Die Lehren, die der FC Bayern aus der Arsenal-Pleite ziehen muss

Nach dem besten Saisonstart seiner Vereinsgeschichte hat der FC Bayern beim FC Arsenal die erste Niederlage dieser Spielzeit hinnehmen müssen. Warum diese sogar hilfreich sein kann.

Heutzutage ist der Grat zwischen Himmel und Hölle im emotionalen Fußball ein ganz schmaler: Nach dem 2:1-Coup in Unterzahl vor drei Wochen beim amtierenden CL-Sieger PSG titelten die Gazetten über den FC Bayern: „Dampfwalze ohne Bremse“, „beste Mannschaft Europas“ (und damit der Welt) und feierten den Europa-Saisonstartrekord von 16 Pflichtspielen. Aber keine Serie ist unendlich und so schlagen die Claqueure von vor Kurzem nach der 1:3-CL-Niederlage im Emirates Stadium des FC Arsenal sofort so erbarmungslos zu, als hätte der deutsche Rekordmeister eine 0:5-Klatsche erlitten: „Arsenal überrollt Bayern“ und „Arsenal zerpflückt den FC Bayern“ gehören noch zu den harmloseren Schlagzeilen.

Zum Ende der Rekordserie Spott: Nun muss Ruhe bewahrt werden

Dass eine Rekordserie von 17 Siegen und einem Unentschieden bei 64:15 Toren bei der ersten Niederlage nichts mehr wert sein wird, konnten sich die Bayern für den „Fall der Fälle“ schon denken. Dass dieser fantastische Startrekord aufgestellt wurde, obwohl die Experten vorher fast einheitlich wegen der Teilnahme an der Klub-WM und quasi inexistenter Saisonvorbereitung einen krassen Fehlstart prognostiziert hatten – geschenkt. Bei aller Kritik, aufkommender Häme und Spott – besonders häufig bei den ganz Großen auftretend – muss man an der Säbener Straße jetzt besonders eines tun: Die Ruhe bewahren.

Natürlich war die Niederlage beim neuen Spitzenreiter der CL-Tabelle und souveränen Tabellenführer der Premier League, der stärksten Liga der Welt, letztendlich in dieser Höhe verdient, man wurde aber keineswegs überrollt und es war auch mitnichten ein Debakel. Es war eine einigermaßen unangenehme, wohl auch schmerzhafte Erfahrung, aber genau solche sind häufig die Wegweiser für spätere große Champions.

Denn sollte man den Nord-Londonern noch einmal im laufenden Wettbewerb begegnen, gibt es Hin-und Rückspiel oder es wird bestenfalls im Finale in Budapest sein. Dieses Mal haben die Gunners ihren Heim-Vorteil auf maximale Weise ausgenutzt. So sprach Bayern-Boss Max Eberl nach dem Spiel von einem „organisierten Chaos“, das Arsenal verursacht habe. Er sagte, man merke es im ganzen Stadion bei jedem Balljungen – alles sei darauf aufgebaut, den Gegner zu schikanieren und den Schiedsrichter ein Stück weit auf seine Seite zu ziehen. Ist perfekt gelungen, auch FCB-Coach Vincent Kompany deutete dies auf der PK nach der Partie ebenso dezent wie eindeutig an.

London war dieses Mal ein zu heißes Pflaster – das kann sich ändern

Klare Torwart-Behinderungen im Fünfmeterraum wurden weit länger als ein Jahrhundert konsequent in jeder Liga der Fußballwelt rigoros als Foul abgepfiffen. Dies hat sich im Laufe der letzten Jahre schleichend zum krassen Nachteil der Keeper verändert. Einen Torwart jedoch derart dreist und ungeahndet zu attackieren, wie es Arsenal mit dem körperlich gewiss nicht schwachen Manuel Neuer beim 0:1 aus Bayern-Perspektive getan hat, ist eine neue Dimension. Darauf muss man sich künftig sowohl in der Defensive als auch im eigenen Offensivbemühen einstellen, auch wenn – leider – jeder Schiedsrichter seine eigene Linie fährt.

