Am 23. Oktober 1974, heute vor einem halben Jahrhundert, fand im Münchner Olympiastadion ein außergewöhnliches Europapokalspiel mit vielen ganz speziellen Vorzeichen statt. Auf dem Weg zur Titelverteidigung traf der FC Bayern im deutschen Bruderduell in der 2. Runde des Landesmeistercups auf den 1. FC Magdeburg, den amtierenden Europapokalsieger der Pokalsieger.
Die Begegnungen zwischen den beiden Mannschaften hätten damals eigentlich schon einen Monat früher im Rahmen des noch jungen europäischen Supercups, der seit 1972 ausgetragen worden war, ab 1973 offiziell unter dem Dach der UEFA, stattfinden sollen. Dafür gab der europäische Kontinentalverband beiden Vereinen extra ein Freilos für die erste Runde des Europapokals der Landesmeister, was bei 31 teilnehmenden Klubs gut organisierbar war.
Doch der DFV, der Fußballverband der DDR, gestattete damals seinem amtierenden Meister die Teilnahme an diesem prestigeträchtigen Wettbewerb nicht. Die Ausrede der DDR-Fußballfunktionäre war geradezu absurd: Terminschwierigkeiten – obwohl Magdeburg an jenen beiden Terminen eigentlich die erste Landesmeistercup-Runde hätte spielen müssen.
Was verbohrte Sportfunktionäre verhindern wollten, brachte jedoch dann der Zufall der Auslosung für das Europapokal-Achtelfinale zustande. FCB-Geschäftsführer Walter Fembeck und der Magdeburg-Vertreter Herbert Kaden sahen sich dabei zunächst einmal sprachlos an. Dazu Fembeck: „Wir saßen nebeneinander und fielen fast vom Stuhl.„
Das Kuriose an der sportlichen Situation: Hatten sich die Bayern im Mai 1974 unmittelbar nach dem Endspiel-Triumph gegen Atlético Madrid riesig auf die Supercup-Spiele gegen den ostdeutschen Meister gefreut – „Und jetzt gegen Magdeburg!“ – steckten sie zum Zeitpunkt der Duelle im Herbst desselben Jahres tief in der sportlichen Krise, während Magdeburg die DDR-Oberliga dominierte. Die Favoritenrolle wechselte von West nach Ost.
Der Star des 1. FC Magdeburg war Jürgen Sparwasser, der bei der WM 1974 der DDR den Sieg im einzigen Aufeinandertreffen der beiden deutschen Nationalteams in der Fußballgeschichte beschert hatte. Er war der Siegtorschütze beim 1:0 in Hamburg im letzten WM-Gruppenspiel gewesen. Allerdings war dieses traumatische Ereignis für Beckenbauer & Co auch der Auslöser, sich beim Heim-Turnier endlich entsprechend am Riemen zu reißen. Dies gelang im restlichen Turnierverlauf eindrucksvoll und endete mit dem zweiten deutschen WM-Titel der Geschichte, während die DDR in der Zwischenrunde an den Niederlanden und Brasilien scheiterte.
Sparwasser war entsprechend optimistisch vor den Duellen mit den kriselnden Bayern: „Unsere Mannschaft ist stärker als beim 2:0-Europapokalsieg in der vorigen Saison gegen den AC Mailand. Darum haben wir auch Bayern München nicht zu fürchten. Diese Hürde wird übersprungen.“
Skurril ein Statement des Magdeburg-Trainers Heinz Krügel, nachdem er die Bayern bei zwei 2:1-Siegen in Gladbach und gegen Frankfurt beobachtet hatte: „Zuschnitt, Linie und Form des Münchner Spiels sind von großen Spielerpersönlichkeiten bestimmt. Die Nummer 5 war hochklassig und weltmeisterlich.„
Diese Nummer trug natürlich Kaiser Franz Beckenbauer, die Bundesrepublik Deutschland ein Vierteljahr zuvor als Kapitän zur Weltmeisterschaft geführt hatte. Die Nichterwähnung seines Namens war damals wahrscheinlich Ausdruck der politischen Ausrichtung des sozialistischen Bruderstaates. Individuen und Persönlichkeiten im Schatten des Team(erfolg)s.
