Der frühere FCB-Spieler Toni Kroos zählt seinen Ex-Klub zu den CL-Favoriten, schließt sich aber bei dessen großer Schwäche zahlreichen Experten an. Ein Kommentar.
„Bayern mischt in der Riege derjenigen Klubs mit, die das gewinnen können“, schätzt Toni Kroos in seinem Podcast „Einfach mal Luppen“ die Chancen des Rekordmeisters auf den Triumph in der Fußball-Königsklasse ein. Gleichzeitig warnt der 36-Jährige den Rekordmeister, weil er seiner Meinung nach „sehr viele Gegentore nach Standards“ bekommt. „Es ist ungewöhnlich viel und kann dir eine eigentlich gute Saison schnell beenden.“
Beim 3:2-Sieg in Dortmund kassierten die Münchner ihr siebtes Bundesliga-Gegentor nach einem Standard, was bei insgesamt 23 Gegentoren fast einem Drittel entspricht. Deshalb der Weltmeister von 2014: „Dortmund hat eine Schwäche der Bayern aus den letzten Wochen ausgenutzt. Die Bayern müssen sich in der Hinsicht deutlich verbessern“, so Kroos, und prophezeit, dass dies gegen Teams wie Real Madrid oder Paris Saint-Germain fatale Folgen haben könnte. Denn „viele Spiele werden heutzutage durch Standards mitentschieden.“
Die Real-Legende meint dabei beim FC Bayern eine negative Tendenz zu erkennen. Sein Bruder Felix stimmt ihm zu, meint aber, dass die Bayern noch die Zeit hätten, um ihren Fokus auf diese Problematik zu richten: „Es ist vielleicht auch gut, wenn man solche Ansätze findet. Wir reden davon, dass sie die Spannung hochhalten müssen. Da haben sie einen Ansatz.“
Beim FC Bayern wird keine Standard-Schwäche konstatiert
Aber haben die Kroos-Brüder – wie so viele andere Experten – überhaupt recht, wenn sie diese „fatale Schwäche“ ansprechen? Zunächst einmal hat sich Toni geirrt, wenn er behauptet, der BVB hätte bei seinem Führungstreffer zum 1:0 von Nico Schlotterbeck diese FCB-Schwäche der letzten Wochen ausgenutzt. Tatsächlich war dieser Kopfball das einzige Gegentor aus einem Standard im Monat Februar für die Mannschaft von Vincent Kompany.
Der FCB-Chefcoach hat in dieser Dauerdebatte selbst einen ganz anderen Ansatz: Er verweist lieber auf die Stärke seines Teams bei Offensiv-Standards. So liegt der Rekordmeister mit zwölf Kopfballtoren in dieser Disziplin zusammen mit Dortmund an der Ligaspitze.
Der Belgier argumentiert in diesem Kontext bevorzugt positiv, indem er stets die Offensivpower seines Teams lobt. Ein wettbewerbsübergreifendes Torverhältnis von 124:37 Toren aus 37 Partien bestätigt ihn eindrucksvoll. Dabei hat man bereits fast alle BL-Topteams doppelt bespielt, die schwersten Gegner in der CL-Ligaphase gehabt, einen sehr anspruchsvollen Pokalweg bestritten und den deutschen Supercup auswärts bei Pokalsieger Stuttgart gewonnen.
Triple-Sieger 2020 hatte auch eine „Standard-Schwäche“
Zudem hat die Recherche nach den Gegentoren per Standard – die angebotenen Statistiken sind nicht einheitlich – eine sehr interessante Information zum Vorschein gebracht: Bereits in der Triple-Saison 2019/20 unter Hansi Flick wurde dieselbe „FCB-Schwäche“ von kicker & Co. thematisiert: Der Rekordmeister kassierte nach 21 Spieltagen acht seiner 23 Gegentore nach einem Standard: Das waren damals 35 Prozent!
Trotzdem folgten anschließend die sehr souveräne Meisterschaft, der bislang letzte Pokalsieg, der Champions-League-Triumph, deutscher und europäischer Supercup-Gewinn und ein paar Monate später der zweite Klub-WM-Sieg. Zusammengefasst: Das erste Sextupel der Vereinsgeschichte, welches außerdem im Weltfußball nur dem FC Barcelona (2009) gelungen war.
Relativierung von Standard-Toren und – Gegentoren
Die Standards werden beim FCB dennoch ein Thema sein bzw. bleiben. Möglicherweise aber etwas unaufgeregter, als dies von außen zu vermuten wäre. Die Art der Tore wie der Gegentore spiegelt auch die Spielweise, die auf den jeweiligen Gegner ausgelegte Taktik, wider. Viele Kontrahenten werden bereits vor der Partie gegen die Münchner feststellen, dass es auf spielerische Weise schwierig werden könnte, sich bis zum FCB-Tor durchzuspielen. „Hoch und weit aus allen Lagen“ lautet dann häufig die Devise. Natürlich manchmal auch erfolgreich.
Kompanys Team versucht dagegen in der Regel, den gegnerischen Abwehrriegel, nicht selten ein Bollwerk, auf spielerische Weise zu knacken. Bei einem Torschnitt von über 3,35 in den 37 Pflichtspielen offensichtlich auch erfolgreich. So werden wesentlich weniger Standards als bei der Konkurrenz sofort und direkt vor das gegnerische Tor gebracht. Ein eigener Treffer über zehn, 15 Stationen nach einem Eckball oder Freistoß zählt dann auch nicht mehr zu den Standardtoren. 124:37 Tore sprechen dennoch eine ganz eindeutige Sprache.
