Wenn man den Spielverlauf der Bundesliga-Partie zwischen dem FC Bayern und dem VfL Bochum betrachtet, war die Rote Karte gegen João Palhinha die spielentscheidende Szene. Handelte der Schiedsrichter korrekt?
Nach der überraschenden 2:3-Heimniederlage des souveränen Tabellenführers gegen den Abstiegskandidaten aus Bochum kamen sofort mehrere Diskussionen auf: Es ging um Sinn und Unsinn der Totaltrotation von FCB-Coach Vincent Kompany vor dem so wichtigen CL-Rückspiel in Leverkusen. Aber auch: Muss nicht selbst eine B-Elf des Rekordmeisters die „Freunde aus dem Ruhrpott“ – klar – besiegen. Dieser Beitrag konzentriert sich aber ausschließlich auf die Bewertung der Spielszene, die den Spielverlauf eindeutig kippen ließ.
Betrachtung der Szene, die zum Platzverweis führte
In der 42. Spielminute beim Spielstand von 2:1 für den FC Bayern – es hätte zwei, drei Tore höher für die Münchner stehen können bzw. müssen – kam es in der Bochumer Hälfte zu einem Zweikampf zwischen der bayerischen „Holding Six“ und Giorgos Masouras. Palhinha war dabei schneller als sein griechischer Gegenspieler, spielte den Ball mit der Innenseite des Fußes, bevor der zu spät kommende Masouras mit seinem eigenen Fuß unter den des Portugiesen kam und die schmerzhafte Erfahrung mit der „offenen Sohle“ des Schussbeins machen musste.
Als Feldschiedsrichter Christian Dingert dafür Foul für den VfL gab, waren in der Arena bereits zahlreiche wütende FCB-Fans mit bestem Blick auf das Geschehen wegen der „Fehlentscheidung“ aufgesprungen. Die Wut über die vermeintliche Fehlentscheidung steigerte sich aber sehr schnell noch gewaltig. Dingert zeigte dem portugiesischen Nationalspieler ganz spontan die Rote Karte. Blankes Entsetzen auf dem Rasen und den Rängen.
VAR-Korrektur blieb aus
Auf den Stadionplätzen neben mir ließen zwei junge Männer, die sich zuvor absolut neutral verhalten hatten, mit einem fassungslosen „Why? Why?!!“ ihrem Unmut freien Lauf. Es waren zwei tschechische Fußballfans, die zum ersten Mal in der Allianz Arena waren. Aber Bayernfans wie tschechische Fans wussten ja: Es gibt im modernen Fußball den VAR. Und der würde das schon noch korrekt regeln. Felix Zwayer meldete sich nicht…
Fußball-Deutschland diskutiert seitdem die Szene, auch im Vergleich mit der Szene, bei der Bremens Mitchell Weiser für sein Einsteigen gegen Florian Wirtz nur die Gelbe Karte gesehen hat. Der frühere FCB-Spieler hatte dabei den Ball kaum getroffen und Wirtz musste den Platz wenige Minuten später verletzt und das Stadion noch vor Spielende auf Krücken Richtung Krankenhaus verlassen.
Experten-Diskussion im DoPa
Die wohl am meisten beachteste Diskussion fand am Sonntag im Doppelpass von Sport1 statt, in welcher alle wirklichen Fußball-Experten – Stefan Effenberg, Clemens Fritz und Reporter-Legende Uli Köhler – den Platzverweis als „abenteuerlich“ betrachteten.
Die Szene wurde einheitlich – wie oben beschrieben – gesehen. Im Kontext erstaunlich, dass dann dennoch „im Expertenkreis“ ziemlich einheitlich für „eine Gelbe Karte wäre ausreichend bzw. korrekt“ gewesen, plädiert wurde. Eine große Rolle spielte dabei das sog. „Trefferbild“ beim Kontakt von Palhinhas Fußsohle mit dem Bein von Masouras: Knapp oberhalb des Knöchels. Diesen Begriff gab es im Volkssport Fußball weit über hundert Jahre nicht. Zurecht. Denn speziell im Kontext des angeblichen Fouls von Palhinha ist er schlichtweg absurd.
Pässe mit der Fußinnenseite, „Trefferbild“
Palhinha spielte den Ball – für alle unbestritten – mit der Innenseite seines Fußes. Pässe mit der Innenseite sind in der ganzen Fußballhistorie Standard. Früher wohl noch mehr als im heutigen „Trefferbild-Fußball“ (der Ausdruck gefällt mir für Biathlon wesentlich besser) wurden insgesamt sicherlich 90 Prozent der Pässe mit der Innenseite des Fußes gespielt. Tut der Kicker das, ist die Sohle übrigens zwangsläufig offen. In der Szene, die zum Platzverweis führte, konnte Palhinha übrigens den Ball – auch anatomisch bedingt – nur mit der Innenseite spielen.
Noch einmal: Alle (auch diejenigen, die trotzdem auf Rot wegen des „Trefferbildes“ plädieren) sind sich einig, dass der Portugiese schneller als der Grieche war, dann den Ball mit einer „fußballerischen Standardeinlage“ technisch korrekt getroffen hat, bevor es zum Clash kam. Der Bochumer Spieler war dagegen zu spät dran und wollte den Ball auch gar nicht aktiv spielen, sondern lediglich blocken. Dass er dann oberhalb des Knöchels getroffen wurde, lag übrigens auch daran, dass er selbst nicht stand, sondern in den Ball rutschte. Es sollte so langsam klingeln…
Hätte Masouras die Geschwindigkeit von Palhinha gehabt, hätte es womöglich einen sog. „Pressschlag“ gegeben. Der kann auch ziemlich weh tun – und zwar beiden, was aber beim Kontaktsport Fußball dazu gehört. Diese Pressschläge gab es übrigens früher wesentlich häufiger als im heutigen Fußball. Vieles hat sich im „Trefferbild-Fußball“ auch in der Zweikampfführung verändert. Dass Stürmer, um einen Elfmeter zu schinden, im gegnerischen Strafraum – trotz aller zu erwartenden Schmerzen – das Bein zwischen den Ball spielenden Abwehrspieler und das Spielgerät stellen, gab es früher eher überhaupt nicht.
Abschließendes Fazit
In der früheren Fußballlogik wäre Palhinhas Aktion wohl nicht einmal mit einem Foul geahndet worden. Gerade viele ältere ehemalige Kicker sahen in der Szene eher einen unglücklichen Zusammenprall. Wenn in einer Ballsportart, in der eine der Hauptübungen die Kunst ist, den Ball mit dem Fuß vor dem Gegenspieler zu spielen, gerne auch zu treffen, genau dieses Gelingen mit der größten aller Strafen sanktioniert wird, ist das schlichtweg absurd. Dass darüber – in Folge von dann wohl absurd-falschen Regeln – überhaupt diskutiert werden muss, ebenfalls.
Aber selbst bei den bestehenden Regeln erscheint Dingerts Auslegung – absurd – falsch. Aus Bayernfan-Perspektive, aber auch aus Sicht eines neutralen Fußballfans.

Das sehe ich zu 100% genauso.
Absolut. Auch von mir 100% Zustimmung.
Perfekt beschrieben in allen Details.