Nagelsmann hat bei Undav alles richtig gemacht: Muss er trotzdem umstellen?

Julian Nagelsmann hat mit seiner Kritik an Deniz Undav nach dem Ghana-Spiel Fußball-Deutschland verärgert. Obwohl er dabei völlig richtig lag, wird er erneut zu Änderungen gedrängt. Ein Kommentar.

Deniz Undav zählt aktuell zu den populärsten Spielern in der Bundesliga. Wer ihn kritisiert, dem droht in der deutschen Fußball-Öffentlichkeit ein Sturm der Entrüstung. Dies ist Bundestrainer Julian Nagelsmann nach dem 2:1-Sieg der DFB-Elf im WM-Testspiel gegen Ghana im März in Stuttgart passiert. Der schon vor der Partie vehement von seinem Heimpublikum geforderte Undav wurde zur Halbzeit eingewechselt und erzielte kurz vor Spielende auf Vorlage von Leroy Sané den Siegtreffer. In seiner Euphorie ließ sich der VfB-Stürmer unmittelbar nach dem Schlusspfiff zu einer Aussage hinreißen, die wie eine Startelfforderung klang. Dies missfiel Nagelsmann sichtbar, wofür er wiederum teilweise scharf kritisiert wurde.

Dem Bundestrainer stieß damals das forsche Auftreten Undavs auf, da dieser ihn selbst damit in der Öffentlichkeit unter Druck setzte. Eine Wahrheit des Sieges über die Westafrikaner war nämlich auch, dass Undav von seiner Einwechslung bis zu seinem Treffer in der 88. Minute quasi nicht am deutschen Spiel teilnahm. Hätte er nicht getroffen, hätte er sich die schlechteste Note im DFB-Team verdient. Nagelsmann wies darauf hin und erklärte der deutschen Fußball-Öffentlichkeit Undavs zugedachte Rolle als Joker. Weil er dabei auch etwas pampig wirkte, erlitt er nachfolgend einen Shitstorm.

Mit jedem Tor wird Undavs Startelfeinsatz vehementer gefordert

Obwohl Nagelsmann seinen Spieler absolut korrekt eingeschätzt hatte, hallt die Geschichte im Grunde genommen immer noch nach – und nimmt bei der Weltmeisterschaft weiter an Fahrt auf: Weil er nach seiner Einwechslung gegen Curacao in der 64. Minute beim Stand von 4:1 noch an den folgenden drei Toren beteiligt war (ein Tor, zwei Vorlagen), wurde sein Startelfeinsatz gegen die Elfenbeinküste gefordert. Beim 2:1-Sieg über die Ivorer (Einwechslung 60. Minute) stockte er seine famose WM-Bilanz um weitere zwei Treffer auf und wurde zurecht als Matchwinner gefeiert.

Unmittelbar nach dem Abpfiff der Partie wurde fast schon mehr sein Startelfdebüt gegen Ecuador gefordert, als dass der späte, aber verdiente Sieg der Deutschen gefeiert wurde. Das Argument ist scheinbar ganz simpel: Fünf Scorerpunkte in gerade einmal 56 Spielminuten. Die insgesamt 14 Minuten Nachspielzeit in beiden Partien werden zur Statistik-Schönfärberei dabei sogar vernachlässigt, denn Undav muss künftig von Anfang an spielen. Ohne diese wäre der Siegtreffer gegen die Elfenbeinküste jedenfalls nicht gefallen.

Undavs WM-Bilanz hört sich dennoch nicht nur fantastisch an, sie ist es tatsächlich. Aber ist er deswegen wirklich der perfekte Spieler für die Startformation? Die Kandidaten, die nun für ihn weichen sollen, sind vor allem Leroy Sané und Jamal Musiala. Beide agieren beim Turnier (noch) nicht auf ihrem höchsten Level. Dies trifft jedoch auch auf die anderen beiden deutschen Startspieler in der Offensive, Florian Wirtz und Kai Havertz, zu. Trotzdem erfüllen alle vier ihre Vorgaben: immer wieder Druck auf die gegnerische Verteidigung ausüben und unverdrossen anlaufen, auch wenn vieles nicht gelingen mag.

