Faires Mittel? Das „Erfolgskonzept“ von Union Berlin gegen den FC Bayern

Der FC Bayern ist nach drei Jahren wieder ins Pokal-Viertelfinale eingezogen. Der unterlegene Gegner bekommt aber mindestens ebenso viel Applaus. Zu Recht? Ein Kommentar.

Union Berlin ist die einzige deutsche Mannschaft, die dem FC Bayern in dieser Saison Punkte abknüpfen konnte. Beim 2:2-Unentschieden Anfang November wurde die Europarekord-Siegesserie der Münchner an der Alten Försterei beendet. Harry Kane rettete dem Rekordmeister damals in der Nachspielzeit mit seinem Kopfballtreffer einen Punkt und konnte dem Ganzen auch seine positive Seite abgewinnen: „Natürlich wollen wir jedes Spiel gewinnen, aber so eine Serie kann auch Druck aufbauen. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, dass sie jetzt endet – Hauptsache, nicht mit einer Niederlage.“

Dabei dachte der 32-jährige FCB-Toptorjäger bei seinem folgenden Statement wohl auch schon mit ein bisschen Grausen an das anstehende Pokal-Achtelfinale am selben Ort: „Es war ein typisches Kampfspiel mit vielen langen Bällen und Standards. Der Platz war schrecklich, der Ball sprang überall herum.“ Sicherlich werden sich nicht nur die Gedanken des Engländers um die widrigen Umstände in Berlin-Köpenick gedreht haben. Auch Coach Vincent Kompany wird diese in seine Vorbereitung auf den zu erwartenden Pokal-Fight einfließen haben lassen. Die Bayernspieler sollten jedenfalls gewarnt gewesen sein – und waren letztendlich doch machtlos.

Rasen in der Alten Försterei wieder nicht geeignet für Profi-Fußball

Denn auch in der Pokal-Partie war früh zu erkennen, dass der Rasen in der Alten Försterei nicht ansatzweise das Niveau für gepflegten erstklassigen Fußball bieten würde. Das Kombinationsspiel des Rekord-Pokalsiegers wirkte gehemmt. Dribblings blieben im Ansatz hängen, simple Pässe misslangen. Umso besser für Kimmich, Kane & Co., dass man bei Standards nicht vom Geläuf abhängig ist: Eine auf diese Weise erzielte frühe 2:0-Führung beruhigte das Spiel. Entschieden war es aber natürlich noch längst nicht – große Beiträge dazu leisteten Rasen und Schiedsrichter, weniger die später viel gelobten Köpenicker.

Das Spielfeld-Grün verdiente bereits nach 35 Minuten nicht mehr den Namen „Rasen“, es verwandelte sich in zunehmenden Maße in einen „Krautacker“. Für Kreisliga-Kicker ein in den Wintermonaten vertrautes Terrain, im heutigen Profifußball durchaus ein Grund für den verantwortlichen Greenkeeper, sich zu schämen. Aber vielleicht hat der in Ostberlin gerade dafür großes Schulterklopfen mit Augenzwinkern erhalten.

„Krautacker“ und Schiedsrichter machen Pokalspiel nach einmal spannend

Nach 35 Minuten tobte der Union-Anhang: FCB-Innenverteidiger Jonathan Tah hatte den Ball im eigenen Strafraum klar mit dem allerdings angelegten Arm berührt. SR Martin Petersen ließ jedoch weiterspielen. Knapp drei Minuten später schaufelte auf der anderen Seite des Spielfelds Harry Kane den Ball zur vermeintlichen Vorentscheidung zum 3:0 ins Tor. Nicht sofort, aber nach einigen Sekunden hob der SR-Assistent jedoch seine Fahne: Abseits. Allerdings war vor dem FCB-Torjäger ein Union-Spieler zuletzt am Ball.

