Kommentar von Petersgradmesser
Spätestens seit der 0:3-Klatsche in Leverkusen vor zwei Monaten hat man das Gefühl, dass beim FC Bayern gar nichts mehr läuft und der Werkself alles gelingt. Die Enttäuschung im Verein, bei den Verantwortlichen, den Trainern, den Spielern und natürlich nicht zuletzt den Anhängern des Rekordmeisters wächst gefühlt nach jedem einzelnen Spiel weiter an. Auf dem Spielfeld taumeln die Spieler des FCB von einer Peinlichkeit in die andere, außerhalb eskalieren die Debatten. Spezial in den Social Media hagelt es Hohn und Spott auf eine nicht selten menschenunwürdige Weise, die bis hin zum Hass auf den eigenen Verein und seine Protagonisten geht. Eine extrem bedenkliche Entwicklung. Wirklich grauenvoll.
Natürlich entsprechen die gezeigten Leistungen auf dem Platz weder dem Anspruchsdenken des FC Bayern noch ansatzweise dem eigentlich vorhandenen riesigen Potenzial der Spieler. Kein aufrichtiger FCB-Fan kann damit nur ansatzweise zufrieden sein. Maßlose Enttäuschung, speziell nach Spielen wie gestern in Heidenheim, wenn eine souveräne 2:0-Halbzeit-Führung fahrlässig komplett hergeschenkt wird, ist mehr als nachvollziehbar. Aber müssen die Kommentare und Äußerungen dann jedesmal derart eskalieren, fast ausschließlich beleidigend sein?
Viele beanspruchen für sich, dass Kritik an den hochbezahlten Millionären erlaubt sein muss, gehen dabei aber weit über das erträgliche Maß hinaus und vergessen komplett ihre gute Kinderstube, falls eine solche tatsächlich vorhanden ist.
Tatsächlich gibt es eine Vielzahl an Ansätzen für wirklich berechtigte Kritik – aber das kann man auch mit Anstand tun, selbst wenn man wütend und enttäuscht ist. In früheren Zeiten gab es durch den Mob zu vielen Gelegenheiten die sog. Lynchjustiz, heutzutage wird diese – natürlich nicht nur im Fußball – verbal in den Social Media ausgelebt. Trainer und meist immer dieselben Spieler werden verbal in alle Einzelteile zerlegt. Erstaunlicherweise gibt es dabei aber auch einige wenige Spieler, die bei denselben (Fehl-)Leistungen davon immer ausgenommen werden. Aber das ist wieder ein anderes Thema …
Auch die Vereinsbosse, die zum Teil selbst scharf in der Kritik stehen, müssen derzeit umdenken, aktiver werden, wenn es darum geht, sich gegen solch hasserfüllte Entwicklungen bei den Fans zu stellen. Es muss schlichtweg gegen mediale Falschinformationen, die zu Bashing und Mobbing gegen Spieler und Trainer führen können, schärfer vorgegangen werden. Der Boulevard weiß, wie er gewinnbringend mit den Emotionen der Fans spielen kann. Sehr zum Leidwesen der FCB-Protagonisten.
Häufig entstehen so, wenn es um die aktuelle FCB-Spielergeneration geht, Begriffe wie „charakterlos„, „geldgeile Söldner„, „keine Mentalitätsspieler„, „Lustloskicker“ und Schlimmeres. Persönlich glaube ich nicht, dass diese Begrifflichkeiten nur auf einen einzigen FCB-Spieler zutreffen. Allerdings scheinen die Spieler unter dem enormen Druck – dem Anspruchsdenken und der Öffentlichkeit – immer mehr zusammenzubrechen. Die Blackouts in den Spielen häufen sich auf bedenkliche Art und Weise. Fast das gesamte Team scheint mental am Boden zu liegen.
Wenn man Deutscher Fußball-Meister wird, ist dies generell als überragende Leistung eines Kollektivs zu sehen. Wenn man elf Mal hintereinander Meister wird, ist das eine eigentlich bewundernswerte fantastische Leistung, eine überragende Konstanz, die entsprechend gelobt und gewürdigt werden sollte. Würde man zumindest denken. Nicht so beim FC Bayern. Stattdessen wurde zuletzt jede weitere Meisterschaft mit den vorherigen verglichen – und abgewertet: medial, von den Fans.
