Deutschlands WM-Debakel: Wie sich eine Nation selbst belügt

Die DFB-Elf gehörte bei der WM 2026 gewiss nicht zu den Favoriten, dennoch war das frühe Ausscheiden ein Schock. Ein Kommentar zur nun stattfindenden „gnadenlosen Abrechnung“.

Einen deutschen Fußball-Weltmeister 2026 konnten sich wohl nicht einmal die Superoptimisten unter den wirklich Fachkundigen vorstellen. Seit der Turnier-Auslosung Ende 2025 kursierte das Szenario eines Ausscheidens im WM-Achtelfinale, wenn mit Frankreich einer der absoluten Topfavoriten als Gegner auf das DFB-Team warten würde. Im Falle eines heiß umkämpften knappen Ausscheidens wäre die Kritik an Julian Nagelsmann und seiner Truppe wohl eher dezent, wenn nicht ganz ausgefallen. Aber aufgrund der großartigen Form der Equipe Tricolore schien zuletzt auch eine heftige Abreibung und darauffolgend eine vernichtende öffentliche Abrechnung mit dem aktuellen Team des viermaligen Weltmeisters im Bereich des Möglichen.

Nach der Sechzehntelfinal-Schmach gegen eine sehr limitierte Mannschaft aus Paraguay erfolgt dieses Worst-Case-Szenario nun schon fünf Tage früher. Am heftigsten erwischt es dann immer den verantwortlichen Bundestrainer. Dies mussten schon Nagelsmanns Vorgänger Jogi Löw und Hansi Flick, der eine Weltmeistercoach von 2014, der andere einer von zwei Sextupeltrainern der Fußballweltgeschichte, so über sich ergehen lassen. Das war früher aber auch den Legenden Helmut Schön, Jupp Derwall und Rudi Völler so passiert. Nur scheint es von Mal zu Mal immer extremer in den Ausmaßen zu werden.

Nagelsmann: Vom Hoffnungsträger zum heftig kritisierten „Versager“

War der Ex-FCB-Trainer zu Beginn seiner Tätigkeit noch so etwas wie der große Hoffnungsträger gewesen, scheint er mittlerweile gar nichts mehr richtig gemacht zu haben. Selbst Aussagen nach der sportlich gelungenen EM 2024, dass der WM-Titel in zwei Jahren das Ziel wäre, fliegen ihm nun um die Ohren. ZDF-Expertin Fritzy Kromp kritisierte Nagelsmann gar, er hätte Nick Woltemade „gekillt“, weil er den Newcastle-Profi zum Elfmeterschießen hatte antreten lassen. Ganz ehrlich: Abstrus. Der neben ihr sitzende Christian Streich schwieg dazu etwas betreten.

Das derart frühzeitige Ausscheiden ist natürlich für Fußball-Deutschland ein Schock. Aber auch deswegen, weil die Leistungen vor dem Turnier, darunter das 6:0 gegen die Slowakei im entscheidenden WM-Quali-Spiel und die Testspielsiege über die WM-Teilnehmer Schweiz (4:3), Ghana (2:1) und USA (2:1), durchaus ansprechend waren. Mit den beiden Siegen über Curacao (7:1) und die Elfenbeinküste (2:1) zum Turnierstart stand die DFB-Elf nur einen Erfolg vor der Einstellung des Allzeit-DFB-Rekords mit zwölf Siegen in Folge. Diese Serie hat ganz offensichtlich eine trügerische Hoffnung geweckt, die nun auf bitterste Weise enttäuscht wurde.

Bei der Nominierung des 26-Mann-Kaders handelten Nagelsmann und sein Team ganz sicher mit bestem Gewissen nach dem Motto „wir wollen das Unmögliche schaffen und Weltmeister werden“. So ist auch das heftig kritisierte Comeback des „Torwart-GOAT“ Manuel Neuer zustande gekommen. Es blieb wirkungslos bzw. war nicht von entsprechendem Erfolg gekrönt, auch wenn das zum Ende des Elfmeterschießens gegen Paraguay plötzlich doch möglich schien.

Noch vor den K.-o.-Spielen gab es Stimmen, die die Nichtnominierung des Kölners Said El Mala monierten. Der Spielstil des 19-Jährigen hätte aber gar nicht zu den ekelig verteidigenden Südamerikanern gepasst. Die Verletzungen von Serge Gnabry, Lennart Karl und Nico Schlotterbeck waren bitter, ihre Verfügbarkeit hätte aber wohl nicht entscheidend zu einem wesentlich besseren deutschen Abschneiden beigetragen. Denn wenn die beiden einzigen deutschen Weltklassespieler Jamal Musiala und Florian Wirtz so weit entfernt von ihrer Bestform sind wie in den USA, dann kann mit den derzeit verfügbaren deutschen Fußballern auch der weltbeste Coach ziemlich wenig erreichen.