Trotz 60 Prozent Ballbesitz seitens der Gäste aus München hatte der PL-Spitzenreiter ab der zweiten Halbzeit tatsächlich ein großes Chancen-Übergewicht. Es gibt sogar Statistiken, die belegen wollen, dass diese Häufigkeit der bayerischen Defensive schon seit sehr langer Zeit nicht mehr passiert ist. Diese werden hier deswegen bewusst nicht explizit genannt, weil in ihnen unterschlagen wird, dass sich die Londoner bei einigen dieser Großchancen (knapp) im Abseits befanden. Nur die Tatsache, dass sie eben nicht zu einem der drei Arsenal-Treffer führten, verhinderte jeweils die VAR-Überprüfung.

Der FC Arsenal, vor dem Spiel das Gegentor-lose Abwehrbollwerk in der Königsklasse, musste gegen den FCB selbst seinen ersten Gegentreffer im laufenden Wettbewerb hinnehmen: Eine Weltklasse-Co-Produktion von Joshua Kimmich, Serge Gnabry und Torschütze Lennart Karl. Hätte Josip Stanišić kurz später bei einem FCB-Konter Vier gegen Zwei nur etwas mehr die Übersicht bewahrt, wäre eine nicht unverdiente Halbzeitführung des deutschen Rekordmeisters möglich gewesen. Vielleicht wäre es in der zweiten Halbzeit dann besser gelaufen – diese war aus Münchner Perspektive schlichtweg zu fehlerhaft, um etwas aus London mitnehmen zu können. Fehlerquellen, die aber alle von einer Klassemannschaft wie den Kompany-Bayern zu beheben sind.

Eine Niederlage sollte nicht eine bisher herausragende Saison negativ beeinflussen

Das 1:3 im Emirates Stadium war aus den genannten Gründen alles andere als ein Beinbruch. Nur sehr wenige Experten hätten erwartet, dass der FCB nach den beiden November-Auswärtsspielen in Paris und London auf einem ausgezeichneten dritten Tabellenplatz bei 36 Teilnehmern stehen würde. Arsenal ist nun Tabellenführer vor PSG, welches vor drei Wochen den Bayern zuhause unterlegen war.

Dass der FC Bayern bei der Auslosung der acht CL-Liga-Gegner alles andere als den legendären Dusel hatte, zeigt auch ein weiterer Blick auf die Tabelle: Auch der in der Allianz Arena souverän besiegte Klubweltmeister FC Chelsea (3:1) befindet sich als Siebter in den begehrten Top-8. Die Bilanz der drei genannten Gegner ohne die Partien gegen die Bayern: Elf Siege, ein Unentschieden.

Fokus auf den zweiten Platz in der CL-Ligaphase

Und auch die restlichen drei Gruppengegner haben es noch in sich: Zunächst Anfang Dezember der amtierende portugiesische Double-Sieger Sporting Lissabon, als aktueller Achter ebenfalls auf Kurs direktes Achtelfinale. Und im Januar zuerst der belgische Tabellenführer Union Saint-Gilloise, der an diesem Spieltag beim heimstarken türkischen Meister Galatasaray Istanbul mit 1:0 gewonnen hat – und dann zum Abschluss der niederländische Meister und Tabellenführer PSV Eindhoven, dem gerade ein sensationeller 4:1-Sieg beim FC Liverpool gelang.

Dennoch sollte das Ziel des FC Bayern der zweite Tabellenplatz nach den acht Ligaspielen sein. Dieser bietet für die nachfolgende KO-Phase exakt dieselbe günstige Ausgangssituation wie der Liga-Gewinn. Gelingt dies dem Rekordmeister, könnte er im Wettbewerb sehr weit kommen – und wenn er die Pleite richtig einordnet, aus den begangenen Fehlern lernt, Kompany scheint hierfür der perfekte Coach zu sein, dann ist am Ende gar der Gewinn des Henkelpotts möglich. Auch der FC Arsenal wird nicht unbesiegbar bleiben, am Sonntag muss er beim PL-Zweiten Chelsea antreten…

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