Am Tag des dramatischen Meisterschaftsfinales zwischen dem FCB und dem BVB Ende Mai 2023 hatte der FC Bayern die Trennung von Sportvorstand Hasan Salihamidzic und dem Vorstandsvorsitzenden Oliver Kahn bekannt gegeben. Nach monatelangen nachfolgenden Turbulenzen wurde das Kriegsbeil zwischen dem Verein und seinem früheren Weltklassekeeper geschlossen. Nun äußerte sich dieser in einem Interview mit der deutschen Ausgabe von Sports Illustrated in überraschender Weise zur langjährigen FCB-Meisterserie. Er sieht in der anhaltenden Dominanz des Vereins eine Gefahr für die Bundesliga und fordert eine Veränderung.
Kahn betont dabei, dass ein Wettbewerb nur dann attraktiv bleibt, wenn er spannend ist: “Der Wettbewerb darf nicht noch berechenbarer werden. Wenn ein Verein zum zehnten, elften Mal in Folge Meister wird, dann ist das zwar eine unglaubliche Leistung, trotzdem wird der Wettbewerb ad absurdum geführt”.
Auch die finanziellen Unterschiede zwischen den Klubs sieht er kritisch. Die großen Abstände bei den Kaderbudgets würden dafür sorgen, dass Überraschungen im Meisterrennen immer seltener werden: “Wie ehrlich ist denn ein Wettbewerb in einer Liga noch, wenn zwischen den Teams zig Millionen an Kaderbudget liegen?”
Für Kahn ist das Problem jedoch nicht die Schuld des FC Bayern, sondern vielmehr ein strukturelles Ungleichgewicht innerhalb der Liga. “Das schadet auf Dauer der ganzen Liga, was man dem FC Bayern aber nicht vorwerfen kann.” So liegt für ihn die Begründung dieses Missverhältnisses nicht nur in den Strukturen der Bundesliga, sondern auch bei den anderen Vereinen, die sich seiner Meinung nach schwer damit tun, aufzuholen. Diese Diskrepanz müsse reduziert werden, damit der Wettbewerb nicht an Reiz verliere.
Trotzdem betont Kahn, dass es als Verantwortlicher beim FC Bayern seine Aufgabe war, erfolgreich zu sein: “Als ich beim FC Bayern München in der Verantwortung stand, war mir das natürlich bewusst, und trotzdem(!!!) wollte und musste ich Meister werden.” Es sei jedoch wichtig, dass der Wettkampf bis zum Schluss spannend bleibt, da dies den Kern des Sports ausmache. “Der Fußball braucht Stars, Spektakel – und sollte vor allem bis zum Schluss spannend sein.”
FC Bayern Total:
Nicht nur aufgrund der aktuellen Situation ein äußerst merkwürdiges Interview von Kahn!
War zum Ende seiner Amtszeit das Meisterschaftsrennen zwischen Bayern und Dortmund extrem dramatisch gewesen, dominierte in der vergangenen Saison nicht der deutsche Rekordmeister die Liga, sondern Bayer Leverkusen. Kein Wunder, dass die ersten Reaktionen in den Social Media belustigte Kommentare waren, dass er und Brazzo in ihrer Amtszeit zuletzt schon alles dafür getan hätten, die FCB-Dominanz zu beenden. Das markierte „trotzdem“ legt ja fast schon solche Vermutungen nahe….
Auch wenn er nun nicht mehr in Amt und Würden ist, kennt Kahn doch auch die Vorgaben des FC Bayern: Man orientiert sich international. Niemanden bringt es etwas, wenn sich die Spitzenteams durch Anpassungen von Kaderbudgets auf das Level der schwächeren Ligakonkurrenten bewegen würden. Offensichtlich hat er mit seinem Ex-Verein so sehr abgeschlossen, dass er nun eher die Denke der Klubs auf den unteren Ebenen vertritt.
