„Bayerndusel“? Nein, schon wieder Champions League Drama!

Permanent hört und liest man im deutschen Fußball vom legendären „Bayerndusel“. Gab es den jemals wirklich oder nicht viel eher andere „Phänomene“ rund um den Rekordmeister?

Der italienische Meister Inter Mailand hat sich – Fußball ist ein Ergebnissport – in nackten Zahlen im CL-Viertelfinale gegen den FC Bayern mit 4:3 (2:1 Hinspiel, 2:2 Rückspiel) durchgesetzt. Die meisten Medien, natürlich vor allem in Italien, sprechen von einem verdienten Weiterkommen. Hätte sich dagegen der deutsche Rekordmeister auf diese Weise qualifiziert, wäre dies sicherlich nicht selten mit dem Attribut „glücklich“ versehen worden. Quasi die Bestätigung des legendären „Bayerndusels“.

Warum gerade der deutsche Rekordmeister (seit 1986) mit diesem unverschämten Glück bei seinen Auftritten auf dem grünen Rasen gar so sehr bevorteilt werden soll, ist seit jeher den meisten Bayernfans ein Rätsel. Angeblich soll dieser ominöse „Bayerndusel“ seinen Beginn in der großen Ära von Franz Beckenbauer, Gerd Müller & Co. gehabt haben. Gewisse „Fußball-Historiker“ meinen sogar einen „Geburtstermin“ zu kennen.

Der „Geburtsfehler“ des „Bayerndusels“

Am 28. Mai 1975 traf der FC Bayern als Titelverteidiger im Europapokalendspiel der Landesmeister im Pariser Prinzenpark auf den englischen Vertreter Leeds United. Der Spielverlauf simpel verkürzt: Leeds lief 70 Minuten ziemlich wild und ungestüm an, ehe die damaligen FCB-Helden Franz Roth und Gerd Müller mit ihren Treffern die Münchner zum 2:0-Sieg schossen. Der englische Meister hätte vorher einen Elfmeter bekommen müssen und es wurde ihm wegen Abseits – nach damaligen Regeln völlig korrekt – ein Tor aberkannt. So die (einseitige) Erinnerung der Historiker.

Es gab in der einseitigen ersten Halbzeit aber auch skandalöse Vorkommnisse, die dabei völlig unterschlagen werden. Mit Uli Hoeneß und Björn Andersson verlor der FC Bayern sehr früh zwei Spieler durch schwere Verletzungen, die durch so bösartige Fouls verursacht wurden, dass sie schon damals und heute erst recht zwingend Platzverweise für die englischen Übeltäter nach sich hätten ziehen müssen. Die kamen jedoch unerklärlicherweise ungeschoren davon. Statt mit zwei Mann mehr auf dem Feld zu stehen, hatte der FCB bereits früh im Spiel sein komplettes Wechselkontingent aufgebraucht. Hoeneß wäre nicht zuletzt mit seiner unglaublichen Schnelligkeit damals für das Konterspiel der Bayern ein Schlüsselspieler gewesen.

Wenn jenes Finale vor einem halben Jahrhundert tatsächlich die Geburtsstunde des „Bayerndusels“ war, dann wurde dieser mit einem erheblichen „Geburtsfehler“ geboren, der sich seitdem permanent bemerkbar macht. Anderes Beispiel gefällig? Die dramatische „Last-Second“-Meisterschaft 2001 in Hamburg, bei der der „4-Minuten-Meister“ Schalke 04 entthront wurde. Wäre eine Viertelstunde vor Spielende nicht fälschlicherweise ein vollkommen korrekter Treffer von Carsten Jancker zu Unrecht aberkannt worden, wäre es überhaupt nicht zu dem Drama gekommen, Bayern hätte nicht das „Last-Minute“-Tor der Hanseaten durch einen noch späteren Treffer kontern müssen.

Zahlreiche Dramen bei Finalniederlagen und vorzeitigem Scheitern

Der FC Bayern ist Deutscher Rekordmeister und Rekordpokalsieger, hat sechsmal die europäische Fußball-Königsklasse gewonnen. Vielen Bayernfans sind aber auch noch die vier (von insgesamt fünf) extrem unglücklichen Finalniederlagen im Landesmeistercup (1982, 1987) und in der CL (1999, 2012) in Erinnerung. Viel mehr Pech kann man bei Niederlagen in wichtigsten Spielen kaum haben.

