Hexenkessel FC Bayern – aber das größte Problem ist nicht Uli Hoeneß

Kommentar Petersgradmesser

Der Titel bei der Klub-WM hätte möglicherweise das derzeit extrem unruhige Umfeld des FC Bayern etwas befrieden können. Nach dem Viertelfinal-Aus wird die Lawine aber erst so richtig losgetreten.

FCB-Coach Vincent Kompany hat den Bayernspielern nach dem 0:2 gegen Paris Saint-Germain im Viertelfinale der Klub-Weltmeisterschaft für drei Wochen frei gegeben. Kein Trainings- und Spielbetrieb bedeutet auch keine Pressekonferenzen und Interviews mit Sportvorstand Max Eberl, Sportdirektor Christoph Freund und Kompany. Der Vorstandsvorsitzende Jan-Christian Dreesen und Vereinspräsident Herbert Hainer tragen traditionell sowieso sehr wenig zur Aufklärung in schwierigen FCB-Zeiten bei.

„Das größte Problem des FC Bayern“

Da kommt den Medien jeder Halbsatz vom Ehrenpräsidenten Uli Hoeneß nur recht, alternativ liefert auch Ex-CEO Karl-Heinz Rummenigge Schlagzeilen. Vor allem aber der 73-jährige Hoeneß. Ex-Bayern-Spieler Markus Babbel hat den Vereinspatron deswegen als „größtes Problem des FC Bayern“ identifiziert und legt nun in seiner Kritik am Weltmeister von 1974 täglich nach. Sportboss Eberl bezeichnet er in diesem Zusammenhang als die „ärmste Sau“.

Grundsätzlich hat der 52-Jährige damit sicherlich recht, aber er beschränkt sich bei seiner kritischen Analyse nur auf die Symptome und begibt sich nicht auf die Ursachenforschung des „größten FCB-Problems“. Warum kann Hoeneß den Verein in gewisser Weise immer noch vom Tegernsee aus dirigieren, warum erreicht jede kleine Aussage von ihm die Lautstärke eines Donnerhalls? Kurz und simpel beantwortet: Es ist das in den letzten Jahren entstandene Machtvakuum an der Säbener Straße.

Die Entwicklung des Machtvakuums beim FC Bayern

Nach langfristiger Planung und Ankündigung haben Hoeneß und Rummenigge, die den FC Bayern jahrzehntelang als Funktionäre geprägt hatten, vor einigen Jahren ihre Ämter abgegeben und planten, sich zur Ruhe setzen: Hoeneß auf der Jahreshauptversammlung des Vereins im November 2019 an den noch amtierenden FCB-Präsidenten Herbert Hainer, Rummenigge im Juni 2021 an den neuen FCB-Vorstandsvorsitzenden Oliver Kahn.

Während der frühere Adidas-Vorstandsvorsitzende Hainer eher zurückhaltend agierte, ganz anders als seine Vorgänger Hoeneß und Franz Beckenbauer, entwickelte sich Kahn zusammen mit seinem früheren Teamkollegen Hasan Salihamidžić in gewisser Weise zum „Duo Infernale“.

Die Entlassungen von Kahn und Salihamidžić

„Brazzo“ stellte noch als Sportdirektor mit einigen geschickten Deals den Kader für das Triple 2020 zusammen. Dass er offensichtlich insgesamt viel zu viel Geld ausgab, muss nun sein Nachfolger Eberl ausbaden. Als Belohnung für sein erfolgreiches Handeln wurde der Bosnier im Juli 2020 zum Sportvorstand befördert. Der Startschuss zu seinem Niedergang, denn die Beförderung hatte bei ihm zur Folge, dass er etwas zu viel an Höhenluft schnupperte. Die bitterste Konsequenz: Erfolgstrainer Hansi Flick verließ den FCB im Sommer 2021, entnervt, weil ihm vom Sportboss kein Spielerwunsch erfüllt wurde.

Als sein Nachfolger wurde Julian Nagelsmann von RB Leipzig für die Rekordablöse von 20 Millionen Euro verpflichtet – und in einer „Nacht- und Nebelaktion“ im März 2023 von Kahn und Salihamidžić entlassen. Der Rekordmeister gab damals durch ein 1:2 in Leverkusen die Tabellenführung ab, stand aber in DFB-Pokal und Champions League im Viertelfinale. Der Alleingang der beiden Vorstände kostete ihnen zum Saisonfinale 2022/23 selbst den Job. Kahns Führungsstil war schon lange vorher in der Kritik gestanden. Das große Comeback des Uli Hoeneß.

FCB-Boss Hoeneß & „Marionetten“

Nach seinem Rückzug als FCB-Präsident 2019 war der FCB-Patron dem Verein noch als Aufsichtsratsmitglied erhalten geblieben, sein Einfluss stets groß. Bei und nach den Entlassungen von Kahn und Salihamidžić zeigte sich, dass er nach wie vor der wahre Chef des Rekordmeisters war. Er holte seinen alten Weggefährten Rummenigge in den Aufsichtsrat und machte Dreesen zum Nachfolger von Kahn. Wie auch bei Hainer hat man beim ehemaligen Banker und FCB-Finanzvorstand das Gefühl, dass er eher als Marionette als als wirklicher „Bayernboss“ handelt.

