Infantinos „Fußballherz“: Bayern-Bosse mit komplett unterschiedlicher Meinung

FIFA-Boss Gianni Infantino dürfte bei den Fußballfans der wohl unbeliebteste Funktionär der Geschichte sein. Beim FC Bayern herrscht über ihn keine einheitliche Meinung. Ein Kommentar.

FIFA-Präsident Infantino steht permanent in der Kritik der Fußballfans und der Politik, insbesondere wegen seines Umgangs mit Menschenrechten, der WM 2022 in Katar und der von ihm angedachten Rückkehr Russlands in den internationalen Fußball. Dem 55-jährigen Schweizer werden nicht zuletzt seine Doppelmoral, die Schwächung von Kontrollinstanzen und ein autoritärer Führungsstil vorgeworfen. Gleichzeitig treibt er aufgeblähte und lukrative, damit umstrittene Turnierformate wie die Klub-WM voran. Die Ticketpreise für die anstehende WM in den USA, Mexiko und Kanada erreichen skandalöse Höchstwerte.

Selbst sein ebenso stets als korrupt geltender Vorgänger Sepp Blatter wirft seinem Landsmann vor, eine „totale Diktatur“ errichtet zu haben. Der 89-Jährige nennt Donald Trumps Einmischung in die WM-Planung „das Schlimmste, was der FIFA passiert ist“. Und er ruft die Mitgliedsverbände zum Aufstand auf. 

Der ehemalige FCB-CEO und heutige Aufsichtsrat Karl-Heinz Rummenigge äußert sich dennoch höchst lobend über Infantino: „Ich glaube erst mal: Er hat ein Fußballherz. Das ist ja schon mal nicht bei jedem Fußballfunktionär vorhanden – habe ich festgestellt aus eigener Erfahrung“, so der frühere Weltklassestürmer des FC Bayern in einem Interview mit der FIFA anlässlich des bevorstehenden zehnjährigen Dienstjubiläums des FIFA-Präsidenten.

Rummenigge lobt Infantino und spielt die Kritik an ihm herunter

„Er hat ein Fußball-Faible. Ihn interessiert nicht nur das, was ihm immer vorgeworfen wird, die Einnahmenseite, sondern ihn interessiert Fußball wirklich“, so der Europameister von 1980. „Ich habe Gianni immer geschätzt. Auch wenn er mal sauer war auf mich oder ich sauer war auf ihn: Wir haben immer zu einer fairen, seriösen Lösung am Ende gefunden.“

Unter anderem als Vorsitzender der europäischen Club-Vereinigung ECA, die inzwischen EFC heißt, hatte der 70-Jährige mit Infantino zu tun. Dafür ist er dem Schweizer sogar dankbar: „Grundsätzlich war die ECA damals ja eine Erfindung der UEFA. Gianni Infantino war als Generalsekretär hier sehr aktiv tätig. Eigentlich würde ich ihn als Gründer der ganzen Geschichte bezeichnen.“ Infantino war von 2009 bis 2016 Generalsekretär der Europäischen Fußball-Union (UEFA), Rummenigge von 2008 bis 2017 ECA-Chef.

Heftige Hoeneß-Kritik am FIFA-Präsidenten

Ein völlig anderes Bild von Infantino hat Rummenigges jahrzehntelanger Weggefährte beim Rekordmeister, Uli Hoeneß. Der Ehrenpräsident des FC Bayern teilte vor gut einer Woche in einem BILD-Interview kräftig gegen den Schweizer aus. Besonders die Verleihung des neu geschaffenen FIFA-Friedenspreises an US-Präsident Donald Trump bei der WM-Auslosung im Dezember stieß ihm heftig auf: „Mit dieser Preisverleihung kann ich nichts anfangen, sie wirkte deplatziert“. Infantino müsse sich als FIFA-Präsident um den Fußball kümmern, das gestalte sich aus Sicht des 74-Jährigen schon schwer genug. „Ich erwarte von ihm, dass er den Fußball immer in den Vordergrund stellt und alles andere zweitrangig behandelt.“

Für heftiges Kopfschütteln bei den Fußballfans sorgte jüngst auch Infantinos Auftritt bei der ersten Sitzung von Trumps umstrittenem Friedensrat. Der 55-Jährige nahm dabei auf dem Podium Platz, ganz in der Nähe von Argentiniens Präsident Javier Milei und Ungarns Regierungschef Viktor Orbán, der seit langem für heftige Aufregung in der EU sorgt. Der 79-jährige US-Präsident hatte den umstrittenen Friedensrat beim Weltwirtschaftsforum gegründet und sich selbst zum Vorsitzenden auf Lebenszeit ernannt.

Hoeneß das Sprachrohr der Fans

Wie so häufig in den letzten Jahrzehnten spricht der ehemalige Präsident Hoeneß den Fans und Anhängern des FC Bayern wesentlich mehr aus der Seele. Rummenigge gilt dagegen seit Langem als sein sachlich und kühl agierender Widerpart. Dass der Präsident des Fußball-Weltverbands (auch) ein Herz für seinen Sport hat, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Auf welche Weise er sein Amt ausführt, ist für eine riesige Anzahl der Fußballanhänger, zumindest in Europa, eine Schande. Die FIFA wird gewusst haben, warum sie Rummenigge und nicht Hoeneß zum Jubiläums-Interview eingeladen hat.

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