Die deutschen Offensivspieler müssen stets viel Laufarbeit verrichten, auch defensiv. Speziell Sané wird hierfür absolut zurecht immer wieder gelobt. Das kostet Körner – und ermüdet die Gegenspieler. Nagelsmann wurde für seine drei „spielentscheidenden“ Einwechslungen nach einer Stunde gelobt: Undav, Nadiem Amiri und Jamie Leweling für Musiala, Aleksandar Pavlovic und Sané. Bereits acht Minuten später führte eine großartige Flanke von Amiri auf Undav zum Ausgleichstreffer. Die Einwechselspieler die Gewinner, die ausgewechselten Spieler die Verlierer?! Einseitig und ungerecht.

Sehr auffallend war nämlich, dass sich nach den Spielerwechseln sofort größere Räume für die DFB-Elf auftaten: Die frischen deutschen Offensivkräfte profitierten ganz offensichtlich von den Ermüdungserscheinungen seitens der Ivorer. Amiri und Leweling ist dabei durchaus auch die Laufarbeit der ausgewechselten Spieler zuzutrauen – aber auch dem Goalgetter Undav? Kann er zu einem System beitragen, welches auch auf ein Müde-spielen der Gegner hinarbeitet? Zumindest Defensivaktionen à la Harry Kane oder Sané sind von ihm nicht bekannt.

Für Experten bleibt Undav weiterhin der perfekte Joker

Während in der deutschen Fußball-Öffentlichkeit ein Startelfeinsatz von Undav nun noch stärker gefordert wird, sehen das die Experten größtenteils ganz anders. So würde die Freiburg-Trainerlegende Christian Streich auf alle Fälle an Leroy Sané in der Startelf gegen Ecuador festhalten und „mit Deniz Undav reden“. Der TV-WM-Experte beim ZDF weiß, wovon er spricht: Unter ihm wurde Nils Petersen zum erfolgreichsten Joker der Bundesligahistorie. Eine überragende Erfolgsgeschichte für alle Beteiligten.

Auf MagentaTV sah FCB-Ikone Thomas Müller zwar nun eine Chance für einen ersten Startelfeinsatz von Undav, grundsätzlich hält er die Joker-Option für Undav aber für geeigneter: „Aber wenn man es andersrum sieht, könnte man auch sagen, okay, wenn die müde werden und dann bringe ich ihn wieder ab der 60., dann ist es immer noch ein tiefer Block, aber er muss sich nicht abarbeiten und er behält seinen Flow.“

Kumpel Mats Hummels stimmt zu und erinnert an den deutschen WM-Titel 2014: „Sie können ja mal André Schürrle fragen, ob er glücklich mit 2014 war.“ Der damalige Chelsea-Profi hatte als Einwechselspieler im Halbfinale mit zwei Toren gegen Brasilien geglänzt und als Krönung im Finale den Siegtreffer von Mario Götze gegen Argentinien aufgelegt.

Undav selbst scheint sich mittlerweile mit der „Heldenrolle“ als Joker angefreundet zu haben. Nach der Partie gegen die Elfenbeinküste meinte er: „Wir haben ein gemeinsames Ziel und wenn das gerade so gut funktioniert, liegt es am Bundestrainer. Er trifft die Entscheidungen, und ich glaube, es ist nur wichtig für ihn und auch für die Spieler, die von der Bank kommen, und die, die spielen, dass sie sehen: Okay, dass jeder, der reinkommt, Akzente setzen kann, das Spiel ändern kann.“

Der Bundestrainer selbst ließ nach dem erlösenden Sieg sämtliche Optionen, also auch einen Einsatz von Undav in der Startformation, offen. Nach dem Unentschieden zwischen Ecuador und Curacao kann er lockerer an die Sache gehen, denn der Gruppensieg ist den Deutschen dadurch nicht mehr zu nehmen. Er kann nun gegen die Südamerikaner testen. Mit Chancen und Risiken: Stammspieler könnten geschont werden, der Flow der zuletzt elf siegreichen Partien sollte jedoch dabei auch nicht verloren gehen.

Auf alle Fälle bleibt die Regel bestehen, dass es keine gute Idee ist, ein gut funktionierendes System zu ändern. Folglich sollte Undavs Rolle spätestens ab dem Sechzehntelfinale wieder die des Jokers sein. Zum Besten aller, die es gut mit der DFB-Elf meinen.

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