Max Eberl in der „Causa Müller“: Kleinlauter Verlierer oder souverän und ehrlich?

Thomas Müllers aktive Karriere beim FC Bayern endet nach der Klub-WM. Der in diesem Zusammenhang viel kritisierte Sportvorstand Max Eberl stellt sich der Öffentlichkeit.

Vereinsintern wurde die Entscheidung wohl schon länger getroffen, seit Samstagvormittag ist es auch ganz hochoffiziell: Zuerst die FCB-Ikone Thomas Müller selbst über Social Media, dann der Verein auf seiner Homepage verkündeten das Ende der Spielerkarriere des Weltmeisters und zweimaligen CL-Siegers beim Rekordmeister zum Saisonende, genauer gesagt für nach der im Juni / Juli in den USA stattfindenden Klub-WM.

Eberls Aussagen auf Januar-PK in der Kritik

Der anschließende öffentliche Aufschrei, obwohl sich diese Lösung bereits angekündigt hatte, war gewaltig. Im Zentrum der Diskussionen, die sich bei zahlreichen Fans in Wut und scharfer Kritik entlud, stand der Sportvorstand des FCB Bayern Max Eberl. Dieser hatte im Januar auf einer Pressekonferenz vor dem ersten Bundesliga-Spiel des Jahres in Gladbach über Thomas Müller und seinen auslaufenden Vertrag gemeint: „Wenn er sagt, er hat Lust weiterzumachen, dann schauen wir uns tief in die Augen und dann wird es weitergehen“.

Dass der 51-Jährige diese Aussage zu jenem Zeitpunkt absolut ehrlich gemeint hatte, sollte definitiv nicht in Zweifel gezogen werden. Die Öffentlichkeit sieht ihn trotzdem in diesem Zusammenhang kritisch, Teile der Medien gar schon auf der „Abschussliste“ des mächtigen Aufsichtsrats des Vereins, der von Uli Hoeneß und vielleicht in abgeschwächter Form von Karl-Heinz Rummenigge dominiert wird.

Ehrenpräsident kassiert Eberls Aussagen zu Müller ein

Im „Doppelpass“ bei Sport1 hat sich Eberl nun zur gesamten Situation ausführlich geäußert. Dabei wurde er natürlich schnell mit den von Hoeneß getätigten Aussagen Anfang März im Rahmen der Präsentation der Amazon-Dokumentation mit und über Müller konfrontiert: „Ich glaube schon, dass der FC Bayern und Thomas Müller gemeinsam eine Entscheidung treffen müssen, denn wir sind ja nicht auf dem Basar, wo jeder machen kann, was er will. Ein Thomas Müller, der ständig auf der Bank sitzt, das kann auch nicht eine Lösung sein.“

Der FCB-Ehrenpräsident meinte weiter, er würde der Legende raten aufzuhören, sollte sich seine Rolle nicht mehr ändern. Der 73-Jährige wurde für dieses Statement an Müllers „Ehrentag“ zwar kritisiert, dass er damit aber auch die Aussagen seines Sportvorstands in aller Öffentlichkeit einkassiert hatte, wurde zunächst in der Deutlichkeit gar nicht wahrgenommen.

Eberl äußert sich diplomatisch

Eberl präsentierte sich im Doppelpass zu diesem Thema sehr diplomatisch, was von einer Mehrheit der Anhängerschaft des Rekordmeister in den Social Media als souverän, reflektiert, sachlich und ehrlich und damit sehr positiv wahrgenommen wurde. Andere sahen darin aber auch einen sogar „kleinlauten Auftritt“.

Diese Kritik richtete sich vor allem auf Eberls Eingeständnis eines Fehlers, als er im Januar „diese Aussagen getätigt habe, auf die sich das Ganze gerade aufbaut. Da war ich vielleicht nicht so schlau. Dann ist das passiert, was im Sport passiert: Seine Einsätze sind seit Januar rapide runtergegangen.“

Müller-Entscheidung aus rein sportlichen Gründen

Dann widersprach der Sportboss des Rekordmeisters aber der öffentlichen Wahrnehmung, dass die Entscheidung vom Aufsichtsrat bzw. Hoeneß getroffen worden war. Nein, dafür verantwortlich wäre die sportliche Leitung – er selbst, Sportdirektor Christoph Freund und Coach Vincent Kompany – gewesen und das auch nicht aus finanziellen Gründen. Der belgische Trainer wäre in diesem Kontext der Meinung, dass die Einsatzzeiten der FCB-Ikone zukünftig wohl sogar noch zurückgehen würden.

Tatsächlich beschränkten sich die Einsatzminuten Müllers in den elf Rückrundenpartien in der Bundesliga auf 213 von 990 möglichen Spielminuten, in den vier Playoff-Partien der Champions League stand der 35-Jährige gar nur ganze zehn Minuten auf dem Feld. Noch weniger würde dann gegen Null tendieren.

