Der DFB hat heute durchaus überraschend die Vertragsverlängerung von Julian Nagelsmann bekannt gegeben. Der Bundestrainer soll die Nationalmannschaft bis zur WM 2026 betreuen. Allerdings hat sich der Verband für den Fall der Fälle abgesichert, was für den 36-Jährigen bedeutet, dass er als derzeit viel begehrter Coach nach der Heim-EM auch plötzlich ganz ohne Vertragsverhältnis dastehen könnte.
Wie Sky und BILD übereinstimmend berichten, gibt es eine entsprechende Klausel im neuen Vertrag von Nagelsmann. Die Parteien haben sich demnach darauf verständigt, die Zusammenarbeit bei einer großen Enttäuschung im Sommer doch vorzeitig zu beenden: Sollte das DFB-Team bei der Heim-Europameisterschaft in der Vorrunde ausscheiden, kann der Verband den Kontrakt auflösen. In der Gruppenphase trifft Deutschland auf Schottland, Ungarn und die Schweiz, es qualifizieren sich die beiden Gruppenersten sowie die vier besten Drittplatzierten aus den sechs Gruppen. Grundsätzlich ist es schwer vorstellbar, dass das DFB-Team bereits an der ersten Hürde scheitert, aber manchmal läuft sehr schnell alles schief – alle drei großen Turniere nach 2016 sind warnende Beispiele. Dreimal hat man das erste Spiel verloren.
Die aktuelle Verbandsführung um Präsident Bernd Neuendorf, Geschäftsführer Andreas Rettig und Sportdirektor Rudi Völler hat damit die Konsequenzen aus den vermeintlichen Fehlern der Vorgänger gezogen. Joachim Löw erhielt vor der WM 2018 (Aus in der Vorrunde) einen neuen Vertrag und blieb auch deshalb trotz des unglücklichen Auftretens beim Turnier in Russland (nach allerdings auch bitterer Vorgeschichte) bis zur EURO 2021 (Aus im Achtelfinale). Nachfolger Hansi Flick unterschrieb nachfolgend einen Kontrakt, der die WM in Katar (Aus in der Vorrunde) sowie die nun kommende EM im eigenen Land umfasste.
Auch bei Flick versuchte der DFB, mutmaßlich nicht zuletzt wegen der Vertragslage, trotz einer enttäuschenden Weltmeisterschaft in Katar, ohne einen Trainerwechsel zurück in die Erfolgsspur zu finden. Jedoch war letztendlich seine Entlassung im September 2023 alternativlos aufgrund der besorgniserregenden Fehlentwicklung der Nationalmannschaft.
Nagelsmann übernahm das Amt des Bundestrainers, erhielt aber lediglich einen Vertrag bis zum Ende der EURO im Sommer. Nach den zuletzt glänzenden Testspielsiegen in Frankreich und gegen die Niederlande strebte der DFB dann aber doch die heute verkündete Vertragsverlängerung mit dem 36-Jährigen an.
Dennoch muss Nagelsmann im Gegensatz zu seinen Amtsvorgängern aufgrund dieser Klausel bei der Kontinentalmeisterschaft sofort Ergebnisse liefern, um seinen Job behalten zu dürfen. Für den DFB beinhaltet die Klausel offensichtlich nicht zuletzt den finanziellem Vorteil, Nagelsmann bei einer vorzeitigen Trennung nicht das vollständige restliche Gehalt zahlen zu müssen, nachdem Flick nach seiner Beurlaubung noch Millionen vom DFB kassiert hat.
Fußball-Deutschland sollte Nagelsmann und seinem Team den EM-Titel wünschen, aber bei einem gnadenlosen Scheitern wäre die Häme ihm gegenüber gewiss gewaltig – er selbst ohne Job und wohl auch ein bisschen verbrannt für die nächsten größeren Aufgaben …
