Wie sehr bereut Manuel Neuer mittlerweile seine WM-Teilnahme?

Nicht nur im Fußball werden in der heutigen Gesellschaft die Helden schnell und extrem hoch gelobt – und noch schneller gnadenlos fallen gelassen. Kommentar zum Fall Neuer.

Deutschland ist in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften neben Brasilien die erfolgreichste Nation. Während die Südamerikaner mit fünf Titeln der Rekordweltmeister sind, stand die DFB-Elf am häufigsten im Finale: Acht Mal (4 Siege / 4 Niederlagen). Aktuell hinken jedoch beide Nationalteams, insbesondere die des DFB, den weltbesten Mannschaften sportlich arg hinterher, während die Ansprüche der heimischen Fans sich immer noch an den Erfolgen früherer Erfolgszeiten orientieren.

In Brasilien versucht man es bei der WM 2026 nach 24 Jahren ohne Endspielteilnahme erstmals mit einem ausländischen Coach (Carlo Ancelotti) und mit dem 34-jährigen Neymar, der zuvor drei Jahre lange kein Länderspiel bestritt. Zur „zarten deutschen Hoffnung“ scheint dagegen der 40-jährige Manuel Neuer auserkoren worden zu sein: Ein bisschen nach dem Motto: „Wir haben keine (WM-)Chance, wollen die aber mit etwas Verrücktem wahrnehmen“.

Deutschland schon lange kein Turnierfavorit mehr

Der Weltmeister von 2014 hatte nach der Heim-EM 2024 seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt – und dies ganz gewiss ohne Comeback-Absichten. Die DFB-Elf durchlebte seitdem ein Wellental: Erstmals seit Einführung des Wettbewerbs gelang die Qualifikation für das Final Four der Nations League. Das Heimturnier beendete sie jedoch nach zwei ernüchternden Niederlagen gegen Portugal und Frankreich auf dem letzten Platz – und die WM-Qualifikation begann mit einer Blamage in der Slowakei (0:2).

Das „italienische Horrorszenario“ einer verpassten WM konnte Julian Nagelsmanns Team jedoch mit fünf nachfolgenden Siegen verhindern, die nicht immer überzeugend waren. Der abschließende Kantersieg über die Slowaken (6:0) nährte aber wieder Hoffnungen für das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko. Ebenso, dass Florian Wirtz langsam in der Premier League Fuß fassen konnte, und dass Jamal Musiala nach langer Verletzungspause wieder in alter Form zurückkommen würde.

Schon im Frühjahr war aber klar, dass Deutschland mit den zur Verfügung stehenden Spielern keineswegs zu den WM-Favoriten zählen würde. Formtiefs und Verletzungen von Leistungsträgern bremsten jegliche Euphorie in Fußball-Deutschland aus. Obwohl die Torwartposition mit dem soliden Hoffenheimer Oliver Baumann gewiss keine Schwachstelle im Team darstellte – wie beispielsweise die des Rechtsverteidigers -, konnte der 36-Jährige nicht ansatzweise die Tradition der deutschen Weltklassekeeper mit Sepp Maier, „Toni“ Schumacher, Andreas Köpke, Oliver Kahn und Manuel Neuer fortsetzen.

Ter Stegens Ausfall bringt Nagelsmann in die Bredouille

Dafür war eigentlich der damalige Kapitän des FC Barcelona, Marc-Andre ter Stegen, vorgesehen. Aber die Verletzungsmisere des „Kronprinzen“ von Neuer nahm zuletzt schon tragische Züge an. Als es Gewissheit war, dass der ehemalige Gladbacher keine Option für die WM 2026 sein würde, muss Nagelsmann & Co. die Idee mit der Rückkehr von Neuer gekommen sein. Und dies, obwohl der für viele Experten beste Torhüter aller Zeiten mittlerweile ziemlich verletzungsanfällig geworden war, und er zwar immer wieder seine Weltklasse (CL-Viertelfinale in Madrid) zeigen konnte, aber auch den einen oder anderen Aussetzer hatte (Rückspiel).