Auch bei den vorzeitigem CL-Ausscheiden in den letzten Jahren, Jahrzehnten war meist sehr viel Drama, Unglück dabei. Auch aktuell wieder gegen Inter: Wäre Harry Kanes Schuss in der Frühphase des Hinspiels in München – wie gewöhnlich bei ihm – im Tor und nicht am Pfosten gelandet, wären die restlichen 170 Minuten wahrscheinlich ganz anders verlaufen. In San Siro traf er dann äußerst sehenswert, um nur wenig später höchst umstritten vom argentinischen Weltmeister Lautaro Martinez gekontert zu werden. Dieser spielte kurz vor dem erfolgreichen Torschuss Hand, eine Szene, die zuletzt in der Bundesliga in mindestens 90 Prozent der Fälle abgepfiffen worden wäre.

Auch 2025 ein bitteres CL-Ausscheiden

Von den ausgeschiedenen Viertelfinalisten dieser CL-Saison war der FC Bayern der einzige, der seinen Gegner in allen relevanten Fußball-Statistiken – Torschüsse, Schüsse aufs Tor, Ballbesitz, xGoal-Wert – dominierte. Natürlich beinhaltet die Geschichte auch einen „Effizienzfaktor“ und eben die oben genannten Szenen.

Inter hat sich mit acht Siegen und 15:2-Toren in zehn Spielen überragend für die Viertelfinal-Partien gegen den FC Bayern qualifiziert, um dort drei Gegentreffer zu kassieren, es hätten noch viel mehr sein können, nein müssen.

Wie zuletzt regelmäßig waren die zwei mal zwei Gegentore gegen den italienischen Meister aus Münchner Sicht natürlich viel zu viele, wobei gefühlt jeder einzelne Fehler bestraft wurde. Wenn man aber vom mangelhaften Abwehrverhalten spricht, dann ist dies das eigentliche Drama der Mannschaft von Vincent Kompany. Diese hatte sich noch in den beiden Achtelfinal-Partien gegen Bayer Leverkusen (Gesamtscore 5:0) überragend präsentiert, brach dann aber aufgrund von zahlreichen schweren Verletzungen innerhalb weniger Tage auseinander.

Perfekt funktionierende Abwehr zerbricht

Alphonso Davies und Dayot Upamecano erlitten beide Knieverletzungen, beide befanden sich in Weltklasseform. Der einzig adäquate Ersatz auf der Linksverteidigerposition, Hiroki Ito, erst aus langer Verletzungspause zurückgekommen, zog sich zum dritten Mal innerhalb einer Saison einen Mittelfußbruch zu. Dass der fünfmalige Welttorhüter und Mannschaftskapitän Manuel Neuer seit sechs Wochen wegen einer Wadenverletzung pausieren muss, gerät aufgrund der tadellosen Leistungen des erst 21-jährigen Jonas Urbig fast schon in Vergessenheit.

Ein riesiges Drama spielt sich derzeit aber nicht zuletzt um den südkoreanischen Innenverteidiger Minjae Kim ab. Seit Monaten plagt er sich in zahlreichen Spielen mit Achillessehnenbeschwerden herum, weil seine Kollegen in bitterer Regelmäßigkeit langfristig ausfallen. Eigentlich würde er sich für seine Opferbereitschaft einen „Heldenstatus“ verdienen, stattdessen wird er für seine aufgrund der Blessur fast schon zwangsläufigen Fehler permanent heftig kritisiert. Was dabei vergessen wird: Mit einer derartigen Verletzung ist man vor allem beim Springen gehandicapt – fatal schon gegen den BVB, noch mehr bei Pavards 2:1 für Inter.

Andere Spieler müssen flexibel auf andere Positionen als ihre eigentliche Stammposition wechseln (Konrad Laimer, Josip Stanišić), Eric Dier spielt zwar grundsolide, seine Fähigkeiten sind aber leider grundsätzlich nicht für das Kompany-System geeignet.

FC Bayern in Bestbesetzung nur sehr schwer zu bezwingen

Kaum vorzustellen, dass ein FCB in Bestbesetzung – auch Supertechniker Jamal Musiala fehlt wochenlang – am italienischen Meister gescheitert wäre. Stattdessen hätte das Team zu den Topfavoriten des Wettbewerbs gezählt. Trotzdem ist die Kritik derzeit gewaltig, mit dem Abpfiff in San Siro wurden schon wieder die angeblich notwendigen Maßnahmen im Sommer – natürlich zahlreiche Spielerabgänge – aufgezählt.

Man sollte nun abwarten, wie das Meisterschaftsfinale ausgeht. Holt man sich die Schale nach einjähriger Pause aus Leverkusen zurück und spielt man in den USA eine erfolgreiche Klub-WM – außer Davies und Ito sollten die anderen Verletzten wieder zur Verfügung stehen – dann wäre die Saison eine durchaus gute bis ausgezeichnete gewesen, vor allem wenn man die geschilderten – zum Teil dramatischen – Umstände seriös einordnet.

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