Absurde Kritik am Campus des FC Bayern am Beispiel Irankunda

Der Kader des FC Bayern ist hochwertig besetzt, dennoch wird er stets kritisch gesehen und der Einbau von Nachwuchsspielern gefordert. Die Sachlichkeit bleibt zuweilen völlig auf der Strecke.

Schaut man sich den aktuellen Spielerkader des FC Bayern für die kommende Saison an, kann man feststellen, dass sich unter den Feldspielern 19 A-Nationalspieler befinden – aus zehn unterschiedlichen Ländern, neun davon waren für die letzte WM (2022 in Katar) qualifiziert, nur Konrad Laimers Österreich nicht. Dennoch wird der Kader von zahlreichen Experten als international nicht wettbewerbsfähig abqualifiziert.

Experten wollen FCB-Campus-Spieler und keine teuren Neuzugänge sehen

Nicht selten sind es auch dieselben Experten, die die aktuellen Bemühungen von Max Eberl & Co. um Nick Woltemade und Luis Díaz kritisieren (zu teuer / zu alt) und einen massiven Einbau von FCB-Campus-Talenten fordern. Dazu ist derzeit der „falsche Umgang“ des Rekordmeisters mit seinen Talenten allgemein ein großes Thema bei den (Dauer-)Kritikern des FCB, die das Campus-Gelände an der Ingolstädter Straße im Münchner Norden selbst jedoch wohl noch nie von innen gesehen haben.

Während zahlreiche A-Nationalspieler permanent in der Kritik für ihre Leistungen stehen, taucht die Idee auf, diese durch 17- bis 19-Jährige zu ersetzen. Hinderlich wäre nur eine falsche Campus-Strategie und mit Vincent Kompany ein Trainer, der partout nicht auf Jugend setzen will. Der frühere sicherlich nicht falsche Spruche von Trainer-Legende Otto Rehhagel „Es gibt keine jungen und alten Spieler, nur gute und schlechte“ gilt in diesem „speziellen FCB-Kosmos“ längst nicht mehr.

Kein „Welpenschutz“ im knallharten Profi-Fußball-Geschäft

Stehen die 19-Jährigen Paul Wanner und Adam Aznou oder gar der 17-Jährige Lennart Karl für den Rekordmeister auf dem Platz ist der „Welpenschutz“ der FCB-Kritiker, die sie nun permanent fordern, sicherlich schnell verbraucht, wenn sie keine Top-Leistungen im erwünschten Bayern-Niveau zeigen. Das weiß vor allem FCB-Coach Kompany. Deswegen ist er – zurecht – vorsichtig: Die jungen Spieler könnten bei Nicht-Gelingen einen nachhaltigen Knacks für ihre weitere Karriere erleiden, der Trainer selbst seinen Job in Gefahr bringen.

Der Sprung vom FCB-Campus zu den Profis des Rekordmeisters ist ein gewaltiger. Nur Supertalente schaffen diesen ohne Umweg (Leihe) – wie die beiden deutschen Nationalspieler Jamal Musiala und Aleksandar Pavlović. Die Möglichkeit dazu bekommen grundsätzlich alle Campus-Spieler, realistische Chancen haben nur sehr wenige und wirklich beim Rekordmeister durchsetzen können sich noch viel weniger.

Irankunda als Nachwuchshoffnung geholt

So wurde im November 2023 der hochtalentierte Australier Nestory Irankunda verpflichtet. Aufgrund seines Heimatlandes bekam er allerdings erst nach seinem 18. Geburtstag (9. Februar 2024) die Spielgenehmigung für den FC Bayern. Im Juni 2024 kam er endgültig zum Rekordmeister – als frischgebackener australischer A-Nationalspieler – und bekam ein Quartier im FCB-Campus. Diese Meldung postete er selbst glücklich und zufrieden auf Instagram.

Nicht nur wegen seiner ersten bescheidenen Bleibe in München stand von vorneherein nicht fest, in welcher Mannschaft er in seiner ersten FCB-Saison spielen würde, auch eine sofortige Leihe stand schon 2024 zur Debatte. Tatsächlich trainierte er zu Beginn bei Kompanys Profis, stand sogar im Kader beim Erstrunden-Pokalspiel in Ulm, kam dann aber bei den Bayern Amateuren, der U23 des FCB unter.

Irankunda mit bescheidenen Statistiken in München und Zürich

Für das Viertliga-Team (Regionalliga Bayern) kam er bei 15 Einsätzen auf vier Tore und vier Assists. In der UEFA Youth League traf er für die U19 des Rekordmeisters in drei Partien einmal. Irankunda wurde also in seiner Münchner Debütsaison als Nachwuchsspieler eingeordnet.

In der Winterpause forcierte er selbst seinen Wechsel nach Zürich zu den Grashoppers. Beim Schweizer Rekordmeister, der allerdings in der abgelaufenen Spielzeit gegen den Abstieg spielte, kam er in 21 Spielen auf ein Tor und drei Assists. Natürlich viel zu wenig für ein Bewerbungsschreiben bei den FCB-Profis. Wofür weder die Campus-Arbeit und schon gar nicht Profi-Coach Kompany etwas dafür können. Trotz seines sicherlich vorhandenen Talents ist Irankunda noch meilenweit davon entfernt, eine Ergänzung oder gar Verstärkung der Offensive des Rekordmeisters zu sein.

