Kommentar Petersgradmesser
Eine empörte Fußball-Öffentlichkeit sucht beim FC Bayern „Schuldige“ für die verweigerte Vertragsverlängerung bei Thomas Müller. Hier eine andere Perspektive.
Gleich vorweg: Ich bin selbst riesiger Thomas-Müller-Fan, war bei seinem ersten CL-Tor gegen Sporting Lissabon beim 7:1 im März 2009 in der Arena und dann anschließend extra wegen ihm einige Male im Grünwalder Stadion bei den Bayern Amateuren.
Nie werde ich vergessen, wie er nach seinem vermeintlichen Siegtor zum 1:0 gegen Chelsea beim „Finale dahoam“ wenige Meter von uns entfernt mit weit aufgerissenen Augen und Mund unseren Jubel zur Ekstase werden ließ. Bestens kann ich mich auch noch an sein siegreiches „Schneckenrennen“ gegen Marcel Schmelzer in der Nachspielzeit der Verlängerung im Pokalfinale 2014 erinnern. Nur wenige Minuten zuvor hatte hat er sich direkt vor uns im Berliner Olympiastadion die Wadenkrämpfe herausgedehnt.
Von den FCB-Heimspielen mit ihm seit Sommer 2008 habe ich vielleicht eine Handvoll verpasst. Stories mit und um ihn gab es unendliche, fast ausschließlich positive, wenige negative wie den verschossenen Foul-Elfmeter gegen Atlético Madrid im Halbfinale 2016. Ein Sympathieträger auf und außerhalb des Platzes, geerdet, bodenständig, auch bei Begegnungen bei Trainingseinheiten an der Säbener Straße (Titelbild).
Als ihn 2018 zuerst der FCB-Chefcoach Niko Kovač, dann Bundestrainer Jogi Löw – vorübergehend – aussortiert haben, war ich wütend, empört. Er war mit Ende Zwanzig gerade im allerbesten Fußballeralter. Anderthalb Jahre später beim legendären Bayern-Triple, das noch bis zum Sextupel ausgebaut wurde, demonstrierte er dies auf eindrucksvolle Weise. „Radio Müller“ war überragend und in jener Pandemiezeit ohne Zuschauer bekam man ihn in den leeren Stadien sogar lautstark noch mehr mit. Eine Vereinslegende.
Aber auch Legenden werden einmal müde. Bei manchen ist dies geistiger, mentaler Natur – bei Müller sicherlich nicht. Aber in Zeiten eines immer weiter zunehmenden Hochgeschwindigkeitssports werden solche Defizite mit Mitte Dreißig immer auffälliger, während die Laufbereitschaft der FCB-Ikone immer noch bemerkenswert ist. Spätestens seit Vincent Kompany das Zepter auf dem Trainingsplatz an der Säbener Straße übernommen hat, hat man teilweise das Gefühl, dass der 35-Jährige nicht mehr so ganz zum neuen Bayern-Spielstil passt. Schnelle Passstafetten enden häufig bei ihm bzw. wegen ihm beim Gegner.
Thomas Müller ist ein hochintelligenter Spieler, natürlich nimmt auch er seine eigenen Defizite bei aller Lust, die er noch beim Kicken verspürt, wahr. So war er sich im Januar wohl selbst gar nicht so sicher, wohin seine Fußballreise noch gehen soll, als FCB-Sportvorstand Max Eberl die nun viel zitierten und kritisierten Äußerungen über die Vertragsverlängerung tätigte.
Wäre sich der 35-Jährige zu dem Zeitpunkt ganz sicher gewesen, dass er auch noch in der Saison 2025/26 für seinen Herzensverein auflaufen möchte, wären Eberls öffentliche Aussagen die perfekte Steilvorlage gewesen: Müller hätte noch am selben Tag an dessen Bürotür klopfen und per Handschlag die Verlängerung fixieren können. Tat er nicht.
Das Heft des Handelns haben ihm dann andere aus der Hand genommen: Uli Hoeneß als Vorbote, dem dann die Gedankengänge von Eberl, Sportvorstand Christoph Freund und Kompany folgten. Vielleicht hoffte man dabei intern sogar darauf, dass Müller selbst – angesichts seiner permanent weniger werdenden Einsatzzeiten – zu diesem Schluss kommen würde: Ich höre – rechtzeitig – auf. Interessant übrigens: Anders als beispielsweise bei Leon Goretzka oder Leroy Sané hat man bis zu seiner Erklärung am Wochenende von Müller nie gehört: „Ich möchte unbedingt noch ein Jahr beim FC Bayern spielen.“
Andere, speziell seine Teamkollegen Philipp Lahm und Xabi Alonso 2017, haben ihm das auf bemerkenswerte Weise vorgemacht. Thomas Müller wird definitiv fehlen, er wird aber auch fehlen, wenn er erst 2026, 2027 oder noch später aufhören würde. Mit einem grandiosen Saisonfinale 2025 kann er sich aber nun noch unsterblich machen, diese Möglichkeit würde mit jedem weiteren Jahr als aktiver Spieler erheblich schrumpfen. Toni Kroos ist 2024 bei Real Madrid nach dem gewonnenen CL-Finale zurückgetreten, er ist sogar ein paar Monate jünger als der Thomas…

picturesque! 60 2025 Thomas war sich selbst nicht sicher – die etwas andere Sicht auf den „Müller-Abschied“ beim FC Bayern stylish
Gerne würde ich den Hintergrund zu diesem Kommentar verstehen. Geht wohl um das Titelbild mit Thomas – im Hintergrund Jamal – welches ich selbst an der Säbener Straße geschossen habe. Beide zeigten sich übrigens sehr überrascht, dass ich nur Fotos von ihnen machen wollte und keine Selfies mit mir.