Nach sechs Jahren Pause möchte der FC Bayern endlich wieder den DFB-Pokal gewinnen. Über die spezielle Beziehung des Rekordpokalsiegers zum Wettbewerb.
Die Vorberichte zum DFB-Pokal-Viertelfinale zwischen dem FC Bayern und RB Leipzig lesen sich aus Münchner Sicht fast wie die zum Spiel des Jahres. Jeder in der Münchner Startruppe hat in dieser Spielzeit ganz großen „Bock“ endlich wieder zum Pokalfinale nach Berlin zu fahren, um dort den 21. Titel für den Rekordpokalsieger zu gewinnen. Woher kommt diese riesige Sehnsucht an der Säbener Straße, diesen Wettbewerb zu gewinnen, der objektiv betrachtet aus Perspektive des FC Bayern in der Wertigkeit weit hinter der Champions League und der Deutschen Meisterschaft, dem „ehrlichsten Titel“, angesiedelt ist?
Im allgemeinen Fußball-Sprachgebrauch wird der FC Bayern häufig als (deutscher) Rekordmeister bezeichnet, nur ganz selten als Rekordpokalsieger, obwohl er diesen inoffiziellen Titel schon fast zwei Jahrzehnte länger besitzt. Während die Bayern seit 1986 mit der neunten Meisterschaft mit dem 1. FC Nürnberg als Rekordmeister gleich zogen und seit 1987 alleiniger deutscher Rekordmeister sind, hatten sie im DFB-Pokal bereits 1967 (dritter Titel) denselben bayerischen Rivalen eingeholt und 1969 überholt.
Vereinsinterner Widerstand vor erstem Pokal-Triumph
Schon der erste FCB-Pokal-Triumph 1957 ist dabei bezeichnend für das Verhältnis des Klubs zum Wettbewerb. Weil die Vereinskasse damals so leer war, wollte der Vorstand eigentlich gar nicht am Wettbewerb teilnehmen, um das Geld für die Fahrten zu sparen. Aber der österreichische Trainer des FC Bayern, Willibald Hahn, bestand auf der Teilnahme und konnte so als Belohnung im Finale gegen Fortuna Düsseldorf den ersten FCB-Pokalsieg mit seiner Mannschaft feiern.
Von 1966 bis 1971 waren die aufstrebenden Bayern mit den jungen Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier so etwas wie Pokal-Spezialisten, danach schienen sie aber das große Interesse am Wettbewerb verloren zu haben. Dreimal in Folge wurde anschließend die Deutsche Meisterschaft gewonnen (1972-74) und dasselbe Kunststück gelang dann sogar im Europapokal der Landesmeister, dem Vorgängerwettbewerb der Champions League (1974-76). Zwischen 1971 und 1982 erreichte der Rekordpokalsieger jedoch kein einziges Mal mehr das Pokal-Endspiel.
Von 1982 bis 1986 folgte dann die zweite erfolgreiche Pokalperiode des FC Bayern mit drei Triumphen (1982, 1984, 1986), aber man erfuhr 1985 als haushoher Favorit bei der ersten Austragung des Endspiels in Berlin auch zum ersten Mal, wie bitter sich eine Finalniederlage anfühlt (1:2 gegen Bayer Uerdingen).
Zwölf FCB-Jahre ohne Pokal-Halbfinale
Nach dem Double 1986 dauerte es dann unglaubliche zwölf Jahre, bis man wieder ins Finale einzog und 2:1 gegen den MSV Duisburg gewann. Zwischen 1986 und 1998 war für die Bayern immer spätestens im Viertelfinale Schluss, nicht selten blamierte man sich früh im Wettbewerb gegen unterklassige Vereine.
Von 1998 bis 2020 dann die mit Abstand erfolgreichste Phase in der DFB-Pokal-Historie des FCB: Bei 23 Austragungen stand man 15 Mal im Berliner Finale, nahm zwölfmal den Pott mit nach Hause. Zudem scheiterte man viermal erst im Halbfinale. Bitter der letzte Pokalsieg Anfang Juli 2020 beim 4:2 über Bayer Leverkusen: Dieser fand aufgrund der Corona-Pandemie vor leeren Rängen statt.
Pokalsieg zwischen Selbstverständlichkeit und Trostpreis
In den 2010er Jahren dominierte der FC Bayern, wie dies im deutschen Fußball niemals zuvor der Fall gewesen war. Unter Jupp Heynckes und Pep Guardiola wurden Rekord-Meisterschaften (Punktabstand, Zeitpunkt) eingefahren. Der Pokal nahm dabei eine etwas sonderbare Rolle ein: Ein Final-Triumph des FC Bayern wurde fast schon als Selbstverständlichkeit wahrgenommen, ein vorzeitiges Ausscheiden oder eine Endspielniederlage als „Blamage“ gesehen (FCB-Anhänger) oder mit ausufernder Häme (Medien, gegnerische Fans) bedacht.
In jener Phase war zudem die Erwartungshaltung nach dem überragenden Triple 2013 extrem hoch in München, ein weiterer Triumph in der Champions League wurde sehnsüchtig erwartet – aber bis 2020 nicht erreicht. Siege im DFB-Pokal erschienen in jener Periode wie „Trostpreise“: Wieder kein Henkelpott, wenigstens der nationale Pokal – nichts Besonderes. In FCB-Foren konnte man zu der Zeit nicht selten lesen: „Würde fünf DFB-Pokal-Siege für ein Endspiel in der CL eintauschen“.
Die Zeiten haben sich wieder geändert: Nach 1971-82 und 1986-98 droht die dritte große Pokalflaute zu Bundesligazeiten des FC Bayern. Die Spieler würden diese sicherlich in Kauf nehmen, wenn das „Meisterschafts-Abo“ erneut bestehen bleibt und man international wieder annähernd so erfolgreich wie die Beckenbauer-Bayern von 1974 bis 1976 sein könnte. Am liebsten würden sie wohl aber das dritte Triple der Vereinsgeschichte nach 2013 und 2020 einfahren…
Titelbild: FCB-Fankurve vor dem Pokalfinale 2016 gegen den BVB.
