Entwicklungshilfe, Legende, Spielerrevolte: Der FC Bayern und seine Ungarn

Die deutsche Nationalmannschaft schließt die Nations League Gruppenphase in Budapest ab. Während sich Nagelsmanns Team bereits als souveräner Gruppensieger für das Viertelfinale qualifiziert hat, gehören die besten Fußballzeiten der Ungarn längst der Vergangenheit an. Wenige von ihnen haben die Vereinshistorie des FC Bayern mitgeprägt.

Das WM-Finale 1954 zwischen Deutschland und Ungarn, das sogenannte Wunder von Bern, zählt sicherlich zu den bewegendsten Ereignissen nicht nur der Fußball-, sondern sogar der Sportgeschichte. Selbst Nicht-Fußballfans in beiden Ländern können diesen 4. Juli 1954 nach 70 Jahren noch einordnen. Die Fußballanhänger der Magyaren haben die Schmach der 2:3-Pleite ihrer als unbesiegbar geltenden „Wundermannschaft“ bis heute kaum verkraftet, die Deutschen konnten dagegen noch drei weitere WM-Titel feiern.

Im Team von Sepp Herberger fehlte im Endspiel mit Hans Bauer der einzige Bayernspieler im deutschen WM-Aufgebot von 1954, bei Ungarn spielte Gyula Lóránt, der von Dezember 1977 bis Februar 1979 als Bayerntrainer völlig floppte.

Welche Ungarn – Spieler und Trainer – haben aber tatsächlich eine Rolle in der Geschichte des heutigen deutschen Rekordmeisters gespielt? Man kann hier wohl drei ganz unterschiedliche Phasen nennen.

Ungarische „Entwicklungshilfe“ bis 1930

Der ungarische Fußball galt in den ersten drei Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts als der dominierende in Kontinentaleuropa, nur die Ungarn konnten mit den Briten in jener Zeit mithalten. MTK Budapest zählte zu den weltbesten Teams. Seine Mannschaft tingelte als große Attraktion durch Europa und sorgte für ausverkaufte Stadien. So zum Beispiel 1919 auch in München, als MTK den FC Bayern im überfüllten Stadion des MTV 79 München an der Marbachstraße mit 7:1 besiegte. Die 12000 Zuschauer waren damals absoluter Rekordbesuch in der bayerischen Landeshauptstadt.

Ungarische Spieler trugen in jener Zeit zwar nicht das Trikot des FC Bayern, aber eine Reihe an ungarischen Trainern versuchte damals den aufstrebenden süddeutschen Verein in das Geheimnis des so erfolgreichen Donau-Fußballs einzuweihen: Izidor Kürschner (1921 bis 1922), Leo Weisz (1926 bis 1928), Kálmán Konrád (1928 bis 1930). Vollendet wurde diese Mission dann jedoch von einem Österreicher: Richard Dombi (1930 bis 1933), geborener Richard Kohn. Der Trainer der ersten FCB-Meistermannschaft 1932 unter der Präsidentschaft des legendären Kurt Landauer wurde ebenfalls vom ungarischen Fußball beeinflusst und der ehemalige Spieler des MTK Budapest nahm den Namen „Dombi„, was auf ungarisch „Eminenz“ bedeutet, an.

Nach dem ungarischen Volksaufstand 1956 fliehen sehr viele Fußballspieler aus dem Land

Während der ungarische Fußball-Major Ferenc Puskás bei Real Madrid landete, Sándor Kocsis beim FC Barcelona, hatte die Handvoll an ungarischen Spielern, die Ende der 1950er Jahre zum FC Bayern kamen, nicht diesen Bekanntheitsgrad.

Dazu zählte Jozsef Zsamboki, der von 1958 bis 1960 in der Oberliga Süd für den FCB auflief und dabei in 43 Spielen beachtliche 24 Tore erzielte. Seine Verbundenheit mit der Stadt blieb, 2011 ist er in München knapp 78-jährig verstorben.

Zu erwähnen ist auch István Sipos, der in der Saison 1958/59 in 14 Oberligaspielen zwei Tore für den FC Bayern schoss.