Das Spiel am 23. Oktober 1974 war dann mit 70.000 Zuschauern sehr gut besucht, aber nicht ganz ausverkauft – und es begann mit einem großen Schock für die Titelverteidiger aus München: Bereits nach 45 Sekunden ging Magdeburg durch ein Eigentor des dänischen FCB-Rechtsverteidigers Johnny Hansen in Führung. Eine Flanke prallte von seinem Rücken unhaltbar für den regungs- und fassungslosen Sepp Maier ins kurze Eck.
Die Bayern daraufhin geschockt, erst nach zehn Minuten gelang es ihnen, die Initiative zu ergreifen. Sie belagerten den Gästestrafraum, allerdings ziemlich plan- und ideenlos, die Magdeburger in der Defensive dagegen kompromisslos und kurz vor der Halbzeit war es dann tatsächlich Sparwasser, der den zwischenzeitlich völlig beschäftigungslosen Maier zum zweiten Mal bezwang.
FCB-Trainer Udo Lattek nach dem Spiel zur ersten Halbzeit seiner Mannschaft: „Nach dem 0:1, einem Tor, das so unglücklich nur alle paar Jahre fällt, hat meine Mannschaft völlig das Konzept verloren.“ Aber beim Pausentee muss er wohl die richtigen Worte gefunden haben, denn seine Truppe kam wie umgewandelt aus der Kabine. Und das zuvor träge und pfeifende Münchner Publikum ließ sich sofort von dem frischen Elan anstecken und peitschte die eigene Mannschaft nach vorne.
Zunächst verweigerte der italienische Schiedsrichter Michelotti den Bayern noch den Anschlusstreffer zum 1:2. Die FCB-Spieler sahen den Ball nach einem Gewaltschuss von Uli Hoeneß bereits hinter der Linie. Kurz darauf beschwerten sich die Ostdeutschen, als Gerd Müller einen aus ihrer Sicht „höchst ungerechten“ Foulelfmeter verwandelte (51.).
Zwölf Minuten später wurde der grandiose Sturmlauf der Bayern mit dem 2:2-Ausgleich belohnt: Es war ein für viele Jahre typisches FCB-Tor, ein herrlicher Doppelpass zwischen Beckenbauer und Müller, der Gerd drehte sich blitzschnell und jagte einen halbhohen Schuss unhaltbar in das bis dahin von Schulze glänzend gehütete Tor von Magdeburg.
Wenige Zeigerumdrehungen später hatten die Bayern die Partie komplett gedreht, dieses Mal hatten sie das Glück, welches sie vor der Pause vollkommen im Stich gelassen zu haben schien. Eine für Müller gedachte Flanke lenkte Magdeburg-Verteidiger Enge ins eigene Tor. Die Anzeigentafel des Olympiastadions wies damals übrigens die FCB-Legende bis zum Schlusspfiff als Hattrick-Torschützen aus.
Die Aufholjagd hatte viel Kraft gekostet, Magdeburg kam in der Schlussphase des Spiels noch einmal auf, Sparwasser köpfte noch an den Pfosten. Aber nach dem Schlusspfiff stand ein mit großer Moral erzeugter 3:2-Sieg auf dem Konto des bundesdeutschen Titelverteidigers.
FCB-Präsidenten-Legende Wilhelm Neudecker stürmte nach dem Match freudestrahlend in die Umkleidekabine und lobte sein Team: „Gratuliere, meine Herren. In der zweiten Halbzeit seid Ihr großartig gewesen. Die Kondition war wirklich einmalig.“ Und dann soll er tatsächlich noch gesagt haben: „Die Magdeburger kochen eben auch nur mit Sparwasser.„
Beide Mannschaften waren sich nach dem ersten Match sicher, dass sie sich im Rückspiel zwei Wochen später für das Viertelfinale qualifizieren würden. Großer moralischer Sieger nach dem Hinspiel waren aber gewiss die Bayern, die einen eindrucksvollen Comeback-Sieg gefeiert hatten. Ein Sieg im Europapokal nach einem Zwei-Tore-Rückstand gelang dem heutigen Rekordmeister übrigens nur ganze zweimal: 1974 gegen Magdeburg und im CL-Achtelfinal-Rückspiel 2016 gegen Juventus Turin: 4:2 n.V. nach einem frühen 0:2-Rückstand.
Das Rückspiel im Jahr 1974 sollte übrigens noch einmal eine Menge sportliche Höhepunkte und politische Schlagzeilen liefern. Man befand sich noch mitten im Kalten Krieg.
Titelbild: Gerd Müller per Foulelfmeter zum 1:2
