Die Verpflichtung von Alexander Nübel wurde 2020 als Coup des FC Bayern gefeiert, der sich jedoch immer mehr zum riesigen Missverständnis entwickelte. Die aktuelle FCB-Torwartsituation.
Als Alexander Nübel zur Saison 2020/21 ablösefrei vom Ligakonkurrenten Schalke 04 zum FC Bayern wechselte, galt der ehemalige U21-Nationaltorhüter (17 Länderspiele von 2017 bis 2019) als eine der großen deutschen Hoffnungen auf der Schlussmannposition und als potenzieller Nachfolger von Manuel Neuer. Obwohl sich der damals 34-Jährige in Höchstform befand, sein Team zum sechsten Champions-League-Sieg der Vereinsgeschichte führte und zum fünften Mal zum Welttorhüter gewählt wurde, soll der damalige FCB-Sportvorstand Hasan Salihamidzic Nübel bei der Verpflichtung Versprechungen hinsichtlich garantierter Einsatzzeiten gegeben haben.
Dies wurde seitens des Rekordmeisters nie offiziell bestätigt, könnte jedoch aufgrund von Aussagen aus dem Umfeld des gebürtigen Paderborners durchaus so gewesen sein. Ein erstes großes Missverständnis. Tatsache ist, dass Nübel in seiner ersten und auch einzigen Spielzeit für den Rekordmeister auf wettbewerbsübergreifend lediglich vier Spiele kam – nur eines davon in der Bundesliga. Obwohl er damit Deutscher Meister sowie Klubweltmeister und deutscher wie europäischer Supercupsieger wurde, zeigte sich der damals 24-Jährige mit seiner Situation in München alles andere als zufrieden.
Nübel offiziell sechs Jahre lang Bayern-Spieler – davon nur ein Jahr in München
So ließ sich der heute dreifache deutsche A-Nationaltorwart anschließend für zwei Jahre (2021-2023) zum Ligue-1-Nobelverein AS Monaco ausleihen. Beim FCB kam Sven Ulreich nach einem Jahr als Stammtorwart des Hamburger SV wieder als Vertreter von Neuer zurück – eine Kombination, die wesentlich besser passte und harmonierte. Während Ulreich die Rolle als klare Nummer 2 immer akzeptierte, war diese für Nübel ganz offensichtlich ein No-Go.
Diese Einstellung zeigte sich auch, als Neuer nach seinem komplizierten Unterschenkelbruch bei einem Skiunfall Anfang Dezember 2022 für fast ein komplettes Jahr ausfiel. Die Bayern wollten Nübel ein halbes Jahr vor dem geplanten Leihende in Monaco zurückholen. Er wäre wohl zwischenzeitlich zur Nummer 1 beim Rekordmeister geworden oder hätte sich zumindest mit Ulreich um diese Position duelliert. Nübel zeigte jedoch kein Interesse.
Der Ex-Schalker hatte bereits in der Vergangenheit gegenüber dem kicker angegeben, erst eine klare Perspektive beim FC Bayern haben zu wollen und eine Konstellation gemeinsam mit Neuer persönlich auszuschließen. Darüber hinaus gab Nübel gegenüber verschiedenen Medien an, nicht mehr mit Bayerns Torwarttrainer Toni Tapalovic, einem engen Vertrauten und guten Freund Neuers, zusammenarbeiten zu können. Kurze Zeit später wurde der langjährige FCB- (2011-2023) und heutige Barca-Torwarttrainer entlassen. Möglicherweise auch ein Grund dafür, dass das Verhältnis zwischen Nübel und Neuer nicht das allerbeste sein soll.
Nübel als FCB-„Kostenverursacher“
Die Verweigerungshaltung von Nübel verschaffte dem FC Bayern im Januar 2023 viel Stress bei der Torhütersuche und letztendlich auch erhebliche Kosten: Gladbachs Stammkeeper Yann Sommer wurde für eine Ablösesumme von 9 Millionen Euro verpflichtet – und im Sommer 2023 für lediglich 6,9 Millionen Euro an Inter Mailand verkauft. Ein Verlustgeschäft.
