entschieden, dass Jérôme Boateng nicht beim FC Bayern hospitieren wird. Jérôme fühlt sich dem FC Bayern sehr verbunden und möchte nicht, dass der FC Bayern aufgrund der aktuellen kontroversen Diskussion um seine Person Schaden nimmt.“
Während die „Boateng-Gegner“ sich nicht zufrieden mit der aus ihrer Sicht nicht ausreichenden Distanzierung zum Ex-Spieler zeigten, prasselte auf die Bayern-Verantwortlichen auf der eigenen Facebook-Seite dafür ein wahrer „Shitstorm“ der „Boateng-Befürworter“ ein.
Sehr viele empörte Bayernfans äußerten sich dabei wie in diesem Kommentar, der von allen die deutlich meisten Likes erhielt: „Lächerlich und sehr peinlich, dass der Verein hier so regiert wegen einer kleinen Gruppe in der Kurve. Lieber Boa, nicht alle Fans denken so, es gibt eine große Gruppe, die sehr dankbar ist und dir alles Gute wünscht.“
Erpressbar? Wie der FCB solche „Probleme“ lösen könnte
Bereits vor der – tatsächlich wenig überraschenden – Entscheidung des FC Bayern gegen die Boateng-Hospitanz waren Gerüchte kursiert, dass dies aufgrund der in Kürze anstehenden Mitgliederversammlung passieren würde, aus „taktischen Gründen“. Hintergrund: Die „aktive Fanszene“ tritt bekanntermaßen bei den Jahreshauptversammlungen des FCB geschlossen und in großer Zahl auf, während von den übrigen gut 400000 Mitgliedern selten ein Prozent den Weg in den heutigen BMW Park findet.
Diese Konstellation ist bei Abstimmungen häufig extrem brisant, in diesem Jahr ganz besonders: Präsident Herbert Hainer stellt sich bei der diesjährigen Mitgliederversammlung erneut zur Wiederwahl und strebt seine dritte 3-jährige Amtszeit an. Nicht wenige FCB-Anhänger sehen Boateng deswegen als „Bauernopfer“. Denn hätte der Verein nicht seine Hospitanz abgesagt, hätte Hainer eine saftige Wahl-Blamage gedroht, selbst ein Scheitern der Wiederwahl erschien in dieser Konstellation möglich.
Der Verein hat sich in dieser leidigen Angelegenheit – erneut – schwach präsentiert und wohl erpressbar gemacht. Dabei würde es in derartigen „Ausnahmefällen“ ein sehr wirksames Mittel geben, all die Unannehmlichkeiten zu vermeiden: Eine Befragung aller 410.000 (aktuell offizieller Stand) Mitglieder. Dies geschah zuletzt bei der Frage, ob der FC Bayern eine international wettbewerbsfähige Basketball-Mannschaft auf den Weg bringen soll.
Eine derartige Vorgehensweise ist natürlich selbst für einen Weltverein wie den FC Bayern sehr aufwendig. Aber er könnte sich damit bestens selbst aus der Schusslinie nehmen, die absolute Mehrheit der Stimmen „pro“ oder „kontra“ ist bei der Entscheidung bindend. Und so eine Abstimmung aller Mitglieder könnte natürlich auch in vielen Facetten richtungsweisend sein.

Toller Artikel! Eigentlich ist darin alles wichtige gesagt worden. Was jetzt noch bleibt, isr Fremdschämen für die Moralapostel – wohl hauptsächlich aus der Südkurve – und der Eindruck, dass diese Chaoten viel zuviel Einfluss haben.
Aber ich bin mir sicher, Jerome Boateng wird seinen Weg als Trainer gehen.
Ich wünsche ihm von ganzem Herzen viel Glück und Erfolg für seine berufliche und private Zukunft (und nie wieder eine toxische Beziehung).
Der letzte Satz ist ein sehr schönes Statement 🙂
Super Beitrag – mit einer Idee, die ich als Vereinsmitglied zu 100% unterstützen würde.
Wenn bei so einer Vollabstimmung 80-90% Zustimmung (für Boateng) herauskommen, dann ist die „Herrschaft der Ultras“ beendet.