Elefantenrunde, Transferdesaster, Trainerentlassung

Hoeneß sah im Sommer 2023 seinen FC Bayern zwar wieder „total befriedet“, aber die Elefantenrunde Hoeneß – Rummenigge – Dreesen – Hainer – Thomas Tuchel bescherte dem Verein trotz der Verpflichtung von Harry Kane den wahrscheinlich katastrophalsten Transfersommer der Vereinsgeschichte. Der traurige Höhepunkt war die gescheiterte Verpflichtung von João Palhinha am Deadline Day.

Tuchel war ob der völlig misslungenen Transferperiode ziemlich verstimmt: Abgänge von wichtigen Spielern wurden nicht kompensiert, die Innenverteidigung auf fatale Weise ausgedünnt. Neu-CEO Dreesen hat die Problematik mit flapsigen Sprüchen wegmoderiert.

Dass der Ex-FCB-Trainer recht hatte und nicht der Noch-CEO zeigte die Saison 2023/24 überdeutlich. Eine bittere Spielzeit für Tuchel: Nachdem ihm Dreesen kurz vorher noch eine Jobgarantie gegeben hatte, kommunizierte der Verein im Februar 2024 nach drei aufeinander folgenden Niederlagen in Leverkusen, Rom und Bochum die Trennung vom Coach zum Saisonende.

Sportvorstand Eberl startet mit der undankbarsten aller Aufgaben

Am 1. März 2024 begann Max Eberl – nach vielen Jahren des Wartens – endlich sein Engagement beim FC Bayern. Mit der bitteren Aufgabe einer Trainersuche mitten in der Saison. Schadenfroh und höhnisch von der deutschen Fußball-Öffentlichkeit begleitet. Einige Wunschtrainer wollten ihre aktuellen Jobs nicht aufgeben: Xabi Alonso (Leverkusen) gab dem FCB und auch Real Madrid eine Absage bzw. verlängerte bei Bayer. Nagelsmann (DFB) und Ralf Rangnick (ÖFB) blieben bei ihren Nationalmannschaften. Auf Flick und Tuchel (Rücknahme der Entlassung) konnte man sich vereinsintern nicht einigen.

Die Bedingungen bei der Trainersuche, die naheliegenden Vermutungen, dass viele Kandidaten ohne wirkliches FCB-Interesse gehandelt wurden und letztendlich auch die Tatsache, dass sie mit dem „Volltreffer“ Vincent Kompany geendet ist, spielt bei vielen in der Nachbetrachtung keine Rolle: Sie ist der erste große schwarze Fleck auf der FCB-Weste von Max Eberl. Ein lediglich scheinbarer, den er aber bei vielen nicht mehr los wird.

Guter Job – trotzdem Dauerkritik an Eberl

Denn obwohl Eberl – zusammen mit dem am 1. September 2023 verpflichteten Sportdirektor Christoph Freund – einen guten Job macht, einen sehr wettbewerbsfähigen Kader zusammengestellt hat, der trotz gravierender Verletzungssorgen souverän die deutsche Meisterschaftsschale zurück nach München gebracht hat, wurde er in der Öffentlichkeit teilweise massiv kritisiert.

Nachdem auch die FCB-Kaderzusammenstellung für die kommende Saison eine mehr als anspruchsvolle Aufgabe ist, verstärkt sich die Kritik an Eberl nun sogar. Er muss sich dabei unter anderem anhören, dass ein Mario Basler – ohne direkten Draht zur Säbener Straße – behauptet, dass er mittelfristig von Eintracht-Sportboss Markus Krösche ersetzt wird. Lothar Matthäus moniert Eberls Kommunikationsstil als zu „süffisant“ (Mir persönlich gefällt der Max übrigens gerade dabei).

Der FC Bayern braucht bei seinen Bossen wieder einen Uli Hoeneß

Wo ist die Unterstützung für Max Eberl? Hainer und Dreesen auf Tauchstation. Braucht es tatsächlich wieder ein Interview von Uli Hoeneß?

Auch Meistertrainer Vincent Kompany wird in der Öffentlichkeit regelmäßig verunglimpft. Es ist bekannt, dass alle im Verein von seiner Arbeit sehr angetan bis begeistert sind. Wer aber schreitet ein, wenn der Chefcoach – teilweise sinngemäß, teilweise sogar wortwörtlich – als „Lehrling“ und „Praktikant“ beleidigt wird? Das hat in früheren Jahren tatsächlich Uli Hoeneß, zuerst als Manager, dann als Präsident getan. Legendär, wie er Jupp Heynckes 1989 gegen die Beleidigungen von Christoph Daum verteidigt hat.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Hoeneß den Bezug zur (Fußball-)Gegenwart in vielerlei Hinsicht verloren hat, dennoch benötigt der FC Bayern bei seinen Bossen wieder Persönlichkeiten, die diese Rolle auf moderne Weise ausfüllen. Hainer und Dreesen sind dies aus vielen Gründen nicht.

Lahm und Müller für Dreesen und Hainer

Der FC Bayern braucht in seiner Vereinsführung wieder ehemalige Spieler wie Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge. Mit Oliver Kahn und Hasan Salihamidžić ist man zwar gescheitert, aber ein Philipp Lahm und speziell Thomas Müller könnten solche Rollen sehr schnell einnehmen.

Lahm und Müller für Dreesen und Hainer. Dann würden auch der Uli und der Kalle ruhig(er) sein (müssen). Eberl, Freund und Kompany könnten sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Ein simples Erfolgskonzept.

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