Debatte um Kane: „Man nimmt ihm seine Weltklasse-Stärke“

Für den FCB-Toptorjäger Harry Kane war das gestrige EM-Spiel gegen Serbien ein Rekordspiel: In seinem 92. Länderspiel führte er die Three Lions bei seinem fünften großen Turnier zum vierten Mal als Kapitän an – dies stellte ebenso wie das zwölfte EM-Spiel und die 23. Partie bei einer Welt- oder Europameisterschaft eine englische Bestmarke dar. Obwohl England sein EM-Auftaktspiel gegen die Serben mit 1:0 gewann, gab es nach der Partie zahlreiche Debatten, vor allem um die Rolle von Kane.

In der gesamten ersten Halbzeit kam der Bundesliga-Torschützenkönig lediglich auf zwei Ballkontakte – so wenig wie noch nie bei einem Startelfeinsatz für England in einem Pflichtspiel. So spielte Harry in seinem Rekordspiel über weite Strecken nur eine Nebenrolle.

Harry Kane spielt die gleiche Rolle wie Erling Haaland bei Manchester City – er ist außerhalb des Strafraums nicht aktiv und wartet auf eine Chance“, analysierte Ex-Liverpool-Star Jamie Carragher in der Halbzeit für den Telegraph. „Er hat den Ball in 45 Minuten nur zweimal berührt. Das ist nicht Kanes Spiel.

Zwar nahm Kane in den zweiten 45 Minuten etwas aktiver am Spielgeschehen teil – doch sein Spiel war es weiter nicht. Es passte ins Bild, dass Serbiens Keeper Predrag Rajkovic Kanes einzige Torchance mit einem überragenden Reflex parierte und seinen wuchtigen Kopfball in der Schlussphase des Spiels an die Unterlatte lenkte.

Gefeiert wurde der Topstürmer allerdings auch von seinen Teamkollegen, nachdem er kurz später einen Aufsetzer von Veljko Birmancevic knapp vor der Linie per Kopf klären konnte. Dass der Golden Shoe Gewinner der Saison 2023/24 in der Offensive nicht wie bei Bayern gewohnt zur Geltung kam, hatte vor allem mit den taktischen Vorgaben von Coach Gareth Southgate zu tun.

Dazu Kane nach dem Schlusspfiff: „Das ist von Spiel zu Spiel anders. Ich war ein bisschen höher positioniert, weil die Serben gerne Manndeckung spielen. Das wird in jedem Spiel ein bisschen anders aussehen, manchmal ein bisschen höher, manchmal ein bisschen tiefer.

Dass Kane dabei vor allem im ersten Durchgang völlig wirkungslos blieb, beunruhigte England-Idol Gary Lineker bei BBC nicht: „Er spielt seine Rolle, er lässt sich nicht tief fallen, wie wir es in der Vergangenheit von ihm gesehen haben, er hält Serbien tief, um den kreativen Spielern hinter ihm Raum zu lassen. Er wird sich nicht um allgemeine Ballkontakte kümmern, sondern nur um die, die er machen kann, um den Ball im Netz unterzubringen“.

Und fast hätte Kane ja auch tatsächlich in der Schlussphase diesen Moment gehabt – einzig Serbiens Keeper stand seinem ersten Tor bei der EURO 2024 im Weg.

Der deutsche Weltmeister von 2024 Christoph Kramer konnte sich beim ZDF mit der abgewandelten Rolle für Kane dagegen überhaupt nicht anfreunden: „Die große Stärke von Kane ist, sich fallen zu lassen. Er sieht aus wie ein typischer Neuner, bewegt sich aber ja wie ein Zehner, weg von der Kette, wie ein Spielmacher. Aber dieses Element ist in diesem englischen Spiel ja gar nicht vorhanden.“

Kramer echauffierte sich bei seiner Analyse regelrecht. „Er ist eine klare 9, steht dann da, wird weggedeckt, nicht eingebunden. Man nimmt ihm seine Weltklasse-Stärke.“

Dass England im zweiten Durchgang gegen Serbien so passiv wurde, war für Kramer ebenso wenig nachvollziehbar. „Ich weiß echt nicht, was die machen wollen. Die lassen sich immer so weit zurückfallen.“ Mit dem Weltklasse-Kader könne es sich England viel einfacher machen, so der 33-Jährige.

Kane selbst war am Ende nur froh, den knappen 1:0-Sieg über die Zeit gerettet zu haben: „In der zweiten Halbzeit ging es nur darum, den Ball zu halten, ein paar Fouls zu vermeiden und den Sieg einzufahren“. So nahm er selbst in seiner letzten Aktion noch etwas Zeit von der Uhr, als er auf Höhe der Mittellinie einen Freistoß zog.

Klar ist auf alle Fälle auch, dass der Topfavorit auf den EM-Titel mit der gestrigen Leistung und taktischen Ausrichtung keine große Rolle im Turnier spielen wird. Aber es war erst das Auftaktmatch …

Titelbild: Harry beim Torjubel mit den Bayern. Die taktische Ausrichtung beim deutschen Rekordmeister sollte ihm weitaus mehr gefallen als derzeit bei England unter Southgate.

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

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