Fankurven feiern das Aus des „Investorenmodells“ – was ist die Rolle der FCB-Ultras?

Kommentar von Petersgradmesser

Schon während des unglücklich verlorenen Spiels in Bochum gab es quasi auf allen FCB Social Media Fanseiten einen Shitstorm gegen die eigene Fanszene, die das Spiel der eigenen verunsicherten Mannschaft genau in dem Moment mit einem Tennisball-Hagel störte, als diese gerade wieder ins Spiel zu finden schien. Das Wohl und Leid des eigenen kriselnden Teams schien unwichtig, um andere Interessen durchzudrücken.

Dieses Vorgehen passt auch bestens zu dem häufig von den Fanszenen kommenden Statement „Der Fußball gehört den Fans!“ Zur kleinen Einschätzung: Ich selbst stand im Herbst 1976 bei der 0:7-Heimpleite von Franz, Gerd & Co gegen S04 zum ersten Mal mit einer Zwei-DM-Stehplatz-Kinderkarte in der legendären Südkurve des Olympiastadions und habe meine Bayern leidenschaftlich angefeuert. Niemals hätten wir damals gesagt, dass der Fußball von Franz, Gerd, Sepp, Uli etc. uns gehören würde. Was für ein deplatziertes Statement. Auch bei keiner einzigen großen Veranstaltung habe ich jemals gehört: Die Musik (bei Konzerten, Opernveranstaltungen), das Theater(stück), Eishockey, Handball, Volleyball etc. gehört den Fans. Aberwitzig und arrogant.

Eine korrekte Aussage ist wohl: Die Fans – wobei auch immer – sind ein sehr wichtiger Bestandteil! Aber wenn schon andere Statements aus den Fanszenen den Schluss zulassen, dass sie sich sogar für wichtiger als die Spieler selbst halten, dann gibt es eigentlich wenig Interpretationsspielraum.

Man kann ein Fußballspiel – egal auf welchem Niveau – gänzlich ohne Zuschauer, Fans stattfinden lassen. Den wirklichen am Spiel selbst interessierten Fußballfans kann dies trotzdem (sehr) gefallen. Ist in der Pandemie passiert: Die wirklichen FCB-Fans haben den CL-Sieg des FC Bayern beim Finalturnier im August 2020 in Lissabon genossen und gefeiert. Es gab aber auch Sprecher aus der Fanszene, die in Interviews stolz von sich gegeben haben, diesen großartigen Triumph des eigenen Vereins ignoriert zu haben.

Egal was irgendein Tennisball- oder Schokotalerwerfer von sich selbst hält: Die Fußballspieler selbst sind das mit weitem Abstand Wichtigste bei diesem Volkssport.

Nun hat die DFL – zur Freude der einen und zur riesigen Enttäuschung, zum Entsetzen der anderen – das zum Überleben der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Profifußballs so wichtige Investorenprojekt eingestampft. Zumindest vorerst. In einer Demokratie hätte man sich einer Mehrheit gebeugt, stammelte ein zerknirschter Vorsitzender Aki Watzke …

Aber von welcher Mehrheit faselte der DFL- und BVB-Boss denn eigentlich? Die aktiven Fanszenen sind doch nur ein kleiner Bruchteil der deutschen Fußballfans. Selbst in den Arenen der Republik ist eine große Mehrheit der Fans nicht gegen das Investorenmodell und von den Störaktionen genervt gewesen.

Aber in der heutigen Gesellschaft scheint es ein neues Erfolgskonzept zu sein: Rücksichtslos gegen andere, laut, penetrant. Irgendwann knicken die anderen schon ein. Die täglichen Nachrichten zeigen diesbezüglich ein Schreckenszenario auf.

Der Sprecher der bei den Stadion-Protestaktionen federführenden Fanorganisation Unser Kurve, Thomas Kessen, gab gestern überall zu Protokoll, dass das Abwenden dieses teuflischen Investoren-Modells ein Sieg des deutschen Fußballs, der Fußballfans sei. Denn diese bösen Heuschrecken wollten doch tatsächlich Profit aus dem Deal schlagen. Wow, Herr Kessen! Gibt es denn irgendein professionelles Investment, bei dem es nicht um Profit, um Gewinn, um Win-Win geht?

Kessen bekam gestern auch am Abend bei der ZDF-CL-Sendung im Gespräch mit Katrin Müller-Hohenstein Gehör. Auf deren Frage, ob er sich nicht Sorgen um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Bundesligavereine machen würde, gab er durch die Blume klipp und klar zu verstehen, dass ihn das Wohl der deutschen Topklubs, speziell des FC Bayern, nicht im Geringsten interessieren würde. Es würde genügend Geld im Fußball fließen …

Nach dieser doch ziemlich aufschlussreichen Antwort schaut man sich den Herrn Kessen, den Sprecher von Unsere Kurve noch einmal etwas genauer an: Er ist Fanabteilungs-Vize beim VfL Osnabrück. Das ist der mit Abstand leistungsmäßig schlechteste Verein der beiden deutschen Bundesligen. Tabellenletzter der Zweiten Liga – mit zehn Punkten Rückstand zum Vorletzten Hansa Rostock! Osnabrück würde bei einer Abstimmung ab Sommer 2024 überhaupt kein Gehör mehr finden, weil es nicht mehr zu den 36 Bundesligisten zählen wird.

Und somit kommen wir zum Schluss auch noch einmal auf die FCB-Fanszene, die bekanntlich von den Ultras dominiert wird, zu sprechen: Kann es tatsächlich sein, dass Bayernfans Wortführern von unterklassigen Vereinen folgen, obwohl sich diejenigen einen feuchten Kehricht darum scheren, wie der FC Bayern als deutsches Fußball-Flaggschiff abschneidet. Sogar eher im Gegenteil, an einer nationalen wie internationalen Schwächung des Rekordmeisters interessiert zu sein scheinen!

Man kann es kaum anders interpretieren: Der Ultra-Duktus als solcher steht für viele über dem tatsächlichen Wohle des eigenen Vereins. Denn dieses scheint ausschließlich im Ultra-Kontext definiert zu sein. Wer sind wirklich die wahren Fans des Vereins?


Titelbild: Natürlich gibt es auch zahlreiche positive Seiten der Ultras, der Fanszene. Grandiose Choreografien, wie hier im CL-Spiel gegen Kopenhagen, gehören sicher dazu.

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

2 Kommentare zu „Fankurven feiern das Aus des „Investorenmodells“ – was ist die Rolle der FCB-Ultras?

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