Fällt die Kritik an der deutschen Nationalmannschaft nach dem mühsamen 2:1-Comeback-Sieg bei der EM-Generalprobe gegen Griechenland noch einigermaßen gemäßigt aus, wurde England nach der zeitgleichen 0:1-Pleite gegen Island in Wembley von den Fans mit Pfiffen und Buh-Rufen im Gepäck Richtung Deutschland verabschiedet. Und die Presse legt auf die gewohnt brutale Weise nach.
Sind die Three Lions mit Kapitän Harry Kane bei den Wettanbietern knapp vor Vize-Weltmeister Frankreich, den EM-Rekordsiegern Deutschland und Spanien und dem Sieger von 2016 Portugal noch Topfavorit beim Kontinentalturnier, schreibt die englische Sun, dass das Team von Gareth Southgate durch die Pleite alle Hoffnungen auf einen Titelgewinn „ins Lächerliche“ gezogen hat.
Nun fahre die Mannschaft verfolgt vom „Geist von 2016“ zum Turnier in Deutschland. Das Boulevardblatt titelt in Anlehnung an das völlig überraschende Achtelfinal-Aus (1:2) vor acht Jahren in Frankreich gegen Island (engl. Iceland) durchaus fantasievoll „Return of the Ice Age“, die Rückkehr der Eiszeit.
Der Auftritt der „zerzausten“ Three Lions sei nahe an „die Selbstsabotage früherer Jahre“ herangekommen, schreibt der Telegraph. Der Daily Mirror bezeichnet Kapitän Harry Kane und Co. kurzerhand als „Gareth’s Boo Boys“, nachdem das Team den „Wembley-Zorn“ (BBC) zu spüren bekommen hat und gnadenlos ausgebuht wurde.
Eine Woche vor Turnierstart präsentierte sich der EM-Zweite von 2021 nach Ansicht des Guardian „besorgniserregend frei von Energie und Widerstand“. Es sei „der denkbar schlechteste Abschied“, legt der Daily Mirror nach.
Englands Nationalcoach Southgate zeigte Verständnis für den Unmut. „Aber ich muss ruhig bleiben, denn ich kenne die Gründe. Ich weiß, was wir nächste Woche tun müssen“, so der 53-Jährige, der sich auch aufgrund der Nicht-Nominierung erfahrener Kräfte wie Harry Maguire und Jack Grealish Kritik gefallen lassen musste. Auch Eric Dier, der beim FCB starke Leistungen gezeigt hatte, wurde nicht berücksichtigt.
Southgate könne „so viele cremefarbene Strickwaren tragen, wie er will, um kuschelig zu wirken“, spottet dazu die Sun in Anspielung auf sein Outfit, „aber er war in der Vorbereitung auf dieses Turnier äußerst rücksichtslos.“
Da fiel die Kritik der deutschen Fans und Medien, vor allem nach der ersten Halbzeit gegen die Griechen auf Social Media, nahezu kuschelig aus. Und Julian Nagelsmann hat den aufkommenden Unmut und einige unnötige spaltende Themen auch hervorragend wegmoderiert.
Andere Mitfavoriten haben durch die Wahl ihrer Gegner für die EM-Generalprobe solche Gefahrenherde gleich unterbunden: So zum Beispiel gestern Belgien (3:0 gegen Luxemburg) und Spanien (5:1 gegen Nordirland). Am kommenden Freitag beginnt die Fußball-EM 2024 in Deutschland aber auf alle Fälle für alle 24 teilnehmenden Nationalteams bei Null. England und Deutschland werden eine gute Rolle spielen.