Weg zu Australiens WM-Team führt über englische Zweitklassigkeit

Weil der mittlerweile 19-Jährige aber unbedingt noch auf den WM-Zug der Australier für 2026 aufspringen will, entschloss er sich gut ein Jahr nach seinem Transfer von Adelaide United nach München in die zweitklassige englische Championship zum FC Watford zu wechseln, um Spielpraxis auf einem adäquaten Level zu bekommen.

Für den FCB durchaus auch ein lukratives Geschäft: Nachdem man letztes Jahr 900.000 Euro an Irankundas Ausbildungsverein Adelaide United überwiesen hatte, bekommt man nun mit kolportierten 3 Millionen Euro mehr als das Dreifache. Zusätzlich hat man sich eine Rückkaufklausel und eine Weiterverkaufsklausel (50%) gesichert.

Grashoppers-Verantwortliche melden sich zu Irankunda – FCB-Kritik?

Ein cleverer Deal des FC Bayern. In die Schlagzeilen kommen aber andere eigentlich unerhebliche Details. Aus Zürich meldeten sich dazu Co-Trainer Michael Henke und dessen Grashoppers-Chefcoach Tomas Oral. Hitzfelds ehemaliger FCB-Assistenzcoach lobt den Australier im Gespräch mit SPORT1 in den höchsten Tönen: „Ein hochveranlagter Offensivspieler, mit unglaublicher Geschwindigkeit, Dynamik und Intensität“. Oral ergänzt: „Ein Gesamtpaket, wie man es selten sieht. Aber eben auch ein Künstler – und solche Spieler brauchen eine besondere Behandlung.“

Beide berichten auch von abendlichen Gesprächen im Hotelzimmer und individueller Betreuung. „Wir haben uns intensiv um ihn bemüht“, so Henke. Genau diese Nähe wäre in München jedoch nicht möglich gewesen. „Dort hat man wohl irgendwann entschieden, dass Irankunda aktuell nicht weiterkommt – weil diese intensive Betreuung nicht leistbar ist.“

Eine Ansicht, die auch Oral teilt: „Bei solchen Spielern muss man sich im Vorfeld überlegen, wie man mit ihnen umgeht – vor allem, wenn sie aus einem fremden Land kommen. Die Bayern haben hervorragend ausgebildete Leute – die müssten das eigentlich wissen.“

Irankundas Grashoppers-Leistungen reichen nicht für Bayern

Die Formulierungen können nur so gedeutet werden, dass sich die beiden Grashoppers-Trainer auf Irankundas Münchner Zeit im Herbst 2024 beziehen. Sollte es da tatsächlich Versäumnisse am Campus gegeben haben, muss man das dort natürlich klären.

Andrerseits erklärt das aber keineswegs, warum der 5-fache australische A-Nationalspieler bei dieser liebevollen Sonderbehandlung in der Schweiz und all seinem riesigen Talent die Swiss Super League, die ein bis zwei Klassen unter der Bundesliga einzuordnen ist, nicht kurz und klein geschossen hat. Hätte er es getan, wäre sein Trainingsstart in gut einer Woche an der Säbener Straße.

Harmloses Irankunda-Interview als Kritik interpretiert

Auch wird nun ein kurzes Irankunda-Interview mit Sky am Flughafen London-Heathrow als Zeichen seiner Kritik am FC Bayern gewertet. Dort hatte der Australier zu Protokoll gegeben, dass es nach seinem Leihende in Zürich kaum Gespräche mit dem FC Bayern gegeben hätte und er „das Erstliga-Team nicht wirklich gesehen“ habe. Außerdem: „Ich wollte immer schon in England spielen.“

All das erscheint bei seinem Status als Spieler der FCB Amateure ganz normal. Zudem kam er wohl erst von Zürich nach München zurück, als die Profis im Urlaub oder bei Länderspielen weilten, kurz darauf ging es zur Klub-WM in die USA.

Offizieller FCB-Abschied mit Optionen

Stellvertretend für den FC Bayern gibt Jochen Sauer, Direktor Nachwuchsentwicklung und Campus, Irankunda folgendes mit auf die Insel: „Nestory hat bei unseren Amateuren und dann in Zürich bei GC immer wieder sein großes Potenzial gezeigt. Mit seiner Athletik und seiner Schnelligkeit ist er wie gemacht für den Fußball auf der Insel. Wir hatten sehr gute und vertrauensvolle Gespräche mit Watford und sind überzeugt, dass er dort beste Voraussetzungen vorfindet, sich nachhaltig im europäischen Clubfußball zu etablieren. Wir werden ihn dort weiter ganz genau im Blick haben.“

„Etabliert“ sich Nestory Irankunda tatsächlich in Watford, dürfte er – bei den vorhandenen Klauseln – automatisch wieder in den Fokus des FC Bayern rücken. Nun ist aber erst einmal englischer Zweitliga-Fußball (nicht Premier League!) angesagt, wofür man ihm nur sehr viel Glück wünschen kann.

Hat sich der FC Bayern in der „Causa Irankunda“ irgendetwas zu Schulde kommen lassen, verdient er die Kritik der Experten? Keineswegs. Diese könnten aber endlich anfangen, ihre Hausgaben richtig zu machen und Recherche zu betreiben, bevor sie – populistisch – losledern.

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