Es ist nicht bekannt, ob der 40-Jährige von Beginn an von dieser verwegenen Idee überzeugt war oder gar überredet werden musste, allen Beteiligten war aber sicherlich immer das immense Risiko dieser Aktion bekannt. Die Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns – traditionell in Deutschland mit einem Turnierabschluss ohne Titel gleichzusetzen – ist wesentlich größer als dass Neuer aus dem Abenteuer erfolgreich herauskommen wird.

Die Entscheidung, Neuer als Nummer 1 zu nominieren, war sehr mutig. Es ist die Entscheidung, alles auf eine Karte zu setzen – übrigens für einen WM-Triumph Deutschlands. Nagelsmann, Neuer & Co. waren sich dabei sicherlich dessen bewusst, dass sie in der Öffentlichkeit dafür viel mehr Kritik als Lob bekommen würden. Übrigens vollkommen unabhängig davon, auf welche Weise diese doch kleine Sensation verkündet werden würde.

Nach Ecuador-Pleite: Neuer der Buhmann

Nachdem der Bayern-Kapitän wegen seiner Wadenverletzung die letzten Testspiele gegen Finnland (4:0) und die USA (2:1) noch verpasst hat und in diesen solide von Baumann vertreten worden ist, ist seine aktuelle Situation ganz bitter: Obwohl Deutschland – als Gruppensieger – erstmals seit 2014 wieder für die K.-o.-Spiele qualifiziert ist, hat er nach der 1:2-Pleite gegen Ecuador quasi die Rolle des Buhmanns von Leroy Sané übernommen. Dieser konnte schließlich als einziger deutscher Torschütze nach der Partie nicht mehr dafür missbraucht werden.

Die Argumente der größtenteils scharfen Kritiker sind simpel: In drei WM-Spielen bekam Neuer sieben Schüsse auf sein Tor, vier davon zappelten im Netz. Schon der abgefälschte Ball beim Ausgleichstreffer von Curacao wurde ihm teilweise angelastet. Nun gegen den Zweiten der Südamerika-Quali musste er zunächst einen Schuss passieren lassen, den er nur ganz spät sehen konnte, weil er – scharf geschossen – durch die Beine von Pavlovic ging. Und beim 1:2 verhielt er sich aus Torwartsicht grundsätzlich richtig, musste sich auf den Ball konzentrieren und konnte nicht ahnen, dass ein ecuadorianisches Bein aus dem „toten Winkel“ dazwischen funken würde.

Er selbst hat die Szenen plausibel erklärt. Trainer, Mitspieler und Ex-Profis sprechen ihn von Schuld frei, die deutsche Fußball-Öffentlichkeit ist mit diesen „Ausreden“, mit diesem „unnötigem In-Schutz-nehmen“, jedoch nicht einverstanden. In den Social Media wünschen sich manche „Fans“ sogar, dass Deutschland nach einem Fehler von Neuer aus dem Turnier ausscheiden soll.

Deutschland wird mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht Weltmeister. Das wird aber kaum an einem patzenden Manuel Neuer liegen. Deutschlands Chance auf den fünften Titel wären auch mit Baumann äußerst gering, wohl sogar noch geringer. Der Hoffenheimer hatte beim 4:3-Testspielsieg über die Schweiz übrigens auch so ein bitteres Torwartspiel – drei Gegentore, keine Möglichkeiten, sich selbst auszuzeichnen.

Neuer und Nagelsmann, die weder „arrogant“ noch „überheblich“ gehandelt haben, werden sich bereits jetzt Gedanken machen, ob es das Risiko wirklich wert war. Übersteht die DFB-Elf das Sechzehntelfinale (wahrscheinlich gegen Paraguay), wartet wohl Frankreich im Achtelfinale … mit Kylian Mbappé, Michael Olise, Ousmane Dembélé etc…

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