So gab es Kontakt von Petersen mit dem VAR. Würde der die Korrektheit des Münchner Treffers bestätigen? Kümmerte die SR-Garde überhaupt nicht, Thema war plötzlich wieder die Handszene Minuten zuvor! Und es gab zum Entsetzen des FC Bayern tatsächlich Elfmeter. Dazu der Referee nach der Partie: „Tah hat einen guten Blick zum Ball. Er sieht den Ball schon auf sich zufliegen, er ist also erwartbar, und er verschätzt sich einfach im letzten Moment. „Er versucht dann zwar, den Arm noch wegzuziehen, aber er verbreitert die Körperfläche. Der Ball ist auch erwartbar und damit ist es ein strafbares Handspiel.“

Hat da der Unparteiische des VfB Stuttgart – übrigens eine extrem fragwürdige SR-Ansetzung, spielt doch der FCB am Samstag in der Bundesliga in Stuttgart gegen Petersens Verein – wirklich exakt hingeschaut? Er erkennt, dass der FCB-Nationalspieler den Arm wegziehen will, bezeichnet den Ball an diesen wiederholt als „erwartbar“. Tatsächlich ist der Ball nämlich – auf dem Berliner Krautacker – unerwartet stark vor Tah versprungen. Der 29-Jährige hat lediglich reflexartig auf die abrupte ganz deutlich sichtbare Richtungsänderung des Balles reagiert. Konsequenz: 1:2 anstelle von 0:3!

Berliner „Rasen“ verhindert den gewohnten FCB-Fußball

Letztendlich verscherzte sich der schwäbische Schiedsrichter mit seinem zweiten Elfmeterpfiff pro Union, den die Berliner abermals durch Leopold Querfeld zum 2:3 nutzen konnten, sämtliche Sympathien der Gäste aus München. Selbst Vincent Kompany, der Inbegriff des fairen Sportsmanns, ärgerte sich so sehr darüber, dass er mit Gelb verwarnt wurde. Noch bitterer für die Bayern: Es waren noch 40 Minuten zu spielen und ihre eigenen Waffen, das technisch versierte Fußballspiel, wurden angesichts des schlechter und schlechter werdenden Berliner Grüns immer stumpfer.

Stattdessen waren die FCB-Kicker in der restlichen Spielzeit einem Unioner Dauerfeuer an weiten Bällen, Flanken, Einwürfen ausgesetzt. Der eigene Spielansatz blieb im wahrsten Sinne des Wortes am Berliner Untergrund kleben. Gerade Michael Olise und Luis Díaz schienen daran nahezu zu verzweifeln. Bemerkenswert, dass nach der Partie von Münchner Seite dazu kaum Klage aufkam.

Kompany erwähnte den Umstand fast schon versteckt in einem Nebensatz und „Dreifach-Vorbereiter“ Kimmich zeigte sich eher glücklich und erleichtert wegen des Weiterkommens. Der 30-Jährige war mit der ersten Hälfte zufrieden, vermisste aber danach das spielerische Element, was auf dem „Rasen“ in Köpenick, auf dem man „keine drei Pässen nacheinander spielen“ hätte können, allerdings auch schwer gewesen sei.

Union zu Recht stolz auf sein „Erfolgskonzept“ gegen den FC Bayern?

Auch wenn Union-Coach Steffen Baumgart nach der Partie zwar stolz auf seine von allen Seiten – zu Recht – gelobte Truppe war und sich ärgerlich zeigte, dass sie sich nicht mit einem Weiterkommen belohnen konnte, müsste er als Fußballfachmann und fairer Sportsmann tief drinnen wissen, wie dieses knappe Resultat letztendlich zustande kam.

Im Amateurfußball ist es bis in die untersten Ligen schon lange ein häufig angewendetes „adäquates“ Mittel, spielerisch dominante Gegner in der nasskalten Jahreszeit auf dem schlechtesten Platz der eigenen Sportanlage zu empfangen – die simple Message beim Empfang des technisch versierten Tabellenführers lautet dann: „Hauptplatz gesperrt“. Aber muss das auch im Profifußball der Fall sein? Ist das – abgesehen von einer erheblich erhöhten Verletzungsgefahr – sportlich korrekt und fair? Und: Nachdem es für jeden Fußballfan gar so offensichtlich ist: Muss man so einen Klub dafür tatsächlich bejubeln?

3 Kommentare zu „Faires Mittel? Das „Erfolgskonzept“ von Union Berlin gegen den FC Bayern

  1. Auf dem „besseren Platz “ beim 2:2 kamen die Berliner anscheinend selbst besser zurecht, also schließe ich mal die Platzverhältnisse aus. Oder liegt es dann doch daran das der Gegner Bayern München einfach besser war?

    1. Der Platz war ja (siehe Kommentar Kane) schon beim ersten Spiel miserabel. Das fand allerdings ein paar Tage nach der Schlacht in Paris statt.
      Hast du denn das Pokalspiel (oder beide Spiele) gesehen? Natürlich spielten beide Male die Platzverhältnisse eine gewaltige Rolle.

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