2022 wurde man Ende April nach einem 3:1-Heimsieg gegen den Hauptkonkurrenten aus Dortmund sehr frühzeitig Meister. Anschließend ließ man es bei den BL-Spielen etwas ruhiger angehen – ein seit vielen Jahrzehnten bekanntes Szenario. Nagelsmanns Truppe hatte dennoch zum Abschluss sehr beachtliche 77 Punkte auf dem Konto. Diskutiert wurde aber nur darüber, dass sehr starke 43 Punkte aus der Hinrunde und nur 34 Punkte aus der Rückrunde stammten. 2023 war es bis zum letzten Spieltag spannend – eigentlich wollte das ganz Fußball-Deutschland immer so haben. Als Bayern aufgrund des BVB-Patzers noch Meister wurde, sprachen selbst eigene „Fans“ von einer „unverdienten Meisterschaft„! 1986 und 2000 wurden solche Titel noch gewaltig gefeiert!
In den Sozialen Netzen gibt es immer mehr „Erfolgsfans„, die sich nun beleidigt zeigen, weil die Mannschaft nicht in ihrem Sinn abliefert. Nach dem Motto: Ich bin Fan vom FCB geworden, weil mir dieser jedes Jahr einen Titel garantiert hat – und jetzt habt Ihr mich darum betrogen! Und nein, das ist keine Übertreibung, sondern ein extrem häufig anzutreffendes Phänomen!
Tatsächlich steht beim FC Bayern ein wohl richtig großer Umbruch bevor. Thomas Tuchel wird gehen – und zwar nicht, weil er ein so schlechter Trainer wäre, wie viele jetzt behaupten. Nein, er hatte quasi nie eine Chance. Er kam zur Unzeit nach München, wurde wohl von den Vereinsverantwortlichen bei seinen Personalwünschen permanent überhört – und vielleicht passt er auch nicht wirklich zum FC Bayern und auch nicht zur aktuellen Mannschaft. Beileibe nicht nur seine Schuld. Nicht ansatzweise.
Wenn nicht ein absolut außergewöhnlicher neuer Trainer kommen wird, wird es – gerade nach den letzten Spielen – auch eine Vielzahl an Spielern geben, die nächste Saison in anderen Vereinen kicken werden. Vielleicht auch erfolgreich. Es benötigt ganz offensichtlich einen Umbruch. Dies bedeutet aber nicht ansatzweise, dass dies keine guten Spieler wären, die nicht das Niveau für den FCB hätten. Sie sind auch deswegen keine „Söldner„.
Das Gesicht der aktuellen FCB-Misere ist für mich Joshua Kimmich. Seit zwei Jahren geht seine Leistungskurve bedenklich nach unten. Er will, er kämpft fast schon verzweifelt – und verkrampft. Sein unglaublicher Ehrgeiz, alles tun zu wollen, scheint auch seine Mitspieler zu hemmen. Er ist grundsätzlich ein toller Spieler, der auch in einem anderen Verein wieder großartige Leistungen bringen kann. Leider aber wahrscheinlich nicht mehr in München.
PS: Wenn sie es nicht verdrängt haben, können sich die älteren FCB-Fans sicherlich noch an Spielzeiten erinnern, in welchen der FC Bayern, wenn feststand, dass es nichts mehr mit der Meisterschaft wird, die letzten Spiele abgeschenkt hat. Das war 1982 und 1983 mit Breitnigge so, in den 90ern mit Matthäus, Kahn & Co – aber auch schon viel früher bei Franz, Gerd & Sepp der Fall. Niemand hat damals den Trainer oder die Spieler derart beleidigt, wie das aktuell der Fall ist!
2. PS: Wenn man in der aktuellen Situation doch noch in der Champions League ein kleines Wunder vollbringen will, dann müssen ab sofort alle zusammen halten. Titelbild: Niemals aufgeben!!

Bravo, absolutes Kompliment für diesen Beitrag 👍👏👏👏👏
Ich stimme dem zu 100 % zu👍
sehr gut geschrieben! Gilt momentan – leider – für viele Bereiche unserer Gesellschaft…
Ja, leider. Eigentlich in allen Bereichen beheimatet.
Guter Artikel!
Leider findet dieses schlechte Benehmen nicht nur auf Bundesliganiveau sondern auch auf Kreis- oder Bezirksliga Niveau statt. Immer wieder beschämend!
Kein Leistungssportler verliert freiwillig oder ist zu blöd Leistung zu erbringen! Da weiß jeder, der selber mal Leistungssport betrieben hat!!
Josh Kimmich sollte mal aus der Verantwortung herausgenommen werden, das ist eine mentale Aufgabe – gehts raus und spielts Fußball – diese Leichtigkeit müsste er wiederfinden. Das geht aber auch beim FCB !!!
Stern des Südens – in guten wie in schlechten Zeiten 🥰
Griaß di, aus Südwestfalen, Karin