Vereinslegende Árpád Fazekas

Als FCB-Vereinslegende kann man durchaus Árpád Fazekas bezeichnen. Er kam im November 1957 zum FC Bayern und stand bis 1961 in 100 Ligaspielen im Tor der Münchner. Knapp zwei Monate nach seinem Einstand gewann er am 29. Dezember 1957 mit dem FC Bayern den ersten DFB-Pokal der Vereinsgeschichte. Auf Schneeboden wurde im Augsburger Rosenaustadion Fortuna Düsseldorf mit 1:0 besiegt. Fazekas war in jener Zeit Teamkollege des Anfangs erwähnten 1954er Weltmeisters Hans Bauer, der die Bayern als Kapitän zum Pokaltriumph führte (Titelbild).

Auf Schneeboden: der legendäre erste Pokalsieg des FC Bayern – FC Bayern Total

Der 1930 geborene Fazekas verpasste die Goldene Elf der Ungarn nur knapp, im Jahr 1955 stand er fünf Mal im Tor der Nationalmannschaft. Bei der vereinsinternen Wahl der „Jahrhundertelf“ des FC Bayern im Jahr 2005 belegte er bei den Torhütern Platz fünf hinter Sepp Maier, Oliver Kahn, Raimond Aumann und Jean-Marie Pfaff. Er starb am 10. August 2018 in Budapest. Noch im Jahr zuvor war er in München bei einer Zusammenkunft der Pokalsieger von 1957.

1977 bis 1983 Gyula Lóránt und Pál Csernai

Der Vizeweltmeister von 1954, Gyula Lóránt, war später der erste Trainer, der in Deutschland die Raumdeckung einführte.

Anfang Dezember 1977 kam Lóránt per Trainertausch an die Säbener Straße: Er wechselte nach dem 16. Bundesligaspieltag für Dettmar Cramer, der gerade fünf Niederlagen am Stück eingefahren hatte, von Frankfurt zum FC Bayern, der zweimalige Europapokalsieger Cramer wechselte seinerseits zur Eintracht. Lóránt übernahm die Mannschaft auf Platz 12 und beendete die Saison auf demselben Rang. Das ist bis heute die schlechteste Endplatzierung der Bayern in ihrer Bundesligageschichte. In der darauffolgenden Spielzeit wurde er schließlich beurlaubt und durch seinen Assistenten und Landsmann Pál Csernai ersetzt.

Spielerrevolte“ pro Csernai

Der zweifache ungarische Nationalspieler Csernai (wie Fazekas im Jahr 1955) übernahm zunächst interimsmäßig den Cheftrainerposten. Die Präsidentenlegende Wilhelm Neudecker – ein Freund von „Zucht und Ordnung“ – wollte eigentlich als neuen Chefcoach Max Merkel verpflichten. Diesen lehnte jedoch die Mannschaft, angeführt von Sepp Maier und Paul Breitner, wegen seines Images als selbstherrlicher Schleifer ab. Die Situation eskalierte, als sich die Spieler auf dem Rückflug von einem Auswärtsspiel in Braunschweig klar für Csernai aussprachen. Die ganze Affäre spielte sich in aller Öffentlichkeit ab und war sogar die Topnachricht der Tagesschau.

Nach dieser „Spielerrevolte“ trat Neudecker nach 17 Jahren als Präsident des FC Bayern zurück, nachdem er quasi als letzte Amtshandlung noch den Vertrag mit Csernai ausgefertigt hatte. Die Bayern schlossen die Saison als Viertplatzierter ab. Noch während der Saison verließ Gerd Müller den FCB Richtung Florida, nachdem Csernai ihn am 3. Februar 1979 bei der 1:2-Niederlage in Frankfurt in der 82. Minute ausgewechselt hatte, für den zu dem Zeitpunkt 33-jährigen Bomber eine Majestätsbeleidigung.

Nach den Anfangserfolgen kostet Imageproblem Csernai den Job

Am Ende seiner ersten kompletten Saison als Cheftrainer 1979/80 waren die Bayern unter Csernai zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder Deutscher Meister und wiederholten dieses Kunststück in der darauffolgenden Spielzeit. 1981/82 gewann der ungarische Trainer mit dem FCB den Pokal, verlor aber das Endspiel im Europapokal der Landesmeister auf bittere Weise mit 0:1 gegen Aston Villa. Die erste Niederlage im 13. großen Finale der Vereinsgeschichte.

Das war der Anfang von Csernais Ende in München, zumal er auch ein erhebliches Imageproblem hatte: Man hielt ihn allgemein für arrogant. Noch vor dem Ende der Saison 1982/83 trennte sich der FC Bayern von ihm, sein Assistent Reinhard Saftig übernahm für die restlichen Spiele.

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

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