Eberl selbst betonte in diesem Kontext ergänzend, dass er in seiner Rolle nicht immer jeden zufriedenstellen könne. Die teuren Verlängerungen mit Alphonso Davies, Jamal Musiala und Joshua Kimmich wären für den sportlichen Erfolg notwendig gewesen und er könne nicht einfach bestehende Verträge (Goretzka, Gnabry, Coman!) auflösen. Man habe dem Aufsichtsrat einen 18-monatigen Plan präsentiert, wie man gleichzeitig sportlich erfolgreich sein und die Gehaltskosten senken möchte.

Vorwurf an Eberl: Eloquentes „Wogen-Glätten“

Trotz all dieser nachvollziehbaren Erklärungen zweifelten im Nachlauf dennoch einige an den Darstellungen des FCB-Sportvorstands: Es käme die Vermutung auf, dass er bei seinem Auftritt lediglich versucht hat, in der Öffentlichkeit das zu kitten, was noch zu kitten war. Dabei stellte er durchaus souverän sich und seine (vermeintlichen) Entscheidungen in den Mittelpunkt, spielte die Emotionskarte („konnte drei Nächte nicht schlafen, bevor ich dem Thomas die Nachricht überbrachte“) und legte auf eloquente Weise trotzdem alle Argumente auf den Tisch, die rein sachlich gesehen für ein Ende der Spielerkarriere Müllers an der Säbener Straße sprechen.

Sehr sachlich erklärte Eberl sich auch zum Konflikt, den er angeblich mit dem Aufsichtsrat austragen soll. Für ihn normal, dass es durchaus auch mal mit Reibung zur Sache geht. „Natürlich haben all diese Menschen starke Meinungen. Aber wir alle haben ein gemeinsames Interesse: dass Bayern München in den kommenden Jahren erfolgreich ist.“

Keine „Reibungen“ zwischen Sportvorstand und Aufsichtsrat

Dass es in dieser oder in anderen Angelegenheiten persönlich mit Hoeneß oder gar dem ganzen Aufsichtsrat Probleme geben würde, stritt Eberl vehement ab. Er sei „mittendrin“ und könne deshalb sagen, dass dieses Thema „komplett medienbedingt“ sei: „Es gibt Reibungen, wenn wir Dinge diskutieren. Aber es gibt keine Reibungen zwischen mir und Uli Hoeneß oder anderen in diesem Konstrukt.“ Die Diskussionen sollen stets „konstruktiv und normal“ verlaufen.

Diese öffentliche Darstellung zeigt Eberls Professionalität: Er moderiert solch heikle Themen souverän, auf eine eitle Selbstdarstellung verzichtet er dabei vollständig. Das gelingt in solchen Situationen nur wenigen.

Hat Eberl eine „kleine Niederlage“ erlitten?

Dennoch gibt es selbst daran Kritik: Sein Auftritt im DoPa könne auch als „kleine Niederlage“ gesehen werden, weil Eberl „klein beigegeben“ hat. Eine traurige Realität in unserer Zeit: Eigene Fehler einzugestehen (die zu euphorische Situationsbeschreibung im Januar) wird heutzutage nicht selten als Schwäche eingestuft, dabei zeugt so eine Vorgehensweise sogar eher von (Charakter-)Stärke.

Ob ein ehrliches Statement bei einer Momentaufnahme zu einer Situation überhaupt als Fehler eingestuft werden muss, ist zudem fraglich, auch wenn einem dieses später um die Ohren fliegt.

Einschätzung der Vereinsentscheidung gegenüber Müller

Zu den zehn Einsatzminuten Müllers in den vier CL-Playoff-Spielen zählen übrigens auch die nicht einmal 60 Sekunden im Rückspiel gegen Celtic Glasgow. Nach Alphonso Davies´ Ausgleichstreffer in der letzten Minute der Nachspielzeit, der das Weiterkommen ins Achtelfinale bedeutete, wechselte Kompany die FCB-Ikone aus taktischen Gründen ein. Ein nachvollziehbarer Schritt, von Müller selbst akzeptiert. Andere – wie Lothar Matthäus – sahen darin aber eine Demütigung der Legende.

Solche Szenarien hätten bei einer Vertragsverlängerung um ein weiteres Jahr in der nächsten Saison durchaus häufiger passieren können. Wenn dann jedes Mal darüber diskutiert worden wäre, wäre das für Müller gewiss ärgerlich, vielleicht sogar wirklich demütigend geworden.

Grandioser Abgang der FCB-Ikone?

Dennoch wünschen jetzt alle Bayernfans der Klublegende einen grandiosen Abschied – mit möglichst vielen Titeln und auch noch vielen Spielminuten. Denn die Entscheidungen fielen alle vor der schlimmen Muskelverletzung von Jamal Musiala. Als sein Ersatz könnte dem Thomas nun durchaus noch eine unerwartet große Rolle zukommen.

Aber auch wenn er diese – seiner grandiosen Karriere würdig – noch großartig erfüllen wird: Man sollte die Entscheidung über das Ende seiner Münchner Spielerkarriere nun akzeptieren. Sie könnte letztendlich auch eine sehr weise gewesen sein.

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