Kommentar von Petersgradmesser
Der FC Bayern ist zwar mit seinen bislang 20 deutschen Pokalsiegen mit einem riesigen Abstand Rekordpokalsieger – Werder Bremen folgt dahinter mit ganzen sechs Triumphen – aber man könnte in den letzten Jahren das Gefühl bekommen, dass – trotz anderslautender Bekenntnisse – sowohl die Trainer als auch die Spieler keinen absoluten Fokus auf diesen Wettbewerb haben. Und damit haben sie eine Gemeinsamkeit mit anderen großen FCB-Mannschaften.
Last Minute Pokal-KOs sind auch schon Beckenbauer & Co. passiert. Den aktuellen Bayern dreimal in den letzten vier Spielzeiten. 2021 kassierte man in Kiel den 2:2-Ausgleich in der 93.Minute, bevor man im Elfmeterschießen ausschied. Im April gegen Freiburg war es ein Elfmeter zum 1:2 tief in der Nachspielzeit und gestern ein Konter in der 96. Minute …
Die Pokalgeschichte des FC Bayern
Die Geschichte des deutschen Pokals ist im europäischen Vergleich noch keine sehr lange, er wurde zwischen 1935 und 1943 unter den Nazis als Tschammerpokal ausgetragen und nach einer neunjährigen Pause seit 1952/53 als DFB-Pokal.
Bis die Bayern zum ersten Mal 1957 in einem Pokalfinale standen und dieses – am 29. Dezember in Augsburg mit 1:0 gegen Düsseldorf – auch gewinnen konnten, spielten sie in der deutschen Pokalgeschichte keine Rolle. Im Tschammerpokal schieden sie jeweils frühzeitig auf regionaler Ebene aus oder der Wettbewerb wurde vorzeitig beendet (1944), als sie noch im Rennen waren. In den Anfangsjahren des DFB-Pokals nahmen sie nicht teil.
Dass der erste Pokalsieg 1957 überhaupt theoretisch möglich war, verdankten die Bayern ihrem österreichischen Trainer Willibald Hahn. Weil die Vereinskasse so leer war, wollte der FCB-Vorstand eigentlich gar nicht am Wettbewerb teilnehmen, um das Geld für die Fahrten zu sparen. Aber Hahn bestand – zum großen Glück – auf die Teilnahme.
In den folgenden Oberligajahren (bis 1963) und Regionalligajahren (damals zweite Liga in fünf Staffeln, 1963-65) scheiterten die Bayern wieder regelmäßig im dem DFB-Pokal vorgeschobenen Süddeutschen Pokal.
Innerhalb von drei Jahren zum deutschen Rekordpokalsieger (1966-1969)
1965 stiegen die Bayern in die Bundesliga auf und gewannen in ihrem ersten Bundesligajahr sofort den DFB-Pokal – 4:2 gegen den Meidericher SV.
Weil es sich so gut anfühlte, wiederholten die Bayern diesen Triumph gleich im folgenden Jahr (4:0 gegen Uwe Seelers HSV) und 1969 gelang gar das erste Double der Vereinsgeschichte. Der 2:1-Finalsieg gegen Schalke 04 machte Franz, Gerd, Sepp & Co. zum deutschen Rekordpokalsieger mit vier Titeln.
Nach einem Jahr Pause gelang der fünfte Pokal-Triumph. In einem hochdramatischen Endspiel bezwangen die Bayern 1971 in Unterzahl in der Verlängerung den 1. FC Köln mit 2:1.
11 Jahre „Saure-Gurken-Zeit“ als Rekordpokalsieger
Nach dem Finale 1971 dauerte es satte 11 Jahre, bis die Bayern wieder in einem deutschen Pokalfinale standen, obwohl in dieser Phase fünfmal die Meisterschaft (1972-74; 1980; 1981), dreimal der Europapokal der Landesmeister (1974-76) und der Weltpokal (1976) geholt wurden. Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre schied man jedes Mal sehr früh aus – und zweimal dramatisch und unglücklich im Halbfinale: 1974 in Frankfurt per Elfmeter in der 90. Minute, 1976 im Wiederholungsspiel in München gegen den HSV, ebenfalls in der 90. Minute.
1982-1986 – die zweite erfolgreiche Pokalperiode
Drei Pokalsiege bei vier Endspielteilnahmen in fünf Spielzeiten – eine ähnliche Bilanz wie von 1966 bis 1971.
1982 wurde der Club aus Nürnberg mit 4:2 nach 0:2-Halbzeitrückstand besiegt, 1984 Gladbach nach Elfmeterschießen und 1986 der VfB beim nie gefährdeten 5:2-Sieg zum zweiten Double der Vereinsgeschichte.
Aber es gab im achten DFB-Pokalfinale der FCB-Geschichte auch die erste Niederlage: 1985 verlor man im Berliner Olympiastadion mit 1:2 gegen den krassen Außenseiter Bayer Uerdingen. Seit jenem Finale fand übrigens jedes weitere in der deutschen Hauptstadt statt.