Und dann lässt ausgerechnet der ehemalige super-ehrgeizige Erfolgs-verrückte FCB-Spieler und -Chef ein Thema aufpoppen, welches es in der Sportwelt wohl hauptsächlich im deutschen Männerfußball gibt: Eine überragende dominierende Mannschaft wird als ein Übel, ein Manko, gar eine Schwäche gesehen.
In anderen Sportarten ist das ganz anders: Wie sehr wurden Siegesserien von Björn Borg, Roger Federer, Rafa Nadal, Novak Djokovic und speziell in Deutschland natürlich von Steffi Graf im Tennis bejubelt, Ingemar Stenmark, Mikaela Shiffrin im Ski-Weltcup, Ole-Einar-Björndalen bei den Biathleten, Carl Lewis, Usain Bolt in der Leichtathletik, aber auch die CL-Siegesserie von Real Madrid. Es war / ist immer eine besondere Herausforderung gegen diese Cracks, Vereine zu bestehen. Weniger bei den Einzelsportlern als im Teamsport ist es zudem ein Feiertag für alle anderen, wenn man die Dominatoren besiegt. Ist auch in Fußball-Deutschland so … Daraus entwickelt sich auch etwas besonderes, eine besondere Spannung und Atmosphäre.
PS: Vielleicht besteht aber auch hier der Grund / Zusammenhang für diese merkwürdigen Ausführungen von Kahn. Der aktuelle CEO und somit sein direkter Nachfolger beim FCB Jan-Christian Dreesen – die beiden gelten als verfeindet – hat jüngst folgendes von sich gegeben:
Bayern-Boss Dreesen lehnt “sozialistisches Vorgehen” in der Bundesliga ab!
Die Diskussion um finanzielle Ungleichheiten in der Bundesliga ist immer wieder ein heißes Thema. Besonders der FC Bayern steht oft im Fokus, wenn es um das Ungleichgewicht zwischen den Top-Klubs und den kleineren Vereinen geht. Bayern-Vorstandschef Jan-Christian Dreesen hat sich nun deutlich gegen Vorschläge ausgesprochen, die finanzielle Schere in der Liga durch eine vermeintlich „gerechtere Verteilung der Einnahmen“ zu verkleinern.
“Es gibt durch die UEFA-Mehreinnahmen deutlich höhere Solidaritätszahlungen an die Vereine, die nicht am Europapokal teilnehmen”, erklärt Dreesen gegenüber der Sport BILD. Zudem betont er, dass die Reformen des Europapokals, welche mehr Startplätze für Klubs vorsehen, von großer Bedeutung seien.
“Glauben wir ernsthaft, dass die Bundesliga durch ein sozialistisches Vorgehen spannender wird?”, so Dreesen provokativ. Die Vorstellung, dass alle Vereine gleich viel Geld erhalten und dies die Liga spannender mache, weist er entschieden zurück: “Sollen in der Bundesliga alle 18 Vereine das gleiche Geld bekommen? Glauben wir ernsthaft, dass der Tabellen-15. der Vorsaison plötzlich um die Meisterschaft mitspielt?”
Dreesen sieht die Zukunft der Bundesliga in einer stärkeren internationalen Präsenz. “Für eine attraktive Bundesliga zahlen auch die TV-Sender und Sponsoren mehr”. Erfolgreiche deutsche Teams in den europäischen Wettbewerben würden die Liga insgesamt aufwerten, was sich wiederum finanziell positiv für alle 18 Vereine auswirken könnte.
Auch auf das Thema der Zentralvermarktung geht der FCB-CEO ein. Trotz der technischen Möglichkeiten, Spiele selbst zu vermarkten, betont Dreesen: “Wir sind Teil der DFL-Zentralvermarktung. Es ist nicht unsere Idee, uns in Deutschland künftig selbst zu vermarkten.”
Allerdings weist er auch darauf hin, dass es für den FC Bayern von Interesse sei, die Reichweite international zu vergrößern, insbesondere in Märkten, in denen die DFL keine Rechte hält.
(gestriger Facebook-Beitrag von FC Bayern Total)
