Der FC Bayern hat Jerome Boateng – wohl nicht zuletzt auch wegen der massiven einseitigen Berichterstattung und der angekündigten Kurvenproteste – nicht verpflichtet. Eine sehr laute Minderheit hat zum wiederholten Mal in unserer Gesellschaft die Richtung vorgegeben. Die Aktionen in der Südkurve waren beim gestrigen Heimspiel gegen Freiburg zwar nicht so heftig wie sie wohl bei einer Verpflichtung der Bayernlegende gewesen wären, hatten aber zum Teil durchaus beleidigenden Charakter. Bayerntrainer Thomas Tuchel zeigte dafür auf der PK nach dem Spiel überhaupt kein Verständnis.
„Kein Platz für Charakterschweine im Verein – weder auf dem Feld noch im Vorstand!“, hieß es auf dem Banner, das zu Spielbeginn mit Blick auf die Südkurve rechts hinter dem Tor von Sven Ulreich zu sehen war. Regelmäßige Stadiongeher kennen dieses Szenario aus diesem Kurvensektor. Seit vielen Jahren werden dort speziell auch Funktionäre des eigenen Vereins weit unter der Gürtellinie beleidigt und man fragt sich jedes Mal aufgrund der Heftigkeit der Unzufriedenheit, warum dieser Haufen überhaupt zur Anhängerschaft des Rekordmeisters zählt. Jeder normale Mensch hätte diesem vermeintlichen Hassobjekt längst den Rücken zugekehrt – doch Erfolgsfans?
Auf der PK nach dem Spiel wurde Tuchel speziell auf dieses Banner angesprochen, es war die letzte Frage und der Münchner Übungsleiter zeigte sich leicht genervt für diese Art der Kritik. Während der Partie hatte er von den Plakaten offenbar nichts mitbekommen: „Das höre ich jetzt zum ersten Mal. Da habe ich wenig Verständnis für. Das ist haarscharf an der Beleidigung. Ein bisschen zu anonym und ein bisschen zu plakativ.“ Sein grimmiger Blick war dabei wesentlich aussagekräftiger als die noch dezenten Worte.
Die heftigen Äußerungen der Ultragruppierung(en) waren natürlich gegen Boateng aber auch gegen Max Eberl gerichtet. Geschmacklos, niveaulos, peinlich.
Später sah man in der Südkurve im Bereich der dominierenden FCB-Ultragruppierung noch ein weiteres Banner zu diesem Thema: „Misogyne Gewalt ist keine Privatsache! Steht zu unseren proklamierten Werten – oder sind Satzung und Awareness doch nur Marketing?!“. (Titelbild)
Dies war dann wohl vor allem Richtung Sportdirektor Christoph Freund gerichtet.
Was soll man sagen: Der Support der Kurve, aber auch im übrigen Stadion war gestern – angesichts der starken Leistung der Mannschaft nicht überraschend – sehr gut. Ansonsten haben Gespräche im Vorfeld, während und nach dem Spiel wieder einmal deutlich aufgezeigt, dass die Meinungen der aktiven FCB-Fanszene größtenteils absolut nicht kompatibel sind mit denjenigen einer gewaltigen Mehrheit an Bayernfans. Dass deren Statements zur Szene häufig auch auf großem Unwissen beruhen, ist eine andere Geschichte.
An die Verfasser des ersten genannten Banners gerichtet:
„Kein Platz für Charakterschweine im Verein“ – … und natürlich auch nicht bei den Fans!
Im Ultra-Sprachgebrauch würde jetzt noch ein „Fic*t Euch!“ folgen. Aus Niveaugründen sieht FC Bayern Total davon ab und verweist stattdessen auf die Umfragen der letzten Tage unter FCB-Fans. Die Teilnahmezahlen waren dabei so groß, dass man durchaus von einer Repräsentativität sprechen konnte:
PS: Mit den Moralaposteln in unserer Gesellschaft ist das so eine Sache. Bei der gestrigen Heimfahrt vom Spiel hat der Verfasser dieses Beitrags im Radio die Berichterstattung zur Landtagswahl in Bayern verfolgt. Höhepunkt war ein jubilierender AfD-Politiker, der als nächstes Ziel ausgab, ab sofort den Populisten von CSU und Freien Wählern das Leben schwer zu machen. Einen Autounfall konnte ich anschließend glücklicherweise verhindern!
Titelbild: Das zweite Banner in Halbzeit 2.

Ein Kommentar zu “Tuchel kritisiert beleidigendes Banner in der Südkurve”