Mit der gestrigen Abendpartie zwischen Portugal und Tschechien, welche die favorisierten Iberer letztendlich zwar verdient, aber wegen des Zustandekommens auch sehr glücklich gewonnen haben, haben sich alle 24 EM-Teilnehmer einmal präsentiert. Mit dem Sieg der Slowaken gegen die Belgier gab es bei den zwölf Partien eine riesige Überraschung, weitere konnten unter anderem von den Italienern und Portugiesen verhindert werden. Es gab aber auch Enttäuschungen – wie die des Topfavoriten England – und eine Handvoll sehr überzeugender Auftaktsiege. Am meisten beeindruckt hat der Gastgeber bei seinem 5:1-Sieg im Eröffnungsmatch gegen Schottland.
Nachdem Deutschland die schottische Mannschaft, die viele vor dem Turnier als die beste seit vielen Jahrzehnten bezeichnet haben, souverän aus der Münchner Arena geschossen hatte – gefühlt war es eher ein 7:0 als nur ein 5:1 – meldeten sich sogleich die ersten Mahner und Nörgler. Für sie stand bereits nach dem ersten von insgesamt 51 Turnierspielen fest, dass Schottland die mit Abstand schlechteste Mannschaft des Turniers darstellen würde.
Diese Einschätzung ist durchaus gewagt: In der FIFA-Weltrangliste folgen hinter dem dort an 39. Position eingeordneten Schottland immerhin noch sechs andere EM-Teilnehmer. Darunter drei Sieger des 1. Spieltags: die Türkei (40.), die sensationellen Rumänen (46.) und die bereits genannte Slowakei (48.). Der in der Weltrangliste schlechtest platzierte EM-Teilnehmer ist Georgien (75.).
Für Schottland gilt wohl eher das uralte Fußballsprichwort: Man spielt immer so gut (oder schlecht) wie es der Gegner zulässt – und Deutschland war eben saustark!
Der souveräne deutsche Auftritt lässt sich auch an den Spielstatistiken bestens ablesen: 72,8% Ballbesitz – 20:0 Schüsse (10:0 aufs Tor!). Kein anderes Team kann dabei nur ansatzweise mithalten. Diese Bilanz ist auch nur teilweise damit zu begründen, dass der Gastgeber die gesamte zweite Halbzeit in Überzahl spielen konnte. Denn Nagelsmanns Truppe nahm da schon merklich den Fuß vom Gas.
Statistisch bemerkenswert am 1. Spieltag war, dass die anderen beiden Nationalteams, die klar gewonnen haben, dies sogar mit negativen Werten taten: Die erstaunlich effektiven Spanier hatten bei seinem 3:0-Sieg gegen Kroatien nicht nur einigen Dusel, sondern auch lediglich 46,7% Ballbesitz bei einem Schussverhältnis von 11:16 (5:5). Noch krasser die Statistiken bei Rumäniens 3:0 gegen die eigentlich favorisierte Ukraine: 28,7% (!) – 9:13, davon allerdings 5:2 beim Verhältnis der Schüsse, die tatsächlich aufs Tor gingen.
Erst Portugal übertraf gestern Abend den deutschen Ballbesitz mit 73,6% knapp: Gerade nach der tschechischen Führung Mitte der zweiten Halbzeit mussten CR7 & Co aber auch in die Vollen gehen – und hatten beim Siegtreffer in der Nachspielzeit großes Glück, dass der SR kurz zuvor tief in der eigenen Hälfte den Tschechen einen klaren Freistoß verweigerte. Ansonsten kamen nur noch Italien (68,3%) und die Niederlande (65,8%) bei ihren Comeback-Siegen gegen Albanien und Polen ansatzweise an die hohen Ballbesitze der beiden genannten Nationen heran.
Zwei Mannschaften schossen ein bisschen häufiger als die Deutschen aufs gegnerische Tor – die Türkei (22) gegen Georgien und die Niederlande (21). Allerdings ließen die Türken auch 14 gegnerische Schüsse zu und die Holländer hatten mit 4:7 sogar ein klar negatives Verhältnis bei den Bällen die aufs Tor gingen.
Die Top-Favoriten England und Frankreich enttäuschten bzw. überzeugten nicht wirklich. Der Vizeweltmeister hatte es allerdings mit einem starken aufmüpfigen Gegner aus Österreich zu tun.
Heute beginnt der zweite Spieltag der EM. Schnell kann sich alles wieder drehen, was man sich vor allem als deutscher Fan natürlich nicht wünscht. Das Turnier wird nun immer mehr an Fahrt aufnehmen – und Nagelsmanns Truppe kann sich hoffentlich weiterhin von Spieltag zu Spieltag steigern. Dann ist selbst ein Happy End am 14. Juli in Berlin nicht ausgeschlossen.
Titelbild: Spieler des 1. Spieltags war – ziemlich klar – der 21-jährige Edeltechniker vom FC Bayern Jamal Musiala. Möge auch seine EM-Story so weiter gehen. Hoffentlich zusammen mit seinem kongenialen gleichaltrigen Partner Florian Wirtz.