Zwischen 1986 und 1998: Die Zeit der großen Pokalblamagen
War schon die Phase von 1971 bis 1982 eine sehr magere FCB-Pokal-Phase, wurde sie von jener von 1986 bis 1998 noch um einiges übertroffen. In elf Pokaljahren keine Endspielteilname, nicht einmal eine einzige Halbfinalteilnahme! Die Höhepunkte waren die zwei Viertelfinalteilnahmen 1988 – 1:2 beim HSV – und 1997 – 0:1 beim KSC.
Und es hagelte saftige Blamagen:
4. August 1990 – 1. Runde – 0:1 bei den Amateuren vom FV Weinheim.
17. August 1991 – 1. Runde – 2:4-Heimniederlage gegen den Zweitligisten FC Homburg.
14. August 1994 – 1. Runde – 0:1 bei den Amateuren vom TSV Vestenbergsgreuth.
1990 und 1994 trat man jeweils als amtierender Deutscher Meister an, 1990 mit einigen frisch gebackenen Weltmeistern. 1994 war es die Pokalpremiere von Oliver Kahn beim FCB.
1998 bis 2020 – Pokal-Erfolgsgeschichte pur
Nach jener 12-jährigen Durststrecke mit zahlreichen Enttäuschungen und Blamagen kam die bislang längste FCB-Erfolgsphase:
23 Austragungen – 15 Finalteilnahmen – 12 Pokaltriumphe – und zusätzlich noch viermal im Halbfinale.
Ein einziges Mal erreichte man nicht mindestens das Viertelfinale: Ausgerechnet in der Europapokal-Comeback-Saison 2000/01 scheiterten Kahn, Élber & Co blamabel in der 2. Runde im Elfmeterschießen beim 1. FC Magdeburg. Am Ende der Spielzeit stand aber ein viel wertvolleres Double!
In jenen 23 Spielzeiten standen die Bayern nur ein einziges Mal in zwei aufeinander folgenden Jahr nicht im Pokalfinale: Eben 2001 und 2002.
2021 – ?
Erneut eine Phase wie zwischen 1971 und 1982 und zwischen 1986 und 1998? Es ist nicht völlig ausgeschlossen.
Ganz ehrlich: Die Mannschaft kann in diesem Wettbewerb, der zwar ein gewisses Renommee hat, aber sportlich gesehen ganz weit hinter der Meisterschaft und um Lichtjahre hinter der Champions League angesiedelt ist, nur verlieren. Man ist in jedem Spiel immer der Favorit gegen höchst motivierte Gegner, die ihre Chance in einem einzelnen Spiel suchen, während die Spieler des FCB selbst völlig überspielt wegen zunehmenden Wettbewerben und Spielen im Weltfußball sind, immer mehr zusätzliche Termine wahrnehmen müssen, einer völligen Reizüberflutung ausgesetzt sind.
Siehe auch gestern: eine dezimierte FCB-Mannschaft muss kurz vor DEM Prestigeduell im deutschen Fußball bei einem höchstmotivierten Drittligisten antreten, und das auf einem Spielfeld, von dem man einen Tag vor dem Match noch nicht einmal zu 100 Prozent wusste, ob es überhaupt eine Fußballpartie zulassen würde.
In der ersten großen Pokalphase des FCB von 1966 bis 1971 waren Pokalsiege etwas besonderes, weil man die Meisterschaft in dieser Phase keineswegs dominierte, sogar nur einmal (1968/69) gewann. In den Phasen der großen Europapokalsiege dagegen war der Pokal nur ein Wettbewerb unter ferner liefen. Aktuell hat man das Gefühl, dass das nicht so viel anders ist. Man ärgert sich zwar immer wieder über ein blamables Ausscheiden. Aber nur gegen den BVB, RB und Bayer würden diesem dieses Attribut nicht anhaften.
Selbes „Pokal-Phänomen“ auch in anderen Ländern – Beispiel Real Madrid
Real Madrid gilt als der erfolgreichste Verein der Fußballgeschichte. Nicht zuletzt der riesige Vorsprung bei den Triumphen in der Königsklasse (14 zu 7 Milan) zeugt davon.
Bei den Erfolgen in der Copa del Rey sind die Madrilenen aber nur Dritter in Spanien hinter Barcelona und Bilbao. Besonders auffällig: Immer wenn sie sich im Europapokal zum Seriensieger aufgeschwungen haben (1956-60, 2016-18), gewannen sie den spanischen Pokal kein einziges Mal. Aktuell ist Real Madrid spanischer Pokalsieger – nach 9-jähriger Pause. Zwischen 1993 und 2011 musste man satte 18 Jahre warten. Und bei den 14 Königsklassensiegen wurde man tatsächlich nur ein einziges Mal im selben Jahr Pokalsieger (2014).
Titelbild: FCB-Fankurve Pokalfinale gegen BVB 2016

Ganz im Ernst: Der DFB-Pokal ist für mich grundsätzlich eine völlig uninteressante Nummer.
Es nervt halt immer, wenn man „blamabel“ ausscheidet. Aber selbst ein Pokalsieg hat in den letzten Jahren bei mir keine Jubelstürme ausgelöst.
Es gibt so viele Wettbewerbe, auf den DFB-Pokal könnte ich getrost verzichten.