Der Schweizer Nationaltorhüter ging also wieder, Nübel wollte trotz Rückkehr aus Monaco nicht bleiben. Nach wie vor war er nicht dazu bereit, den Zweikampf mit Neuer zu wagen, obwohl der zum Saisonstart 2023/24 noch längst nicht einsatzfähig war. So mussten die Verantwortlichen an der Säbener Straße wieder handeln, und sie verpflichteten den israelischen Nationalkeeper Daniel Peretz für 5 Millionen Euro von Maccabi Tel Aviv.
Spätestens im Sommer 2023 hätten die Bayern unter dem Kapitel Nübel einen Schlussstrich ziehen müssen: Dieser ließ sich jedoch erneut verleihen, zum VfB Stuttgart. Anders als die Monegassen waren die Schwaben jedoch nicht dazu bereit (fähig?), das komplette hohe Gehalt von Nübel zu übernehmen. Dieses wurde anschließend drei Jahre lang zu einem größeren Prozentsatz vom Rekordmeister übernommen. Im Sommer 2023 betrug Nübels Marktwert 8 Millionen Euro, mit einem Verkauf zu dem Zeitpunkt hätte der FC Bayern diese Personalie verlustfrei abgeschlossen.
Offenbar war man an der Säbener Straße aber für einen ziemlich langen Zeitraum der Meinung, Nübel könnte tatsächlich noch Neuers Nachfolger werden. Als jedoch Ende Januar 2025 der 21-jährige Jonas Urbig für 7 Millionen Euro vom damaligen Zweitligisten 1. FC Köln geholt wurde und dieser sich sehr schnell beim FC Bayern auf eindrucksvolle Weise bewährte, änderte sich diese Ansicht ziemlich rasch. Urbigs Torwartspiel, speziell sein Spielaufbau, der mittlerweile bereits Neuers Qualität übertrifft, passt perfekt zum Spielsystem des Rekordmeisters.
Urbig ist die Zukunft des FC Bayern, überfällige Trennung von „Missverständnis“ Nübel
Jonas Urbig wird – unter Neuers Mithilfe – als künftige Nummer 1 des FC Bayern behutsam aufgebaut. Viele sehen in ihm auch den Torwart der deutschen Nationalmannschaft in der näheren Zukunft. Das wurde so auch Nübel, der in München noch einen Vertrag bis 2030 (!) gehabt hätte, mitgeteilt.
Nübel akzeptierte zwar diesen Umstand, fügte dem FC Bayern mit seiner Verhaltensweise aber auch bei seinem Abgang noch einen erheblichen finanziellen Schaden zu. Obwohl er sich in den drei Jahren Stuttgart nach eigenen Worten sehr wohlfühlte, und der Pokalfinalist ihn auch gerne behalten hätte, scheiterte diese Option an den Gehaltsvorstellungen des bald 30-Jährigen.
Am Mittwochabend verkündete der Rekordmeister auf seiner Homepage den Wechsel Nübels zu Besiktas Istanbul, dem Tabellenvierten der vergangenen SüperLig-Saison. Die Ablösesumme soll sich mit künftigen Bonuszahlungen bei einem aktuellen Marktwert von 12 Millionen Euro knapp im zweistelligen Millionenbereich befinden. Außerdem muss der FC Bayern an den Spieler eine Abfindung zahlen, weil der in der türkischen Metropole wesentlich weniger als in München verdienen wird.
Nübels Haltung produziert dabei einige Verlierer: Für ihn selbst stellt der Wechsel vom VfB nach Istanbul einen sportlichen Abstieg dar. Stuttgart verliert seinen Stammtorwart und der FCB zahlt finanziell drauf. Vielleicht gehen die Bayern letztlich dennoch als die Gewinner aus der Geschichte heraus. Urbig ist mit seinem riesigen Talent nicht nur der potenzielle Nachfolger von Neuer für viele Jahre: Wenn der FCB-Plan mit ihm tatsächlich umgesetzt werden kann, dann war seine Verpflichtung auch ein absolutes „Schnäppchen“. Die Chancen auf ein Gelingen stehen dabei keineswegs schlecht. Das Vertrauen in den mittlerweile 22-Jährigen ist an der Säbener Straße definitiv riesengroß.