Lange Liste der potenziellen Nagelsmann-Nachfolger mit Klopp an der Spitze

Nagelsmann müsste fast schon ein Masochist sein, wenn er trotz des heftigen Mobbings gegen ihn das Bundestraineramt weiterhin ausüben möchte. Ob neben dem 40-jährigen Neuer auch die zahlreichen anderen zum Rücktritt aufgeforderten Nationalspieler, allen voran Antonio Rüdiger, Leroy Sané, Leon Goretzka, aber auch Serge Gnabry und Kapitän Joshua Kimmich, diesem nicht immer sachlich vorgetragenen Rat folgen werden, bleibt abzuwarten. Der eine oder andere wird gewiss seinen Schlussstrich ziehen.

In der Öffentlichkeit werden schon ganze Listen mit Vorschlägen für die Nagelsmann-Nachfolge gehandelt. Viele der gehandelten Kandidaten haben selbst eine erstaunlich lange Liste an eigenen Entlassungen vorzuweisen. Der Topkandidat ist aber natürlich Jürgen Klopp, der vielleicht deswegen schon eine schweißgebadete Nacht hinter sich gebracht hat, in der ihn der Albtraum von der gescheiterten EM-Qualifikation 2028 gequält hat. Auch Christian Streich wurde von Katrin Müller-Hohenstein in der ZDF-Expertenrunde ins Gespräch gebracht, woraufhin die Freiburg-Legende ganz nervös wurde.

Wer nun tatsächlich meint, ein Trainerwechsel würde die deutsche Nationalmannschaft wieder so richtig auf Erfolgskurs bringen, tut dies aus einer gewaltigen Naivität heraus. Auch der neue „Heilsbringer“ wird sich die Haare raufen, wenn er feststellen muss, dass „Notnagel“ Kimmich wirklich die derzeit einzig vernünftige Alternative auf der Rechtsverteidigerposition ist, obwohl dort seine Skills wenig zum tragen kommen, seine Schwächen aber gefährlich werden können.

Nicht nur Fußball: Die Sportnation Deutschland bricht in vielen Sportarten ein

Es werden nun auch die Strukturen der heutigen Leistungszentren im deutschen Nachwuchsfußball scharf kritisiert, man vermisst die Straßenfußballer. Das ist aber gewiss nicht die Schuld dieser NLZ, denn diese wurden eher an die Millionen an Playstations verloren. Der Einbruch des deutschen Spitzenfußballs hinsichtlich nationaler Spieler ist schließlich auch kein spezifisches deutsches Fußballphänomen. Er betrifft auch zahlreiche andere Sportarten, in welchen die Deutschen „früher“ Weltspitze waren.

Der Einbruch des deutschen Spitzensports in vielen Bereichen wird bestens durch die Medaillenspiegel der Olympischen Spiele seit 1992 dokumentiert. Bei den Winterspielen in Albertville und den Sommerspielen in Barcelona traten damals zum ersten Mal nach der Wiedervereinigung gemeinsame deutsche Mannschaften an. Und dies äußerst erfolgreich: Während die Winterolympioniken den ersten Platz belegten, fanden sich die Sommerathleten auf einem beachtlichen dritten Rang im Medaillenspiegel wieder.

Dass speziell durch das Erstarken der Chinesen diese Stellung bei den Sommerspielen nicht gehalten werden konnte, ist wenig verwunderlich, die gesamte Entwicklung jedoch äußerst negativ. In Atlanta 1996 konnte noch einmal der dritte Platz hinter den US-Amerikanern und Russen gehalten werden, von 2000 bis 2016 belegten die deutschen Sommerolympioniken in der Gesamtwertung immer abwechselnd den fünften und sechsten Rang. 2020(2021) in Tokyo war es nur noch der neunte, 2024 in Paris – trotz Russlands Abwesenheit – nur noch der zehnte Platz. Wohin die weitere Tendenz geht, ist klar.

Oberflächlich betrachtet stehen die Wintersportler besser da: Von 1992 bis 2022 belegten sie im Medaillenspiegel mit zwei Ausnahmen immer einen der ersten beiden Plätze. Bei den diesjährigen Spielen in Mailand und Cortina d´Ampezzo war es nur noch der fünfte Rang im Endklassement. Und wären die deutschen Athleten im Eiskanal nicht gar so überragend, wäre der Absturz der Wintersportler sogar ein ganz krasser.

Nicht nur im Fußball, im gesamten Leistungssport, verliert die früher große Sportnation Deutschland immer mehr den Anschluss. Es fehlt der Nachwuchs, so zum Beispiel auch bei den extrem populären Biathleten und Skispringern. Nicht überall, aber sehr häufig, stehen dann die Trainer in der Kritik. Wenn man diese generelle Situation betrachtet, offensichtlich häufig aber zu unrecht. Auch in anderen Sportarten verzweifeln derzeit die Flicks und Nagelsmänner, künftig vielleicht auch Klopps. Und wer denkt, dass selbst größere personelle Veränderungen im DFB einen Weltmeister in 2034 oder 2038 ermöglichen können, der ist naiv und lügt sich selbst in die Tasche. Die (gesellschaftlichen) Probleme in Deutschland sind viel komplizierter und umfangreicher.

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