Deutschland im EM-Viertelfinale gegen die „beste Mannschaft der Welt“ keineswegs chancenlos

Folgt man zahlreichen deutschen Fanmeinungen in den Social Media und Medienberichterstattungen hat der vielumjubelte späte Ausgleichstreffer durch Niclas Füllkrug gegen die Schweiz das Aus von Julian Nagelsmanns Truppe bei der Heim-EM im Viertelfinale besiegelt. Durch Fülles Kopfballtor wurde die deutsche Nationalmannschaft Gruppensieger und muss im Viertelfinale in Stuttgart unweigerlich gegen die bislang sehr überzeugend auftretenden Spanier auflaufen. Georgiens Kapitän Guram Kashia meinte nach der eigenen gestrigen 1:4-Klatsche darüber hinaus: „Spanien ist so stark, wir haben gegen die beste Mannschaft der Welt gespielt„. Deutschland also wirklich chancenlos wie zu besten Zeiten von Xavi und Iniesta? Ganz sicher nicht!

Um dies zu behaupten, muss man sich nicht erst den Mut bei der englischen Presse holen, welche vom eigenen Team, das ursprünglich als Topfavorit in das Turnier startete, fürchterlich enttäuscht ist. So die Daily Mail: „Auf Spanien wartet in der nächsten Runde eine weitaus größere Herausforderung: Das Viertelfinale gegen Deutschland am Freitagabend dürfte das Endspiel des Turniers sein, auch wenn man es anders nennt.

Mit diesem Bewusstsein und Selbstvertrauen sollten und werden sicherlich auch Kroos, Neuer, Musiala & Co in dieses Viertelfinal-Topspiel gehen. Auch wenn la Furia Roja bislang im Turnier wirklich überzeugt hat, müssen sich die Deutschen mit ihren Leistungen keineswegs dahinter verstecken. Das sehen übrigens auch die Sportwetten-Anbieter so: Hier ist Spanien hauchzarter Favorit auf den Einzug ins Halbfinale, wenn es um ein Weiterkommen in der regulären Spielzeit geht. Die höchste Quote hat jedoch bei allen eine Verlängerung – und wer hat dort mehr Kraft und Willen? Kommt dann der zwölfte Mann, das Publikum, zum Tragen? Lässt sich Stuttgart vom großartigen Support in Dortmund anstecken? Es wäre eine Schande, wenn nicht …

Betrachtet man die bisherigen Ergebnissen bei der EURO, stehen sich am Freitag eindeutig die beiden besten Teams gegenüber: Spanien mit vier Siegen und 9:1 Toren, Deutschland mit drei Siegen und einem Unentschieden und 10:2 Toren. Viele Deutschland-Kritiker sprechen immer von den bislang einfachen deutschen Gegnern, dagegen hätte Spanien eine Todesgruppe überstanden.

Die Realität zeigt ein ganz anderes Bild: Spanien hat zwar Kroatien hoch mit 3:0 und Italien hochüberlegen mit 1:0 besiegt. ABER: Die aktuelle kroatische Mannschaft ist weit über ihren Zenit hinaus und hätte trotzdem Spanien bei mehr Effektivität und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor mindestens ein Unentschieden abringen können. Für den Sieg gegen Italien benötigte Spanien ein Eigentor des inzwischen ausgeschiedenen Titelverteidigers. Die fehlende Qualität des Champions von 2021 hat im Viertelfinale die Schweiz gnadenlos offen gelegt.

Deutschland hat eben gegen diese Eidgenossen nach zwei souveränen Siegen gegen Schottland und Ungarn zwar erst spät aber dennoch hochverdient den Ausgleich geschossen. Von den Spielanteilen und dem Chancenverhältnis wäre ein Sieg des Gastgebers verdient gewesen. Trotzdem wurden die Deutschen reflexartig im eigenen Land schon wieder zum Teil auch heftig kritisiert. Bastian Schweinsteiger sieht die Schweiz übrigens nach dem 2:0 gegen Italien und einem weiteren Sieg gegen England schon im EM-Halbfinale (gegen Österreich)…

Als Nagelsmanns Truppe die Schotten beim Eröffnungsspiel mit 5:1 aus der Münchner Arena schossen, meldeten sich sogleich die Dauermeckerer: Kein Kunststück, Schottland ist das schwächste Team der EM. Wenige Tage später trotzten die Bravehearts den erwähnten Schweizern ein 1:1 ab …

Apropos „schwächstes Team“ der EM: In den Gruppenspielen der EM-Quali landete Georgien weit abgeschlagen hinter Spanien, Schottland und Norwegen auf dem 4. Platz, nur Zypern konnte man hinter sich lassen. Und fand sich damit trotzdem aufgrund von abenteuerlichen UEFA-Regularien im Halbfinale von EM-Relegationsspielen wieder. Luxemburg(!) wurde dort mit 2:0 besiegt und im Finale sehr überraschend völlig indisponierte Griechen im Elfmeterschießen. Eine Sensation. Die nächste wurde dann in der EM-Gruppe durch eine schwache indisponierte portugiesische B-Elf ermöglicht.

So stand der krasseste Außenseiter des Turniers plötzlich mit einem durchschnittlichen Ballbesitz von 36 Prozent und einem Torschussverhältnis von 26:71(!) aber einem absoluten Weltklassetorwart (Giorgi Mamardashvili) im Achtelfinale gegen Spanien. Dass man dort trotz zwischenzeitlicher Führung bis kurz vor der Pause final mit 1:4 unterging, ist keine Überraschung. Das Schussverhältnis lautete 4:35 – auch keine Überraschung: Die georgischen Spieler kommen größtenteils aus der iranischen, zyprischen, slowakischen, polnischen, österreichischen Liga – aber auch der zweiten englischen und spanischen Liga. Und dass denen die Spanier wie die „beste Mannschaft der Welt“ vorkamen, ist auch keine Überraschung.

Wer das gestrige 4:1 Spaniens zum Maßstab nimmt, der wird jedoch am Freitag bei der Topbegegnung eine Überraschung erleben. Zumal Spaniens Viererkette auch der Spielweise von Deutschlands Technikern, die sich keineswegs hinter den Iberern verstecken müssen, entgegen kommen sollte. Keine Überraschung wäre es wiederum, wenn nach der Partie nicht die Deutschen und ihre Fans, sondern die Spanier den späten Ausgleichstreffer von Füllkrug gegen die Schweiz verfluchen würden.

Hoffentlich tragen in Stuttgart auch die so kritischen deutschen Fans ihren Teil dazu bei.

Titelbild: Der frenetische deutsche Jubel nach Füllkrugs 1:1 gegen die Schweiz. Wer jubelt am Freitag?

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

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