Wirtz-Absage an FC Bayern wird zu einem Drama aufgebauscht

Die Transfer-Saga um Florian Wirtz neigt sich dem Ende zu. Der Nationalspieler bevorzugt den FC Liverpool, während der FC Bayern leer ausgeht. Die daraus gezogenen Schlüsse driften häufig ins Abenteuerliche ab.

In den öffentlichen Diskussionen in Fußball-Deutschland wird nach der Entscheidung von Florian Wirtz, zum englischen Meister nach Liverpool zu wechseln, der FC Bayern als der große Verlierer dargestellt. Der Rekordmeister habe sich in seinem Werben „auf arrogante Weise“ zu sicher gefühlt, den 22-Jährigen an die Säbener Straße locken zu können. Dabei wähnte man die ursprünglichen Hauptkonkurrenten Manchester City und Real Madrid als „ausgestochen“.

Bayern, aber auch Real Madrid und ManCity: Die angeblich verlorene „Strahlkraft“

Schon hier beginnt der Fehler im Denkansatz: Von Bayern-Seite wurde nie über jedwede Mitwettbewerber gesprochen. Es waren die Medien, die City und Madrid ins Gespräch gebracht haben. Nun aber wird vor allem die diskrete Art der Liverpooler Bewerbung gelobt und bewundert, denn der neue Englische Meister tauchte in der „Causa Wirtz“ erst durch den Familienbesuch vor ungefähr zwei Wochen auf. Interessanterweise wird jetzt davon berichtet, dass Liverpool sich bereits seit Februar intensiv um den Hochtalentierten bemüht. Da wurde wohl jemand an der Nase herumgeführt – und es war nicht der FC Bayern.

Häufig wird nun in diesem Kontext behauptet, dass die Wirtz-Zusage für den englischen Rekordmeister eindeutig zeigen würde, dass die Strahlkraft des FC Bayern nachgelassen hat. Gilt das folglich in selbem Maße für die Königlichen aus Madrid und den gerade abgelösten PL-Dauer-Champion aus Manchester? Gerade die beiden wurden bei Wirtz vermehrt ins Spiel gebracht, weil die abgelaufene Saison weniger erfolgreich lief als die des Deutschen Meisters aus München.

München-Wechsel: Wirtz´ Zweifel

Indirekt wird bei der aktuellen öffentlichen Schelte auch FCB-Chefcoach Vincent Kompany ins Boot genommen. Dessen Präsentation des geplanten Spielkonzepts soll weniger überzeugend gewesen sein als das seines niederländischen Kollegen Arne Slot in Liverpool. Wesentlich wahrscheinlicher ist aber, dass der Belgier dem 29-fachen Nationalspieler ehrlicherweise schlichtweg nicht so viel versprechen konnte wie Slot. In München spielt eben auch noch ein gewisser Jamal Musiala – mit mindestens genauso viel Talent gesegnet wie Wirtz.

Der Noch-Leverkusener steht vielleicht doch nicht so sehr auf „Wusiala“, wie er noch im letzten Jahr im gemeinsamen Interview verlauten ließ, vor allem nicht, wenn ihm sogar die Rolle der zweiten Geige droht. Die der ersten konnte ihm Kompany nicht versprechen. Zu den (Selbst-)Zweifeln, in München ganz groß herauszukommen, könnte beim 22-Jährigen auch noch beigetragen haben, dass er erkennbar bei den FCB-Fans nicht als der neue Messias gegolten hatte. In Liverpool scheint das nun anders zu sein.

Das wären alles nachvollziehbare Gründe für einen jungen Mann, eine wichtige Entscheidung zu treffen. Die Anhänger des Rekordmeisters haben dies in den Social Media erstaunlich sachlich und emotionslos akzeptiert – ohne jegliche Schuldzuweisungen. Eher nach dem Motto: „Gott-sei-Dank, der FCB ist von einer Zentner- besser Millionen-schweren Last befreit.“ Das Gesamtpaket für Wirtz sollte – bei einem ansonsten ausgerufenen Sparkurs – 250 Millionen Euro betragen haben. Nicht nachvollziehbar. Zurück zum wahren „Mia san mia“.

Suche nach den „Schuldigen am Debakel“

Öffentlich werden dagegen die „Schuldigen am Debakel“ durchs Dorf getrieben – angefangen vom Wirtz-Vater Hans-Joachim, den sich einmischenden FCB-Granden Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, natürlich Max Eberl, sogar Kompany. Außerdem werden notwendige Konsequenzen in der zukünftigen Vorgehensweise des scheinbar so schwer beschädigten deutschen Branchenriesen gefordert. So könne der Rekordmeister künftig nicht weitermachen, zumal er doch angeblich an Strahlkraft verloren haben soll, seine internationale, gar auch nationale Position stark gefährdet ist.

Tatsächlich ist es eine nachvollziehbare individuelle Entscheidung eines 22-jährigen Spielers, keineswegs übertragbar auf andere Spitzenspieler. Von diesen spielen zahlreiche beim FC Bayern und es gefällt ihnen dort außergewöhnlich gut. Die Wirtz-Entscheidung ist somit weder ein Debakel noch eine Klatsche für den Rekordmeister, auch keineswegs ein Drama, zu dem es nun gemacht wird. Der FCB wird auch in der nächsten Saison – ohne Wirtz – ein Team haben, das um alle großen Titel mitspielt.

Wünschenswerte Konsequenzen beim Rekordmeister

Eines sollte sich aber beim FC Bayern tatsächlich ändern: Die sportlich Verantwortlichen, Sportvorstand Max Eberl und Sportdirektor Christoph Freund, machen grundsätzlich einen guten Job. So sollten sie endlich ohne permanente Einmischungen (Hoeneß, Rummenigge!) diesen auch ausüben dürfen. Von den beiden – eigentlich Hauptverantwortlichen – kamen übrigens nie die nun so sehr kritisierten „Wasserstandsmeldungen“ in der „Wirtz-Saga“, die dem Verein in der Nachbetrachtung sogar als aggressives Handeln und Arroganz ausgelegt werden.

Aber: Die Öffentlichkeit liebt das Drama beim „FC Hollywood“ – selbst wenn es in der Realität eigentlich gar nicht wirklich existiert. Selbst ein Wechsel bei den FCB-Protagonisten wird daran nichts Entscheidendes ändern.

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