Kommentar Petersgradmesser
Trotz souverän gewonnener Deutscher Meisterschaft wird der FC Bayern derzeit als Krisenklub dargestellt. Warum ein derartiges Szenario tatsächlich – langfristig – möglich ist.
Obwohl der Titel des Deutschen Meisters seit Jahrzehnten nach Bekunden aller Protagonisten des FC Bayern der ehrlichste und wichtigste ist, schielt man an der Säbener Straße genauso lange Zeit auf die internationalen Triumphe, die Spitze des europäischen Fußballs, gleichbedeutend mit der Weltspitze. Das ist ebenso Fakt wie es eine äußerst schwierige Aufgabe für die Verantwortlichen auf und neben dem Spielfeld darstellt.
FC Bayern objektiv in der Weltspitze
Dass sich Verein und Profimannschaft derzeit auf diesem Level befinden, beweisen die Viertelfinal-Teilnahmen in der Champions League und bei der Klub-WM wie ein dritter Platz in der UEFA-5-Jahreswertung. In jenem Ranking, das rein objektiv anhand der erzielten Ergebnisse die Teams einreiht, liegen nur die Giganten Real Madrid und Manchester City vor dem deutschen Rekordmeister – und das zudem nur knapp. In der abgelaufenen Saison konnten beide leistungsmäßig nicht mit dem FCB mithalten. Paris Saint-Germain war – trotz WM-Final-Pleite – das Maß aller Dinge. Dahinter ein halbes Dutzend Mannschaften auf ähnlichem Niveau, darunter die Münchner.
Trotzdem wird seit Jahren behauptet, der FC Bayern würde nicht mehr zu dieser Spitzenklasse gehören, vor jeder Spielzeit ein weiterer Absturz prophezeit, natürlich auch vor dieser. Maßstab ist dabei bei vielen Experten nicht etwa Top10, Top5 oder Top3 – nein, bei absoluter Ehrlichkeit ist es der absolute Triumph, dokumentiert durch den Gewinn der Champions League.
Und genau das wird von Jahr zu Jahr immer schwieriger, was schon bei der Kaderzusammenstellung, der im Sommer zu schaffenden Grundlage, beginnt. Diese fällt Max Eberl & Co. in diesem Sommer scheinbar besonders schwer. Für den Sportvorstand eine Herkulesaufgabe, von deren Gelingen sogar seine weitere Beschäftigung abhängen soll, wenn man gewissen Gerüchten Glauben schenken möchte.
Früherer Direktor erklärt den FCB-Wettbewerbsnachteil
Wie schwierig das tatsächlich ist, darüber hat nun der frühere Technische Direktor des Rekordmeisters, Michael Reschke (2014-17), in einem Interview mit der Münchner Abendzeitung gesprochen. Dieser sieht die zähen Bemühungen der Bayern um Neuzugänge im laufenden Transfersommer vor allem in der Konkurrenz durch die englische Premier League begründet.
Dass sich der deutsche Nationalspieler Florian Wirtz nicht für den FCB, sondern für den FC Liverpool entschied, ist laut Reschke „das klassische Beispiel“. Die englischen Klubs seien „für viele Spieler reizvoller als die Bundesliga. Der 67-Jährige führt weiter aus, dass es nun „viel mehr Player auf dem Markt als noch vor zehn Jahren“ gebe.
Reschke erklärt den FCB-Wettbewerbsnachteil bei Transfers: „Vor allem der englische Markt ist für viele Spieler nicht nur vom Wirtschafts-, sondern auch vom Leistungsniveau die Liga, die weltweit die Nummer eins ist.“ Dennoch sieht der frühere FCB-Funktionär seinen Ex-Klub „weiterhin als großen Player“, eben „aber mit einer gewachsenen Konkurrenzsituation“.
Leverkusen-Boss auf „Anti-Bayern-Kurs“
Fast parallel zum Reschke-Interview meldete sich auch der Leverkusener Sportboss Fernando Carro in der WELT zum Scheitern des FC Bayern bei der Verpflichtung seines Ex-Spielers Wirtz. Dabei lieferte er neben einigen Gehässigkeiten auch noch eine weitere Begründung für die Schwierigkeiten des Rekordmeisters, weiterhin Weltspitze zu bleiben.
„Als Florian und seine Eltern uns erzählten, dass es Liverpool wird, waren wir unter den gegebenen Umständen natürlich nicht traurig. Es ist ja kein Geheimnis, dass wir einen Transfer ins Ausland bevorzugt haben“. Nichts Neues, nur eine Bestätigung, dass von Seiten des Werksvereins durchaus auch gegen einen Wechsel des Hochbegabten an die Säbener Straße gearbeitet worden war.
Es ist auch kein Geheimnis, dass dies nicht nur in Leverkusen, sondern auch bei der restlichen Bundesligakonkurrenz so gesehen wird. Dass man mit dieser Blockadepolitik die Bundesliga auch unattraktiver macht, wenn zahlreiche Topspieler auf die Insel wechseln, spielt offenbar keine Rolle. Wichtiger ist, dass man den großen Konkurrenten aus dem Süden schwächt, zumindest nicht stärker werden lässt. Den Verein, der seit zwei Jahrzehnten hauptverantwortlich dafür ist, dass die Bundesliga in der Champions League einen dritten und vierten Startplatz sicher hat.
Wunsch der Bundesliga: Ausgeglichen auf Mittelklasse-Level
Es ist schade, dass der deutsche Fußball sich nicht den FC Bayern als Positivbeispiel nimmt, um sich leistungsmäßig nach oben anzupassen. Stattdessen wird versucht, den Rekordmeister selbst auch auf das niedrigere Niveau der Bundesligakonkurrenz zu bringen. Kein Streben nach Weltklasse, Topleitungen, lieber gemeinsames Mittelklasse-Level im nationalen Wettbewerb.
Dazu passt übrigens auch bestens, dass derzeit Sportfunktionäre gefeiert werden, die international diese Mittelmäßigkeit geradezu repräsentieren. Der Sportchef von Eintracht Frankfurt, Markus Krösche, soll an der Säbener Straße einen Max Eberl ersetzen, weil er bei seinem Verein genau die Transferstrategie prägt, die den Bayern den Weg erschwert: Die SGE ist ein „Verkaufsverein“, die besten Kicker – zuletzt Omar Marmoush, nun folgt wohl Hugo Ekitiké – werden gewinnbringend in die Premier League verscherbelt.
Komplexe Aufgaben des FCB-Sportvorstands
Eberls Aufgabenstellung in München ist dagegen wesentlich schwieriger und komplexer: In einem verheerenden Mix aus großen Gehaltseinsparungen, geschrumpftem Festgeldkonto, Erwartung von Topzugängen zu Schnäppchenpreisen, Einbau von zahlreichen Campus-Talenten, Behalten von Vereinsikonen etc. soll er – zusammen mit Sportdirektor Christoph Freund – den Weltklassekader zusammenstellen, der im nächsten CL-Finale bestenfalls das 5:0-Rekordergebnis von PSG gegen Inter Mailand toppt.
Apropos geschrumpftes Festgeldkonto und Gehaltseinsparungen: Käme der FC Bayern tatsächlich auf die Idee, Eberl durch Krösche zu ersetzen, müsste er dem einen eine Abfindung und für den anderen eine Ablösesumme zahlen. Dem allgemeinen Wunsch im deutschen Fußball, den FCB auf das Level der Konkurrenz herunterzuziehen, käme man damit aber sicherlich auch wieder ein Stück näher.
Titelbild: FCB-„Fanfeindbild“ Fernando Carro
