Kein Bayernfan widerspricht, wenn man die Saison 2000/01 als eine legendäre des FCB bezeichnet: Nach einem Vierteljahrhundert endlich wieder den heiß begehrten Henkelpott gewonnen und zudem zum dritten Mal in Folge die Deutsche Meisterschaft geholt. Kopfschütteln dürfte dagegen auslösen, wenn man behauptet, dass die aktuelle FCB-Spielzeit starke Parallelen zu jener glorreichen aufweist. Aber diese Behauptung stimmt tatsächlich – trotz eines Ausscheidens in der 2. Runde des DFB-Pokals, einer seit langem verlorenen Meisterschaft und dem bereits im Februar beschlossenen Abschied des Cheftrainers zum Saisonende.
Auch 2000/01 schied der Rekordmeister schmachvoll im deutschen Pokal aus: Ebenfalls in der 2. Runde im Elfmeterschießen beim Oberligisten FC Magdeburg. Die Meisterschaft holte man in einem Herzschlagfinale gegen den 4-Minuten-Meister Schalke 04. Stefan Effenberg, Oliver Kahn, vor allem Patrick Anderson & Co werden dafür heute noch gefeiert – aber nicht für eine grandiose Saisonleistung, sondern wegen des unfassbaren spannenden Saisonfinales. Und die Champions League holte man sich nicht minder dramatisch im Elfmeterschießen gegen den FC Valencia, nachdem man zuvor den FC Arsenal (2:2; 1:0!), Manchester United und im Halbfinale(!) Real Madrid ausgeschaltet hatte.
Schalke ließ man damals in der BL-Abschluss-Tabelle mit gerade einmal 63 Punkten um einen Zähler hinter sich. 63 Punkte bei einem wahrlich mäßigen Torverhältnis von 62:37 (+25). Die aktuellen Bayern haben bereits nach 30 Spieltagen 66 Punkte auf ihrem Konto und ein Torverhältnis von 87:37 (+50!). S04 war eben in jenem Jahr nicht das Leverkusen dieser Saison, welches wettbewerbsübergreifend auch nach 45 Spielen noch unbesiegt ist.
Lassen wir das ehemalige Vizekusen links liegen und konzentrieren wir uns nur auf die Saisonleistung des FC Bayern: Gewinnt die Truppe von Thomas Tuchel tatsächlich die Champions League, ist diese Spielzeit von den Ergebnissen betrachtet besser als die legendäre von Effe, Olli, Scholli, Élber & Co 2000/01! Nur die Wahrnehmung ist durch diese verrückten letzten elf Jahre völlig verzerrt. Man siegt sich zu Tode, alle jammern permanent über die durch die dominanten Bayern angeblich verursachte Langeweile – und wenn diese dann überstanden ist, freut man sich weniger mit dem neuen Dominator Leverkusen als dass man den FCB verspottet – und beschimpft (die eigenen Fans).
Fun Facts / Zahlenspiele:
- Mit 66 Punkten ist der FC Bayern vier BL-Spieltage vor Schluss jetzt schon besser als elf deutsche Meister in der 61-jährigen Geschichte. Der FCB selbst beendete in seinen bislang 58 BL-Jahren insgesamt 20 Mal die Saison schlechter als er nun vier Spieltage vor Schluss 2024 dasteht.
- Rechnet man die erreichten 66 Punkte mit dem bisher erzielten Punkteschnitt hoch, kommt man am Ende auf 75 Punkte. Bezieht man zudem das hervorragende Torverhältnis mit ein, dann wäre Tuchels Truppe zum Saisonfinale außerdem besser als weitere 33 Deutsche Meister, also als insgesamt 44 Deutsche Meister der Bundesligageschichte. D.h. holt der FCB denselben Punkteschnitt wie bislang in der Ligasaison, wäre er am Ende besser als 72 Prozent der bisherigen 61 BL-Meister, Leverkusen 2023/24 schon mit eingeschlossen.
Das ist wahrlich nicht die Bilanz einer versagenden Mannschaft, sondern eher das Problem von maßlos überhöhten Dauerforderungen an Spitzenfußballspieler, die Menschen und keine Roboter sind.
Auch im europäischen Vergleich, im Vergleich der fünf Top-Ligen, spielen die Bayern eine respektable Saison:

Es ist nicht vorherzusehen, ob sich Tuchel und seine Spieler in den nächsten zwei Wochen ausschließlich auf die CL-Halbfinalspiele gegen Real Madrid konzentrieren werden und wie sich das auf die Ligaspiele auswirken wird. Aber auch die BL-Saison könnte noch als Punkte(schnitt-)Bester aller Vizemeister in den Topligen abgeschlossen werden.
Mit Arsenal hat man den möglichen englischen Meister im CL-Viertelfinale eliminiert. Warum nicht auch noch den souveränen spanischen und den ebenso klaren französischen Meister auf dem Weg zum siebten Henkelpott bezwingen?
Eine schlechte FCB-Saison? 99,999999 Prozent der Fußballvereine auf dem Globus hätten gerne diese Probleme … und auch einen Trainer Tuchel …
Titelbild: Feiernde Bayernspieler vor der Fankurve – auch in dieser Saison nicht sooo selten.
